Familienidyll zerbricht – „Unser Ort trauert“
Groß Ilsede Begreifen kann niemand, was in dem Reihenhaus in Groß Ilsede geschehen ist. Im Ort herrschen Entsetzen, Ratlosigkeit und tiefe Trauer.
„Als ich heute Morgen mit meinem Hund draußen war und die vielen Streifenwagen gesehen habe, da habe ich gleich gewusst, dass was mit den Kindern nicht stimmt“, diktiert der Mann einem Reporter in den Block. Sie stehen auf dem Fußweg entlang des Schmedenstedter Wegs in Groß Ilsede.
In der Nacht zum Freitag entdeckte die Polizei dort in einem der Reihenhäuser vier tote Kinder und deren schwer verletzten Vater. Die Staatsanwaltschaft Hildesheim hält den 36-Jährigen für dringend tatverdächtig. Bislang war er nicht polizeibekannt – ein unbescholtener Familienvater. „Nein, das habe ich dem Mann nicht zugetraut“, sagt der Anwohner. „Das war nicht abzusehen. Der ist immer sehr lieb mit seinen Kindern umgegangen.“
Die Staatsanwaltschaft Hildesheim geht davon aus, dass es in der Ehe des Paares Probleme gab und der 36-Jährige die Trennung von seiner Frau nicht verkraftet hat. Ein Abschiedsbrief, den die Ermittler fanden, lege das nahe. Die 33 Jahre alte Ehefrau, so Oberstaatsanwalt Bernd Seemann, befand sich während der Tat im Urlaub – Nachbarn zufolge in Dänemark.
„Es war eine Bilderbuch-Beziehung“
Am Haus der jungen Familie am Schmedenstedter Weg sind einige Rollläden heruntergelassen. Im Garten stehen Spielgeräte, ein Haus mit Rutsche, ein Fußballtor. Auch ein Basketballkorb hängt dort. Im Fenster baumeln Bastelarbeiten. Alles wirkt gepflegt, liebevoll. Ländliche Idylle. Wie die ganze Gegend. Der Schmedenstedter Weg in Groß Ilsede ist eine Wohnstraße mit Reihenhäusern, Ein- und Mehrfamilienhäusern – gutbürgerlich. „Ein hervorragendes Wohngebiet“, wie Ilsedes Bürgermeister Wilfried Brandes betont.
Eine befreundete Familie erzählt: „Für uns war das immer eine Bilderbuch-Beziehung.“ Der Vater sei Straßenwärter von Beruf und seit vielen Jahren aktiv in der Freiwilligen Feuerwehr. „Und sie war zu Hause – Hausfrau und Mama. Jetzt nach dem Urlaub wollte sie eigentlich wieder anfangen zu arbeiten.“
Ein anderes Bild zeichnet ein weiterer Nachbar: „Die Frau ist sehr sympathisch, der Mann aber ist sehr verschlossen, er hat nicht immer gegrüßt. Die Kinder haben hier immer im Hof gespielt.“
Die Ehefrau hatte am Abend der Tat eine SMS von ihrem Mann erhalten, in der er die Tat angekündigt habe, so die Staatsanwaltschaft. Daraufhin habe sie Verwandte informiert, die wiederum Polizei und Feuerwehr alarmierten. Gegen 23.30 Uhr am Donnerstag kamen die ersten Einsatzkräfte im Schmedenstedter Weg an. Ihnen bot sich ein grausiges Bild: vier tote Kinder mit schwersten Schnittverletzungen. Die Beamten vor Ort riefen Verstärkung, auch der Ilseder Kommissariatsleiter Gerd Niebel machte sich auf den Weg, genauso wie der Peiner Polizeichef Thomas Bodendiek. Das Ganze geschah bewusst lautlos. Ermittlungstaktik. Nichts drang nach draußen. Nicht mal Anwohner in der Reihenhauszeile wurden wach. Erst am Morgen ging die Nachricht in die Welt.
