Braunschweiger Glücksforscher sagt: Glück kann man trainieren

Braunschweig.  Zum Weltglückstag an diesem Mittwoch sprechen wir mit dem Diplom-Psychologen Tobias Rahm von der Technischen Universität Braunschweig.

Glücksforscher Tobias Rahm im Interview.

Glücksforscher Tobias Rahm im Interview.

Foto: Henning Noske

Am Mittwoch, 20. März, ist Weltglückstag! Und was liegt da näher, einmal einen Glücksforscher zu interviewen. Wir haben Glück. Diplom-Psychologe Tobias Rahm (41) vom Institut für Pädagogische Psychologie der TU Braunschweig ist Experte für Positive Psychologie und Glücksforschung. Wir haben mit ihm gesprochen.

Glück ist ja nun Glückssache. Was hat es mit Wissenschaft und Forschung zu tun?

Wir müssen zwischen dem Zufallsglück und dem Glücksgefühl, dem Glücklichsein, unterscheiden. Ja, Zufallsglück ist Glückssache. Im Lotto kann nur gewinnen, wer sich einen Schein kauft. Man muss also auch etwas tun für sein Glück. Auf die Handlungen kommt es an. Denn auf die Handlungen haben wir Einfluss.

Schließlich bin ich hier beim Psychologen ...

… genau – Psychologie als die Wissenschaft von Verhalten und Erleben. Wir wollen wissen: Wie muss man sich verhalten und an seinem Erleben arbeiten, um glücklicher und zufriedener durchs Leben zu gehen?

Was ist überhaupt Glück?

Es gibt sicherlich viele Antworten darauf. In der Psychologie arbeiten wir mit dem Konstrukt „subjektives Wohlbefinden“. Das sagt: Glückliche Menschen haben häufig positive Emotionen, seltener negative. Allgemein: eine hohe Lebenszufriedenheit.

Welche Faktoren können subjektives Wohlbefinden auslösen?

Das sind vor allen Dingen die kleinen Situationen. Jemand lächelt mich an. Oder ich sehe ein Eichhörnchen, übrigens mein Lieblings-Glücksbringer. Und: Erfahrungen, bei denen ich merke, dass ich erfolgreich mit dem bin, was ich tue. Mein Handeln beeinflusst andere. Und andere werden dadurch bereichert. Dann kommt ein Lächeln, dann kommt Dankbarkeit zurück.

Sie erwähnen das Eichhörnchen. Mancher sieht das aber gar nicht mehr. Man glaubt, richtig Glück müsste doch eigentlich mehr einbringen.

Tatsächlich wissen wir, dass Geld einiges zum Glück beiträgt. Das eine ist das kurzfristige Konsumglück. Ich kaufe mir Dinge und erfreue mich an ihnen. Das wird aber nicht langfristig zum Glücklichsein beitragen. Die Konsumgesellschaft ist bekanntlich auf folgenden Mechanismus ausgerichtet: Es muss immer noch etwas Tolleres her.

Nach dieser Definition hat man immer mehr Glück und wird immer unglücklicher.

Vielleicht nicht ganz, aber man passt sich halt schon immer ganz schnell an die neuen Gegebenheiten an. Wenn man die Studien auswertet, kann man sagen: Mehr materieller Wohlstand führt in der Regel nicht zu mehr Glück. Es gibt da übrigens einen „Break-Even-Point“, der mag ungefähr bei 1500 Euro netto Haushaltseinkommen liegen. Bis dahin ist mehr Geld auch mit mehr Wohlbefinden und größerer Zufriedenheit verknüpft. Darüber hinaus schwächt sich der Effekt dann merklich ab.

Da können viele mitreden. Haben wir zu große Ansprüche an das Glück?

Mit unseren Ansprüchen und Erwartungen müssen wir gut umgehen. Lebenszufriedenheit ist ein Ist-Soll-Vergleich. Wenn meine tatsächliche Situation sich allzu sehr von der gewünschten unterscheidet, habe ich zwei Möglichkeiten. Ich strenge mich sehr an und erreiche das Soll. Oder ich analysiere, ob meine Ansprüche an das Leben nicht vielleicht zu hoch sind.

Wir sprechen jetzt glücklich-heiter. Gehört zum Thema nicht auch, dass fehlendes Glück Menschen sehr bedrücken und belasten kann?

Im klinischen Bereich müssen wir die Depressionen ansprechen, eine unglaubliche Belastung. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die Kosten für Stimmungs- und Angststörungen in Europa auf 170 Milliarden Euro jährlich. Geben Sie mir einen Bruchteil von diesem Betrag als Budget – und ich erstelle Ihnen ein großartiges Präventionsprogramm. Es gibt viele unterschiedliche Faktoren, deren Zusammentreffen Depressionen entstehen lässt. Wir wissen, dass wir psychotherapeutisch sehr gut dagegen vorgehen können.

