Wie italienisch wird Europa?
„Geduld ist eine gute Eigenschaft. Aber nicht, wenn es um die
Beseitigung von Missständen geht.“
Margaret Thatcher
Es war eine Nacht der Enttäuschungen. Erst kassierte die beste deutsche Nationalmannschaft, die wir seit Jahrzehnten hatten, eine beschämende Niederlage gegen Italien. Und dann pressen die Regierungschefs Spaniens und Italiens die Bundeskanzlerin in einen faulen Kompromiss, der die Unsicherheit auf den Finanzmärkten mittelfristig möglicherweise vergrößern wird.
In beiden Fällen lohnt sich der Blick auf die Machbarkeit des Besseren. Trainer Löw mag sich bei der Aufstellung in der ersten Halbzeit vertan haben – aber gegen diese unglaublich schnelle italienische Mannschaft war ein Rezept nicht leicht zu finden. Manche, die Löw am Donnerstagnachmittag noch einen Heiligschein aufsetzten, erklärten ihn Donnerstagnacht zum Idioten, aber das sagt wesentlich mehr über diese „Experten“ als über diesen insgesamt erfolgreichen und offensichtlich qualifizierten Trainer.
Hätte Merkel mehr erreichen können? Man muss sagen, dass die Beschlüsse dieser Nachtsitzung gleich mehrere rote Linien überqueren. Länder, die die Möglichkeiten der Rettungsschirme nutzen, müssen keine zusätzlichen Auflagen befürchten, solange sie die Vorgaben aus dem Stabilitäts- und Wachstumspakt pünktlich erfüllen. Und Banken sollen sich künftig direkt Geld aus den Rettungstöpfen holen können, so dass die Bankenrettung keine Erhöhung der Staatsschulden mehr erzeugt.
Das heißt nichts anderes, als dass der Griff nach dem rettenden Geld deutlich leichter wird. Leichter als bisher und leichter als von Merkel gefordert. Die Antwort auf die Frage, wie man das finden soll, hat mit dem Grad des Vertrauens in die ökonomische Vernunft der Regierenden Europas zu tun.
Bisher wirkt der Blick in die Runde ernüchternd: Kluge Solidität aus eigener Einsicht ist vor allem, aber nicht nur in Südeuropa rar. Das eklatanteste Beispiel liefert der französische Präsident Hollande. Sein Land hat seine Schulden binnen zehn Jahren verdoppelt, aber Hollande führt, kaum im Amt, die Rente ab 60 wieder ein. Deutsche Arbeitnehmer schonen die Staats- und Sozialkassen, indem sie glatte sieben Jahre länger auf Schicht gehen.
Der Durst ist größer als das Portemonnaie, der Wille zur Umverteilung größer als der Reichtum – diese Mentalität in einem großen Teil der Euro-Staaten hat wesentlich zur Schuldenkrise beigetragen, und sie ist längst noch nicht überwunden. Man kann den Optimismus der Kanzlerin bewundern, die von guten Regelungen spricht, teilen muss man ihn vor diesem Hintergrund nicht.
Merkel beugte sich am Ende blanker Nötigung. Italien und Spanien hatten ihre Zustimmung zum Wachstumspakt verweigert – eine skurrile Erpressung, denn gerade die überschuldeten Länder der Euro-Zone bedürfen der Wachstums impulse am dringendsten.
Warum Merkel diese unverschämte Erpressung nicht einfach ausgesessen hat, kann nur spekuliert werden. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass hartnäckige Überzeugung eine große Mehrheit der Partnerländer aufwiegt. Legendär sind die Erfolge der Eisernen Lady Margaret Thatcher, von denen ihr Land zum Teil bis heute profitiert.
Die wahrscheinlichste Erklärung für Merkels Verhalten ist die Furcht vor der Abwärtsspirale aus steigenden Schulden, steigenden Zinsen und zusammenbrechender Konjunktur. Vielleicht musste die Kanzlerin diesen Kompromiss eingehen – um Europa handlungsfähig zu halten und um zu verhindern, dass wichtige Exportmärkte der deutschen Wirtschaft noch stärker leiden. Die Schockwellen reichen längst bis in unsere Region.
Die Gipfelbeschlüsse sind riskant. Sollte bei den Managern der Finanzwelt der Eindruck entstehen, Europa werde nicht deutscher, sondern italienischer, dann wäre erheblicher Schaden zu befürchten. Italienische Verhältnisse empfehlen sich gegenwärtig im Fußball. Und nur dort.