Mehrere Kamerateams am Tatort
Jetzt, am Freitagvormittag, schirmen die Polizisten den Tatort ab. Stumm gehen die in weiße Overalls gekleideten Spurensicherer mit Plastiksäcken und Klappkörben vom Tatort zu ihren Fahrzeugen und wieder zurück. Es geht um Beweismittel.
Mittlerweile sind viele Journalisten und mehrere Kamerateams am Tatort. Ein Anwohner spricht ins Mikro: „Na ja, also, der Mann soll psychisch krank gewesen sein. Das war bekannt. Aber mehr weiß ich da nicht drüber.“
Der mutmaßliche Täter kann noch nicht zum Geschehen befragt werden. Die Rettungskräfte fanden ihn schwer verletzt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er auch seinem Leben ein Ende setzen wollte. Nun liegt der 36-Jährige in einer Klinik im künstlichen Koma.
Völlig unklar sind die Motive für diese unvorstellbar grausame Tat. Die eigenen Kinder töten, die ein Vater doch lieben muss. Was treibt jemanden zu so einer Tat? Warum will jemand in den Tod gehen, seine Kinder mitnehmen – und seine Frau am Leben lassen? Kann der Schmerz einer gescheiterten Lebensplanung solche Auswüchse haben? Vielleicht wird es später einmal im Gerichtssaal Antworten auf diese Fragen geben. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren wegen dringenden Mordverdachts in vier Fällen eingeleitet, einen Untersuchungshaftbefehl beantragt und die Obduktion der vier Leichen angeordnet.
Zurück auf der Straße. Eine Mutter mit Kleinkind an der Hand nähert sich. Man spürt, sie will nicht angesprochen werden – es gelingt ihr. Auch ein Radfahrer tritt angesichts von Polizei und Fernsehteams kräftig in die Pedale. Andere dagegen lassen sich von den Kameraleuten ansprechen: „Man achtet hier als Nachbar auf den anderen“, sagt einer. „Als die Frau auszog, okay, das nimmt man zur Kenntnis. Warum die sich getrennt haben, keine Ahnung.“
„Das ist pietätlos, was Sie hier machen“
Weitere Fotografen treffen ein. Sie wollen Tatortbilder machen. Wenigstens die Haustür im Bild haben, vielleicht den Flur. Doch sie scheitern an einer Polizeibeamtin. „Das ist pietätlos, was Sie hier machen“, sagt sie laut mit unterdrückter Wut. Dann ist es wieder still im Schmedenstedter Weg. Die Spurensicherer rücken nach und nach ab.
Überhaupt ist es im ganzen Ort für die Mittagszeit sehr still. Der Kindergarten, in den der jüngste Sohn ging, ist abgeschlossen. Eine Frau öffnet die Tür und sagt nur: „Das war für uns alle ein unheimlicher Schock, wir müssen uns erst einmal selbst wieder finden.“
Die Schulleitungen von Grundschule und Gymnasium, auf die die anderen Kinder gingen, haben ihre Schüler früher nach Hause geschickt. Die Lehrer besprechen sich hinter verschlossenen Türen mit einem Psychologen-Notfallteam der Landesschulbehörde.
Ein paar Schüler sitzen vor dem Schulzentrum. „Die Stimmung ist Scheiße“, sagt ein Mädchen. „Manche haben geweint, andere machen sich jetzt schon Sorgen, was mit ihren Kindern irgendwann mal sein könnte.“
„Wir haben ja schon gemerkt, dass mit den Lehrern was nicht stimmt. Die waren voll durch den Wind“, berichtet eine andere Schülerin. „Uns wollten sie nichts sagen, aber wir haben es trotzdem erfahren. Durch Freunde und aus dem Internet.“ Und dann sei ab der vierten Stunde kein Unterricht mehr möglich gewesen, die Lehrer schickten die Kinder nach Hause. Die meisten wurden von ihren Eltern abgeholt, viele mit Tränen in den Augen.
„Unser Ort trauert“, sagt der evangelische Pastor Walter Faerber am Abend nach einer Andacht, die in Groß Ilsede unter Ausschluss der Medien stattfand. Faerber war auch in der Nacht als Notfallseelsorger im Einsatz.

