Bier: Alkoholfrei – aber irgendwie auch nicht
Braunschweig Biersorten alkoholfrei zu nennen, halten Verbraucherschützer für Betrug: Foodwatch setzt Clausthaler auf die Anwärterliste für die Werbelüge des Jahres.
Klar: Die Brauereien können Bier produzieren, das gar keinen, also null Prozent Alkohol enthält. „So schmeckt das Bier dann aber auch“, sagt der Geschäftsführer des Norddeutschen Brauereiverbands, Michael Scherer. Weil Alkohol ein Geschmacksträger ist, und bis zu 0,5 Volumenprozent in Getränken erlaubt sind, stellen die Brauereien stattdessen ein Getränk her, das sie „alkoholfrei“ nennen, das aber nicht vollkommen alkoholfrei ist.
Verbraucherschützer finden das unmöglich. Die Organisation „Foodwatch“ setzte deshalb jüngst ein alkoholfreies Bier der Marke Clausthaler auf die Liste für den „Goldenen Windbeutel“ – ein Negativpreis für die dreisteste Werbelüge des Jahres.
Den Verbraucher stört die Lüge der Brauereien vielleicht auch, aber nicht so sehr, dass er sich den Genuss des alkoholfreien Bieres vermiesen lässt: Alkoholfreies Bier wird immer häufiger verkauft, während bei allen anderen Biersorten der Absatz sinkt (siehe Grafik).
Wie viel Alkohol darf in alkoholfreiem Bier enthalten sein?
Mit einem Blick ins Gesetz ist die Frage nicht zu beantworten – es gibt nämlich für diese Frage keinen passenden Paragrafen. „Allerdings gibt es einen Wert, den die Rechtsprechung herausgearbeitet hat“, sagt Rechtsanwalt Benjamin Bothe aus Braunschweig, der auf Lebensmittelrecht spezialisiert ist.
„Alles, was zwischen null und 0,5 Volumenprozent Alkohol enthält, darf noch als „alkoholfrei“ bezeichnet werden. Hintergrund: Es gibt einfach zu viele Getränke – Apfelsaft zum Beispiel – die ebenfalls kleinste Mengen dieser Größenordnung an Alkohol enthalten. Man käme mit dem Deklarieren also kaum noch nach. Auch Kefir enthält übrigens Alkohol, ist aber vermutlich nicht ganz so beliebt wie Bier.
Was fordern Verbraucherschützer und wie wollen sie das Bier bezeichnen?
Verbraucherschützer stören sich an zwei Dingen: Der Restalkoholgehalt wird auf der Bierflasche nicht angegeben. Und natürlich stört sie das Wort „frei“. „Man kann nicht etwas als ‚alkoholfrei‘ bezeichnen, wenn doch genau dieser Stoff enthalten ist“, sagt Hedi Grunewald, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Das sähen viele Verbraucher als Irreführung. Die Forderung der Verbraucherzentralen: „Nur Bier, das null Prozent Alkohol enthält, darf als alkoholfrei bezeichnet werden. Die anderen sollten das Etikett alkoholarm tragen“, sagt Hedi Grunewald.
Dürfen Schwangere alkoholfreies Bier trinken?
Neben Malzbier gilt auch das alkoholfreie Bier als Schwangeren-Getränk – obwohl beide einen minimalen Anteil an Restalkohol enthalten. Empfehlen möchte Thomas Dewitz, Chefarzt der Frauenklinik im Klinikum Gifhorn, Schwangeren das Bier deshalb nicht so gern. Aber: „Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ist der Verzehr unbedenklich für das ungeborene Kind.“
Wie viele alkoholfreie Weizenbiere müsste man trinken, damit man etwas merkt?
So viele, dass man wahrscheinlich aus anderen Gründen kein Auto mehr fahren könnte. Alkoholfreies Bier enthält maximal ein Zehntel der Alkoholmenge eines Vollbieres. Bei mindestens zehn alkoholfreien Bieren wäre also der Alkoholwert eines Vollbieres erreicht. „Man kommt dann auf Mengen, die nicht mehr wirklichkeitsnah sind“, sagt der Leiter der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Braunschweig, Christoph Haedicke. Wer auf einer Feier drei Weizen trinke, könne bedenkenlos Auto fahren. Trockenen Alkoholikern raten Ärzte jedoch dringend vom Konsum ab. „Da sind kleinste Mengen an Alkohol tabu“, sagt der Arzt.
Warum gilt alkoholfreies Weizen eigentlich als Sportlergetränk?
Alkoholfreies Weizen wird als Sportlergetränk bezeichnet, weil es isoton ist. Isotonische Getränke haben den gleichen Mineralstoffgehalt wie die Körperflüssigkeit. „Unsere Körperflüssigkeit besteht ja nicht aus purem Wasser“, sagt Arzt Haenicke. „Das zeigt sich zum Beispiel am Schweiß, der ja salzig schmeckt.“ Was ausgeschwitzt wird, muss aber wieder durchs Trinken ausgeglichen werden.
Trinkt man ein nicht-isotonisches Getränk, liefert es keine Mineralien und Elektrolyte. Beispiel: Leitungswasser. Weil Sportler besonders viel schwitzen, brauchen sie isotonische Getränke. Apfelschorle zum Beispiel. Oder auch alkoholfreies Bier. Aber Achtung: Nicht jedes alkoholfreie Bier ist isotonisch, fand die Stiftung Warentest 2010 heraus.

