Die Sprengkraft einer Tupperdose

Braunschweig.   „Die Zugvögel“: Luc Degla legt neue Erzählungen vor. Am heutigen Dienstag liest der Autor in der Braunschweiger Buchhandlung Graff

Luc Degla.

Luc Degla.

Foto: Frank Schildener

Jetzt mal bitte nicht so scheinheilig: Wer wäre nicht schon mal der Versuchung erlegen, im Tagebuch eines anderen zu lesen? Wer wäre nicht bei diesem Vertrauensbruch ob der eigenen Indiskretion, aber auch wegen der geschilderten amourösen Beichten schamhaft errötet und hätte das Buch peinlich berührt am liebsten mit Hoffnung auf letzte Rettung der moralischen Integrität sogleich wieder dort verstaut, wo es hingehört. Wenn die Lektüre bloß nicht so anregend wäre...

Manches in so einem Tagebuch überblättert sich hingegen unproblematisch. Zu profan. Zu wenig konzentriert. Zu naja. Das neue Buch von Luc Degla, Braunschweigs Gesicht für Kolumne, Küche, Kneipe, Konzert, Kunst des Dichtens, kommt stilistisch wie ein Tagebuch daher. Unverkrampft, gar nicht gestelzt, nicht konstruiert am Reißbrett des Romanciers. Seine Erzählungen hüpfen thematisch munter von einem Alltags-Hotspot zum nächsten.

Der Autor bewährt sich mal wieder als feinsinniger Beobachter all der Lebenskapriolen, die jedem von uns schon mal mehr oder weniger satt widerfahren sind, die die meisten von uns aber vorbeiziehen lassen wie Zugvögel am Horizont. Degla hat sich den staunenden Blick für all das zwischenmenschliche Tohuwabu bewahrt, erzählt seinen Lesern irritiert, ernüchtert, amüsiert oder konsterniert, immer aber mit einem humorvoll-menschenfreundlichen Unterton mitten aus dem Nudeltopf der Wechselfälle des Lebens.

Gerade so wie bei einem Tagebuch gibt es Höhen und Tiefen. Unser Vorteil: Degla lässt uns teilhaben. Nun legt die Tagebuchassoziation natürlich nahe, dass die knapp 50 Geschichten als Protagonisten immer den Luc D. im Zentrum haben. Das ist natürlich nicht so! Ist ja Literatur! Alles fiktiv! Oder das meiste...Denn manches hat seinen wahren Kern denn doch im Deglaschen Privatkosmos.... Aber das wissen wir natürlich nicht!

Die Liebe ist ein großes, wenn nicht das alles und immer überspannende Thema des Autors. Und wie sie eigentlich immer nur krachend krachen gehen kann zwischen Mann und Frau. Wahrscheinlich, weil Frauen zu kompliziert sind. Und Männer alles immerzu verkomplizieren, weil sie zu pragmatisch rangehen. Da gibt es diese schöne Schnurre mit dem von dem Mann im Restaurant eingetupperten Essen, was ökobilanzmäßig ja eigentlich korrekt ist – was die Frau aber dennoch soooooo peinlich fand, dass sie im Boden versinken wollte. Aber dann, nachdem er es trotzdem in der Tupperdose heimwärts getragen und einer nächtlichen Hungerattacke folgend weggemampft hat, weil sie es ja sowieso unmöglich, also ungenießbar gefunden hatte, mendelt sie sich plötzlich auf: herzlos-lieblos-schamlos! Futterneid 2.0. Frauen sind so unlogisch. P.S.: Woraufhin er die Frau los war.

Wenn Degla sich Gedanken macht über kulturelle Unterschiede zwischen seinem Geburtsland Benin in Afrika und Deutschland, dann verfällt er nicht ins Dozieren, dann bleibt er bodenständig, alltagstauglich. Dann macht er Party! Studentenfete. Mitbringparty! Undenkbar in Benin. Diese einfältig-vielfältigen Kartoffelsalatorgien findet er befremdlich ebenso wie die Tatsache, dass jemand mit großer Geste einlädt, den Gästen aber mit der Einladung quasi die Beschickung des Büffet aufhalst und sich selbst aller Gastgeberqualitäten entledigt. Sein Resteverwertungsmitbringsel entbehrt nicht eines gewissen Ekelfaktors (also ich ess’ nichts mehr auf Mitbringpartys!), liest sich aber süffig weg.

Der lange Weg zur langen Original-Thüringer-Bratwurst hingegen ist: lang. Den hätte man im Tagebuch überblättert. So wechselt im Buch mitunter deutlich die literarische Bannkraft des Erzählten.

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