Nur Braunschweigs Eulenspiegel kam unbeschadet durch den Krieg

Braunschweig.  Reinhard Beins Postkarten (9): Der Eulenspiegelbrunnen am Bäckerklint erinnert an den Bankier Bernhard Meyersfeld.

Der Eulenspiegelbrunnen ca. 1912 mit dem Stammhaus der Mumme-Brauerei Steger am Bäckerklint, wo bis zur Zerstörung des Hauses 1944 diese Bier hergestellt wurde.

Der Eulenspiegelbrunnen ca. 1912 mit dem Stammhaus der Mumme-Brauerei Steger am Bäckerklint, wo bis zur Zerstörung des Hauses 1944 diese Bier hergestellt wurde.

Foto: Bein / Privat

Die Privatbank von Bernhard Meyersfeld förderte den Aufstieg der heimischen Konservenindustrie. Sie war ein gut aufgestelltes Unternehmen, das erst in der Weltwirtschaftskrise 1931 zu Fall kam. An den Bankier erinnern ein Raubüberfall und der Eulenspiegelbrunnen.

Schlagzeilen in der Presse machten er und seine Frau Adele 1891, als sie von einer Fernreise zurückkamen und hinter Konstantinopel eine Räuberbande ihren Orientexpress überfiel. Der Zug entgleiste, mehrere Wagen stürzten um. Die Bande beraubte die Passagiere der 1. und 2. Klasse, auch Meyersfelds, und nahm fünf Geiseln zur Erzwingung eines Lösegeldes von 200.000 Goldfrancs. Das Drama endete unblutig, der Räuberhauptmann Athanasios bekam das Geld und teilte der Presse mit, er habe sechs Jahre unschuldig in türkischen Gefängnissen gesessen, sein Vermögen eingebüßt und nehme dafür Rache. Im Übrigen wolle er 60.000 Francs an Arme verteilen. Eulenspiegel hätte diese Geschichte gefallen. Schließlich war auch er ein Umverteiler.

Meyersfeld spendete den Brunnen

Der Bildhauer Arnold Kramer, der aus Wolfenbüttel stammte, hatte in seinem Atelier in Dresden ein Modell eines Eulenspiegelbrunnens entworfen, das der Stadt Braunschweig gefiel. Als sie umständlich über die Finanzierung beriet, kaufte Meyersfeld der Stadt und der Jugend 1906 den Brunnen. Er kostete einiges mehr als die mit Brillanten besetzte Uhr, die ihm die Räuber abgenommen hatten.

Nach der Überlieferung soll Eulenspiegel, der gern alles wörtlich nahm, in der Bäckerei am Radeklint sein seltsames Backwerk geschaffen haben, weil der faule Meister auf die Frage „Was soll ich aber backen?“ ironisch geantwortet hatte: „Bist du ein Backknecht und fragst erst, was du backen sollst? Was pfleget man zu backen? Eulen oder Meerkatzen!“ Der Bäcker legte sich schlafen, und Eulenspiegel tat, wie ihm geheißen. Er flog raus, verkaufte sein Backwerk aber spielend, denn es war der Tag vor dem Nikolausabend. Bei der Einweihung des Brunnens 1906 sagte der „Vorsitzende des Brunnen-Komitees“ Teichmüller: „Ein Tugendbold war der unstete Bursche freilich nicht, in dessen Kopfe stets tausend Geister des Schabernacks hausten, kein Muster für Jung und Alt zu ehrsamem Bürgerleben, aber ein Vorbild dennoch in jener schlagfertigen und unverwüstlichen Laune, die jeder Lebenslage gewachsen ist; kein Schwarzseher, sondern ein Optimist, der steile Berge lachend erklomm in der Vorfreude auf die mühelose Lust des Hinabsteigens und darum, wie die Sage ihn schildert, ein Liebling der deutschen Volksphantasie für alle Zeiten.“

Vom bösen Schalk zum Spaßvogel

Die erste „Historie“ erklärt den Eulenspiegel: Der betrunkenen Patin war das Kind nach der Taufe in Ampleben entglitten und in den Bach gefallen, der zwischen Ampleben und Tills Geburtsort Kneitlingen floss. Für wahr hielt man damals, dass Wassergeister blitzschnell ein braves Christenkind gegen einen Wechselbalg vertauschen. So wurde Eulenspiegel ein böswilliger Schalk. Später mutierte er zum Spaßvogel und sogar zum „weisen Narren“.

