„Keine Erklärung für das Unfassbare“

Braunschweig  Das Opfer des Mordversuchs hat sein Vertrauen in die Menschen verloren. Der 37-Jährige ist auf unbestimmte Zeit arbeitsunfähig.

Für den 37-Jährigen war er wie ein Bruder – ein Vertrauter, der zu Familienfeiern eingeladen wurde und für den er auch mal die Stromrechnung zahlte, wenn der am Studium Gescheiterte klamm war. Warum dieser Freund einen Mordplan gegen ihn schmiedete und versuchte, sein Leben mit Hammer und Teppichmesser „auf brutalste Weise auszulöschen“, wie es Erster Staatsanwalt Christian Krause in seinem Plädoyer vor dem Schwurgericht formuliert, ist für das Opfer bis heute unfassbar.

Das Verbrechen hat den Braunschweiger gezeichnet: Da sind die auffällige Narbe an der Wange und der Schmerz beim Kauen. Zwei Finger der rechten Hand, deren Beugesehnen vom Teppichmesser durchtrennt wurden, sind so gekrümmt, dass an schnelles Schreiben, wie er es für seinen Beruf braucht, nicht zu denken ist.

Ein offenes Schädel-Hirntrauma durch Hammerschläge auf den Kopf, ein durchtrennte Arterie im Gesicht – 49 zum Teil lebensbedrohliche Schnitt- und Schlagverletzungen an Kopf, Gesicht, Hals und Händen haben Ärzte gezählt. Der Vorsitzende Richter Ralf-Michael Polomski spricht von einem Massaker.

Doch hat der 37-Jährige am 22. Februar in seiner Wohnung, in der ihm der Freund (36) heimtückisch auflauerte, nicht nur beinahe sein Leben verloren – er muss auch mit den psychischen Folgen einer Tat leben, für die er keinerlei Anlass gegeben hat, wie der Angeklagte selbst einräumt.

„Sein Leben ist erschüttert, aus der Bahn geworfen“, sagt Opferanwalt Klaus Peineke. Seine Wohnung wurde zum Blutbad, auf unbestimmte Zeit ist er arbeitsunfähig, er durchleidet Panikattacken und Alpträume. Und das vielleicht Schlimmste: Er kann den Menschen nicht mehr vertrauen.

„Nicht ansatzweise Reue“

Den Prozess steht der 37-Jährige als Nebenkläger in der vergeblichen Hoffnung auf ein Zeichen der Reue und „irgendeine Erklärung für das Unfassbare“ durch, so Peineke. Beides aber habe er von dem früheren Freund, den er nur noch abstrakt „Täter“ nennt, nicht einmal ansatzweise erfahren.

Kann der Angeklagte seine Gefühle schlicht nicht zeigen, weiß er selbst nicht die Antwort auf die ungelöste Frage nach einem Motiv? Im Prozess sprach er kaum, ließ ein Geständnis durch seinen Verteidiger verlesen.

An seiner Täterschaft herrscht unter den Prozessbeteiligten kein Zweifel: Noch im Rettungswagen nannte das schwer verletzte Opfer Name und Adresse. In der Wohnung des bis dahin nicht vorbestraften Verdächtigen fanden Ermittler mit Blut des Opfers durchtränkte Kleidung, den Hammer und einen schriftlichen Tatplan. Widerstandslos ließ sich der 36-Jährige festnehmen.

Wäre sein Opfer gestorben, „wäre es schwer gewesen, auf den 36-Jährigen als Täter zu kommen“, verweist der Staatsanwalt auf eine „perfide Planung“. Ein DNA-Abgleich mit der Straftäter-Datei hätte zu keinem Treffer geführt. Zwischen Täter und Opfer bestand zudem aktuelle keine Verbindung. Selbst ein Scheinkontakt im Internet, mit dem der Angeklagte sein Opfer aus der Wohnung gelockt hatte, um sich in dieser Zeit selbst Zugang zu verschaffen, hätte sich nicht zu ihm zurückverfolgen lassen.

Der Staatsanwalt ist überzeugt: Der 37-Jährige hat nur überlebt, weil sein Angreifer in einer Blutlache auf dem Flur ausgerutscht ist – was dem Opfer einen Vorsprung verschaffte, um bei einer Nachbarin Sturm zu klingeln. Mit erhobenem Hammer und hasserfülltem Blick soll der Täter in der Tür gestanden haben, bevor er sich mit den Worten „Ach du Scheiße“ in die Tatwohnung zurückzog, als die Nachbarin öffnete. Er wusch sich die Hände und packte seine Sachen, bevor er sich davonmachte.

Mordversuch aus Heimtücke

Verteidiger Martin Geisler wertet das als Rücktritt vom Mordversuch und plädiert für eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung. Einen konkreten Strafantrag stellt er nicht.

Aus Sicht von Staatsanwalt und Schwurgericht ist die Tat hingegen wegen des plötzlichen Entdeckungsrisikos gescheitert. Versuchter Mord aus Heimtücke in Tateinheit mit gefährlicher und schwerer Körperverletzung lautet das Urteil. Fordert der Staatsanwalt lebenslange Haft, mildert das Schwurgericht die Höchststrafe wegen des Versuchs nach gängiger Praxis auf elf Jahre, drei Monate – und bleibt mit zehn Jahren Freiheitsstrafe knapp darunter. In einem im Prozess geschlossenen Vergleich über 50 000 Euro Schmerzensgeld „sehen wir die Übernahme von Verantwortung“, sagt Polomski. Andernfalls wäre die Strafe noch höher ausgefallen.

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