Der depressive Mensch kann oft nichts für seine Depression. Kann der glückliche Mensch auch nichts für sein Glück?

Nun, es gibt äußere Umstände, die Depressionen begünstigen. Und äußere Umstände, die Glück begünstigen. Und es gibt für beides innere Umstände. Es gibt mein eigenes Verhalten und Erleben. Wenn ich nicht rausgehe, entgehen mir gute Erfahrungen. Ich werde kein Sonnenlicht erleben und keine Eichhörnchen sehen, die mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern können.

Wie wichtig sind andere Menschen, die uns mit einem Lächeln begegnen?

Zunächst sind andere Menschen ein ganz großer Glücksfaktor. Alles, was wir in Gesellschaft erleben, wird durch Gesichtsausdrücke gespiegelt. Lachen und Lächeln steckt an, das kann man nicht auf dem Handy erleben, das ist eine schöne ganzheitliche Erfahrung. Und wir wissen auch, dass Einsamkeit einer der größten Glückskiller ist.

Nur Einsamkeit – oder auch die Gesellschaft mit den falschen Menschen?

Klar, wenn ich von meiner Umgebung ständig einen auf den Deckel kriege, gibt es eine sehr wertvolle und glücksfördernde Idee: Schau dich nach besseren Leuten um.

Kann man Glück üben?

Ja, man kann Glück trainieren. Zufällig habe ich so ein Training entwickelt. Zwei Monate nach Trainingsende zeigt es übrigens signifikante Verbesserungen bei denjenigen, die es gemacht haben.

Das möchte ich genauer wissen.

Sie haben heute Glück. Die wichtigste Übung lautet: Drei gute Dinge. Es geht ganz einfach: Schreiben Sie erstens jeden Abend drei Dinge auf, die heute gut waren. Und schreiben Sie zweitens zu jeder Sache dazu, was Sie selbst beigetragen haben.

Sie trainieren im ersten Schritt, überhaupt einmal mehr positive Dinge zu sehen – und damit positive Gefühle zu entwickeln. Und mit dem zweiten Schritt trainieren Sie, dass Sie selbst doch viel mehr der Schmied Ihres Glückes sind, als sie das häufig so denken.

Bitte mehr davon.

In Deutschland gibt es übrigens ein „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“, das ist ein erfolgreiches Design-Projekt. Jedes Jahr zum Weltglückstag gibt es tolle Mitmach-Aktionen.

In diesem Jahr heißt es „#Glücksgespräche“. Nehmen Sie sich einmal Zeit für andere Menschen. Setzen Sie sich zu ihnen und beginnen Sie ein nettes Gespräch. Lächeln Sie mal die Leute an. Bedanken Sie sich besonders freundlich für den Kaffee. Und sehen Sie, was aus der Welt zurückschallt, wenn Sie mehr Glück hineinrufen.

Das Leben ist also voller Glück, wenn man will. Wann sind Sie persönlich glücklich?

Ich freue mich über beruflichen Erfolg, einen guten Vortrag. Ich habe viel Freude in der Familie, schöne Erlebnisse mit meiner Frau und den Kindern, 4, 6 und 8 Jahre alt. Oder eben, wenn ich Eichhörnchen sehen, denn sie sind meine persönlichen Glücksboten.

Was ist eigentlich Positive Psychologie?

Die Idee ist, dass es zum Beispiel nach den Weltkriegen viele traumatisierte Menschen gab. Da gibt es mittlerweile einen riesigen Erfahrungsschatz und große Behandlungsmöglichkeiten.

Bei der Positiven Psychologie geht es nun darum, diesen Erfahrungsschatz einem wesentlich größeren Kreis zugutekommen zu lassen, sich explizit um das Wohlbefinden aller Menschen zu kümmern und sie zum Aufblühen zu bringen.

Das Schöne ist, dass es so viele selbstverstärkende Mechanismen gibt. Gute Taten machen auch die Gebenden glücklich.

Service:

Mehr Infos zur Drei-Gute-Dinge-Übung. Und: Teilnehmer an Glücksforschungsstudie gesucht: www.tu-braunschweig.de/gluecksempfinden

Glücksforscher Tobias Rahm spricht am Mittwoch, 20. März, ab 18 Uhr im Campus Nord der TU Braunschweig (Bienroder Weg 84, Hörsaal BI. 84.1) über das Thema „Glück kann man lernen“.

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