Wenige Jahre nach der Aufstellung des Brunnens beschwerte sich Kramer, der seit 1913 sein Atelier in Braunschweig hatte, in der „Landeszeitung“ über den Umgang der Jugend mit seinem Kunstwerk: „Sie reiten auf der Eulenspiegelfigur und den Tieren, sie bearbeiten die Bronzen und die Steinarchitektur mit Stöcken, mit Schmutz und allem Unrat, den sie gerade zur Hand haben. Die schöne Patina, die Till sowohl wie Eulen und Meerkatzen von Anfang an trugen, ist vollkommen verschwunden, die Formen, besonders die der Tiere, sind abgegriffen und abgeschliffen wie bei Münzen, die von Hand zu Hand gehen.“

Und weiter schreibt er: „Vor Jahr und Tag an einem Sommerabend ging ich über den Bäckerklint. Ein Polizeibeamter stand dicht neben dem Brunnen. Dem Till hatte ein hoffnungsvoller Braunschweiger Junge das Gesicht mit weißer Farbe angestrichen. Ich machte den Beamten darauf aufmerksam: ‚So etwas darf aber doch nicht gemacht werden!’ Antwort: ‚Hei hat doch eschrewen, sei künnt daran spelen.’ – ‚Ja, aber so war das nicht gemeint.’ – ‚Nu, ick hewet nich eseihn!’ Also schließlich bin ich an diesem wüsten Getriebe mit meinem damaligen Eintreten für die Freiheit der Braunschweiger Jugend schuld.“

Der Schalk Eulenspiegel hätte leise gekichert über diesen humorlosen Künstler. Kaum jemand ging achtlos an seinem Brunnen vorbei. 1920 stahl ein Spitzbube eine Meerkatze. Spaßvögel grüßten ihn und verbeugten sich, andere ließen sich taufen. Nora Kuntzsch, die Tochter von Martha Fuchs, erzählt in ihren „Erinnerungen“ vom Weg zu ihrer Silvesterfeier 1928: „Als wir über den Bäckerklint kamen, stieg ich mit Otto [Grotewohl] in den Brunnen, dessen Boden mit einer dünnen Eisschicht bedeckt war. Wir erwiesen dem Schalksnarren Reverenz, und es schien, als lächle er noch verschmitzter.“

1944 brannten die Häuser ab

Den Hinweis auf den großzügigen Spender auf der Rückseite des Brunnens ließen die Nationalsozialisten 1933 auslöschen. Denn der war Jude gewesen, und Juden waren nach dem Dogma der Nazis gierig, geizig und humorlos.

1944 brannten die Häuser in den Straßen um den Brunnen herum ab, nur Eulenspiegel kam unbeschadet durch den Krieg. In dem anklagenden Buch „So sahen wir Braunschweig“ von Erich Schulz durfte 1948 der jüdische Spender wieder geehrt werden: „Arnold Kramer hat uns mit diesem Brunnen ein Meisterwerk hinterlassen, und daß er hier seit 1906 stand, verdanken wir dem Bankherrn Meyersfeld, der es der Stadt schenkte. Die verträumte Stille des Bäckerklints ist vernichtet, das bunt bemalte Gebälk des Flohwinkels mit seinen lustig in die Straßenfront hineinspringenden Stockwerken ist im Feuersturm untergegangen. Nicht ein Stein von dieser Welt Spitzwegs steht noch auf dem anderen. Eulenspiegel aber lebt.“ Wer deutet dieses Rätsel?

1945 rettete die Stadt die Figur und die Tiere vor dreisten Buntmetalldieben und schaffte sie ins Städtische Museum. 1949 grüßte der Schalk von einem provisorischen Sockel herab die Besucher der ersten Ausstellung „Harz und Heide“ auf dem Gelände der Kant-Hochschule. 1950 wurde der Brunnen an alter Stelle wieder eingeweiht: mit einer erklärenden Tafel.

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