„Als ich den Todesstreifen sehe, bekomme ich weiche Knie“

Die Autoren der Jugendredaktion „Streetwords“ haben die deutschdeutsche Teilung nie erlebt – und versuchen, das Unfassbare zu begreifen.

Das Leben im Schatten der Mauer: Das Panoramabild des Künstlers Yadegar Asisi zeigt die Berliner Mauer mit Blick von Kreuzberg aus nach Mitte und gibt einen Eindruck vom Alltag entlang der Mauer in den 1980er Jahren

Das Leben im Schatten der Mauer: Das Panoramabild des Künstlers Yadegar Asisi zeigt die Berliner Mauer mit Blick von Kreuzberg aus nach Mitte und gibt einen Eindruck vom Alltag entlang der Mauer in den 1980er Jahren

Foto: Wolfgang krumm/ dpa Archiv

Erst vor einigen Stunden war ich die Sebastianstraße in Berlin-Kreuzberg entlang gelaufen, jetzt steht dort eine Mauer. Davor ein weißes Schild mit der Aufschrift „Sie verlassen den amerikanischen Sektor.“

Hinter der Mauer sehe ich heruntergekommene Häuser und einen Wachturm, aus dem mir zwei Männer direkt in die Augen schauen. Ich bekomme weiche Knie, als ich den „Todesstreifen“ sehe und mir klar wird, warum er diesen Namen trägt. Auf einmal wird es dunkel und beginnt zu gewittern. Ich höre eine Rede von DDR-Staatschef Walter Ulbricht. Sie endet mit dem Satz: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

Diesen Satz haben wir schon oft im Geschichtsunterricht gehört, nun bereife ich erst, wie schockierend er ist, wenn man diese Mauer sieht. Ich stehe im „Asisi Panorama Berlin“. Eine Ausstellung des Künstlers Yadegar Asisi, der selbst an der Mauer aufgewachsen ist, im Westen. Auf einer riesigen Leinwand hat er mithilfe von Fotos, Computeranimationen und eigenen Zeichnungen ein halbrundes Panorama erstellt, 15 Meter hoch und 60 Meter breit.

Durch unzählige Details wirkt die Ausstellung täuschend echt. Besonders in Erinnerung sind mir dabei die Sprüche geblieben, die auf die Mauer in dem Bild gesprayt wurden: „Denkmal der Dummheit und Sturheit“, „Sie haben für jeden eine Kugel“ oder „Irgendwann fällt jede Mauer“.

Den ganzen Tag denke ich noch über meinen Besuch nach. Ich habe oft mit meinen Eltern über die Mauer gesprochen, doch es fühlte sich für mich immer an wie eine Geschichte. Weit weg und fremd. Das erste Mal in meinem Leben realisiere ich jetzt, dass es die Mauer wirklich gab, und dass das noch gar nicht so lange her ist.

Trotzdem kann ich mir nur schwer vorstellen, wie es gewesen sein muss, an und mit der Mauer zu leben. Die Ausstellung kann ich wirklich jedem empfehlen, unabhängig davon, ob die Mauer für ihn schon real ist oder nicht.

Der Osten ist nicht unser unterbelichteter Cousin!

Von Emily Buch

Als ich 14 Jahre alt war, erzählte mir eine Freundin, dass sie für einige Tage nach Ostdeutschland fahren würde. Es dauerte keine fünf Sekunden, und ich hatte Stift und Papier bereit und schrieb ihr vorsorglich ein kleines Plakat mit der Aufschrift „Auhslenda rausß“ (ja, die Rechtschreibfehler waren beabsichtigt).

Sollte sie während ihres Besuches möglicherweise an einer Pegida-Demo teilnehmen müssen, wäre sie dank meiner Hilfe exzellent und unauffällig ausgestattet, so meine Erklärung.

Es ist fast schon faszinierend, dass meinem damaligen, politisch eigentlich ziemlich verkrampften Ich dieser Witz kein nervöses Augenzucken bereitete, ich vielmehr gedanklich völlig automatisch eine Brücke zwischen dem Osten und Rechtsextremismus schlug – und das wäre nicht das einzige Klischee, das ich bezüglich des „dunklen Ostens“ locker-flockig aus dem Ärmel hätte schütteln können.

Warum entstand in meinem Kopf, obwohl er nie ein geteiltes Deutschland erlebt hat und in einer Zeit lebt, in welcher die Mauer seit längerer Zeit gefallen ist als sie je existiert hat, für den, wie glücklicherweise für die allermeisten heutzutage, alle Menschen gleich sind, eine Art von Schubladen-Denken, das ich doch bei keinem anderen Thema bei mir erkenne?

Die Antwort ist relativ simpel: Gewohnheit. Im Westen gehört es humoristisch fast schon zum guten Ton, mehr oder weniger harmlose Witze über die neuen Bundesländer zu machen, so dass wir gar nicht mehr merken, was wir damit eigentlich anrichten. Wir separieren uns künstlich, bleiben rhetorisch unter unseresgleichen. „Mauern im Kopf“ ist zwar ein furchtbarer Begriff, doch er passt.

Es geht nicht darum, unseren Humor im Umgang miteinander zu verlieren, sondern um etwas ganz anderes: Der Osten ist nicht unser unterbelichteter Cousin, der einem bei Familienfesten etwas peinlich ist. Irgendwann sollten wir begreifen, dass wir eins sind. Und das schon seit 30 Jahren.

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Am Checkpoint Charlie bleibt das Gefühl aus

Von Lina Probst

Als ich zum ersten Mal am ehemaligen Grenzübergang Marienborn stehe, ist es kalt. Zusammen mit Familie und Freunden werde ich über das Gelände und durch einzelne Gebäude geführt. Vorbei an verlassenen Räumen, die so viel mit erlebt haben. Doch der graue Beton hüllt sich in Schweigen.

Als ich zum ersten Mal am Checkpoint Charlie vorbeigehe, fragt meine Mutter mich, wie sich das anfühlt. Ziemlich unspektakulär, entgegne ich, während sie jeder Schritt fasziniert. Touristen schießen Fotos mit einem verkleideten Mann, ein ausdrucksloser Grenzbeamter, der für Selfies posiert.

Als ich zum ersten Mal Überbleibsel der Mauer sehe, streiche ich mit meinen Fingerspitzen darüber. Bunte Graffitis erzählen Geschichten, die mir nicht unbekannt, aber so unbegreiflich erscheinen. Was damals passierte, werde ich nie nachvollziehen können.

Als ich zum letzten Mal im Geschichtsunterricht in der Schule sitze, bin ich frustriert. Zwar weiß ich nun viel über Nazideutschland und dass es wichtig ist, diesen Teil unserer Vergangenheit immer wieder zu thematisieren – doch das jüngste Kapitel meines Heimatlandes bleibt weiter unergründlich.

Als ich zum ersten Mal Bilder und Videos vom Mauerfall sehe, muss ich weinen. All die Menschen und ihre Gefühle ergreifen mich, reißen mich ein, Stück für Stück. Wie die Grenze, die all diese Menschen trennte.

Als ich zum ersten Mal am ehemaligen Grenzübergang Marienborn stehe, ist es kalt. Zusammen mit Familie und Freunden werde ich über das Gelände und durch einzelne Gebäude geführt. Und während grauer Beton weiterhin schweigt, fangen wir an zu reden. Denn gegenseitiger Austausch ist heute alles, was uns – was meiner Generation – noch bleibt.

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