Selig mit Beethoven

Fünf Minuten mit  Marie Rosa Günter – Was ist aus der sechsfachen Bundessiegerin bei „Jugend musiziert“ geworden? Am Freitag spielt die 23-Jährige bei Schimmel.

Braunschweig. So zierlich, so zerbrechlich – und doch auch so klar und gewiss. Marie Rosa Günter weiß, was sie will – und vor allem, was sie nicht will. Zum Beispiel Musik machen nur der Schönheit wegen. „Musik ist so viel mehr, ist Emotion in allen Spielarten“, sagt die 23-Jährige.

Sechsmal war die Pianistin Bundespreisträgerin bei „Jugend musiziert“. Ihre Auszeichnungen kann Marie Rosa kaum mehr zählen. Die Städtische Musikschule kann stolz auf ihre Schülerin sein. „Ach, das ist lange vorbei“, winkt sie ab. Keine gezierte Bescheidenheit, sondern ein entschiedener Blick nach vorn. Nur nicht auf den Lorbeeren ausruhen.

Inzwischen studiert Marie Rosa im achten Semester an der Musikhochschule in Hannover. Bald steht der Bachelor-Abschluss an, dann soll der Master folgen. Lernen will sie, Neues erschließen, ungeahnte Grenzen überschreiten. „Es gibt so viele Dinge, die es mit dem Klavier zu entdecken gibt“, sagt sie. Marie Rosa ist klar, dass sie die Musik ihr ganzes Leben in Anspruch nehmen wird. Kein Zweifel.

Eine beeindruckende kleine Person. Wirkt auf den ersten Blick, als könne sie ein Windhauch umpusten. Fast schüchtern. Doch schon beim zweiten Blick blitzt ihre Kämpfernatur auf. Zäh, analytisch, kritisch. Mit sich und anderen. So stört es sie, dass viele ihrer Kommilitonen schon im Studium nur auf die Karriere schielen und überall Konkurrenz wittern. Bereits die Uni ein Haifisch-Becken. „Es wird weniger über Musik geredet, als darüber, wer welchen Wettbewerb gewonnen hat.“ Eine Atmosphäre, in der sich Marie Rosa nicht sehr wohl fühlt. „Die Marketing-Vorlesung, die ich besuchen musste, hat mich ziemlich abgeschreckt“, gesteht sie. Wie kommerzialisiert das alles sei.

Da sei auch die Rede davon gewesen, dass Freunde und Familie der Karriere nützen könnten. „Nützen? Meine Freunde? Meine Familie? Das sind doch keine Menschen, mit denen ich zu einem kalkulierten Zweck zusammen bin, sondern weil ich sie liebe, mag und schätze.“ Da gehe es doch nicht um Nutzen.

Ja, das Haifischbecken. Marie Rosa weiß, dass auch Optik eine Rolle spielt. Vor allem bei jungen Pianistinnen. „Auf CDs sehen die meisten doch aus wie Popstars.“ Sie mag das nicht.

Was wünscht sie sich von ihrem Publikum? „Ich mag aufgeschlossene Zuhörer. Menschen, die nicht nur wegen des Interpreten kommen, sondern wegen der Stücke. Publikum, das nicht immer nur Gängiges hören möchte, sondern sich auch auf Überraschendes einlässt.“ Marie Rosa liebt Beethoven. Vor Bach, Schubert und Mozart. Aber Beethoven ist eben der Größte. Sie lächelt, als sie das sagt und zitiert den Meister mit einem gar pathetischen Bonmot: „Ich greife dem Schicksal in den Rachen.“

Diese unglaubliche Energie des unsterblichen Komponisten, die hat es ihr angetan. Doch auch dessen Empfindsamkeit. „Bei seinen langsamen Sätzen kann man durchaus in eine selige Stimmung kommen“, sagt sie.

Die Pianistin hat Beethovens Vermächtnis gelesen, das berühmte Heiligenstädter Testament – einen Brief an die Brüder, in dem Beethoven aufs Ergreifendste die Sorge um sein schlechter werdendes Gehör beschreibt, seine gesellschaftliche Isolation, die aufkeimenden Suizidgedanken. Beethoven, der große Grantler, der so garstig sein konnte, ungewohnt weich. „In diesem Brief wirbt er um Verständnis, beschreibt, wie er sein wahres Wesen empfindet.“

DAS KONZERT

Duo-Konzert mit Marie Rosa Günther und Schaghajegh Nosrati am Freitag, 26. September, 19.30 Uhr, im Schimmel Auswahlcentrum, Friedrich-Seele-Straße 20. Die Pianistinnen spielen Werke von Bach, Mozart und Gershwin. Tickets unter Tel: (0531) 80 18-1 78 oder unter: auswahlcentrum@schimmel-piano.de

Marie Rosa hat uns neugierig gemacht, und wir lesen nach. Wie traurig. Der Komponist hat ihn nie abgeschickt, diesen Brief. Wir werden dran denken müssen, wenn wir sie mal wieder Beethoven spielen hören.

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