Widersprüche in den Aussagen – Verteidiger fordert Freispruch

Braunschweig.  In den Plädoyers im Fall wegen versuchten Mordes in der Weststadt gehen die Forderungen von Verteidiger und Staatsanwaltschaft weit auseinander.

Während der Verteidiger des Angeklagten auf Freispruch plädiert, fordert die Staatsanwaltschaft eine lange Haftstrafe (Archivbild).

Während der Verteidiger des Angeklagten auf Freispruch plädiert, fordert die Staatsanwaltschaft eine lange Haftstrafe (Archivbild).

Foto: Lara Hann

Zu viele Widersprüche, zu wenige Fakten. Für den Anwalt des Angeklagten steht fest: Sein Mandant muss freigesprochen werden. Die Staatsanwältin ist da anderer Meinung: Sie fordert neun Jahre Haft. Sie geht davon aus, dass der Geschädigte die Wahrheit sagt, und der Angeklagte ihn im Dezember 2017 in der Weststadt hinterrücks mit einem Messer angegriffen und dabei fast getötet hat. In ihren Plädoyers haben sie am Montag ihre Forderungen begründet.

„Manchmal können wir nicht mit Sicherheit sagen, was passiert ist. Dann muss der Angeklagte freigesprochen werden“, sagt der Anwalt. Während der Verhandlung hatte er immer wieder Widersprüche und Unklarheiten aufgedeckt. So hatte der Geschädigte, der in diesem Verfahren als Nebenkläger auftritt, in seinen Aussagen bei der Polizei weder etwas vom gemeinsamen Frühstück, als von einem Telefonat des Angeklagten erzählt. In diesem ging es um Geld, das der Beschuldigte einem Bekannten zurückzahlen sollte. Eben jenes Telefonat sieht der Verteidiger aber als Grund dafür, dass ein Streit zwischen den beiden ausgebrochen war. In dessen Verlauf soll der Andere auf seinen Mandanten losgegangen sein – nicht umgekehrt.

Dafür spreche auch, dass sein Mandant Narben an den Händen hat. Diese sollen entstanden sein, als er die Messerklinge abbrach. Der Nebenkläger habe keine Verletzungen an den Händen.

Auch für die Fahrt nach Polen – die für den Tag der Tat geplant war – habe sein Mandant eine bessere Begründung: zusammen Ersatzteile kaufen. Und nicht etwa Geld von einem Bekannten holen, um Schulden bei dem Nebenkläger zu begleichen. Warum hätte dieser dafür mitfahren sollen? In den Augen des Verteidigers ergibt das keinen Sinn.

Die Beweise am Tatort, dass der Nebenkläger nach der Tat zurück in die Wohnung und nicht nach draußen flüchtete, dass viele Zeugen wie instruiert wirkten: All das spreche gegen dessen Version . Zu guter Letzt fehlt es dem Anwalt an einem Motiv. Seinen Freund umbringen, um sein Auto zu stehlen? Und dann auch noch das von beiden mitnehmen, das weniger wert ist? Für den Anwalt unglaubwürdig.

Die Staatsanwältin hingegen kann den Ausführungen des mutmaßlichen Täters nicht folgen. Wieso sollte der Geschädigte sich über das Telefonat so aufregen, dass er einen Streit beginnt? „Das waren doch nicht seine Schulden“, stellt sie fest. Auch wirft sie die Frage auf, weshalb der Geschädigte eine geschlossene Weinflasche im Schlafzimmer stehen haben sollte – wo er doch seine Spirituosen in der Küche lagert. Und auch die Weinpfütze auf dem Bett ergebe nur dann Sinn, wenn der Geschädigte hinterrücks angegriffen worden sei. Die Verletzungen an den Händen das Angeklagten? Sie passen laut Staatsanwältin nicht zu seiner Beschreibung, wie er das Messer abgebrochen hat.

Für die Staatsanwaltschaft steht fest: Der Angeklagte hat versucht, den Geschädigten heimtückisch zu ermorden. Er habe die Wehrlosigkeit seines Opfers ausgenutzt. „Dass der Geschädigte noch lebt, liegt nur daran, dass er verdammt zäh ist“, sagt sie. Und ist sich sicher: Hätte der mutmaßliche Täter die Möglichkeit gehabt, hätte er sein Opfer umgebracht. Einzig die Tatsache, dass der Geschädigte auf den Flur flüchten und bei Nachbarn klingeln konnte, habe ihn gerettet.

15 Jahre stehen in Deutschland auf Mord. Für eine Minderung der Strafe spricht laut Staatsanwältin, dass es beim Mordversuch geblieben ist. Außerdem hat der Angeklagte keine Vorstrafen. Und eine Gefängnisstrafe sei für ihn schwerer, da er kein Deutsch spreche und somit isoliert sei.

Wieso hat er den Nebenkläger nicht nachts angegriffen, wieso noch Frühstück geholt, weshalb noch einen Sofatransport für einen Freund organisiert? „All das ergibt überhaupt keinen Sinn, wenn er ihn umbringen wollte“, sagt der Anwalt des Angeklagten. Sein Mandant habe niemanden ermorden, sondern sich nur wehren wollen. „Wenn er ihn hätte umbringen wollen, hätte er sich doch ein neues Messer aus der Küche holen können, als das erste kaputt ging“, sagt er.

Auch nach dem letzten Verhandlungstag sind somit noch Fragen offen. Am Freitag soll das Urteil fallen.

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