Mit Wanderführern und Eseln über Stock und Stein

Braunschweig.  In unserer Serie „Beins Postkarten“ blicken wir auf den Harz, der bereits um 1900 eine beliebte Erholungsregion war.

Lithografie von 1899 vom „Hotel zur Rosstrappe“, geschickt an Bertha Knopf.

Lithografie von 1899 vom „Hotel zur Rosstrappe“, geschickt an Bertha Knopf.

Foto: Sammlung Bein

Wer um 1900 im rauen Harz wandern wollte, musste sich gut ausrüsten. Der Herr mit Wanderhut auf unserer Karte ist mit Wetterjacke und Rucksack zünftig ausgestattet. Nur sein Schuhwerk würde Meyers Reiseführer beanstanden. Er empfahl „derbe kalbslederne Halbstiefel zum Schnüren mit Doppelsohlen. Lederbecher zum Zusammenklappen. Operngucker oder Feldstecher.“ Und für den Rucksack: „Man versehe sich mit einer Feldflasche mit Kognak. Beim Trinken kalten Wassers setze man demselben etwas Zucker mit Kognak zu. Der Handstock sei fest, mit guter Zwinge versehen.“

Die Dame an seiner Seite wird wohl nicht weit mitgegangen sein. Natürlich wanderten manche Frauen auch, aber wie unsere Postkarte andeutet, bevorzugten die meisten einen Spaziergang. Die Beiden schlendern auf dem bequemen Höhenweg beim „Hotel zur Rosstrappe“, passieren gerade einen Wegweiser des rührigen Harzklubs, der Wege anlegt und mit Schildern versieht, und schauen auf die Bode und Thale. Mutige Damen ließen sich auf dem Rücken eines Esels vom „Harzführer“ von der Rosstrappe hinunter ins Bodetal bringen und bestaunten das Naturwunder der Teufelsbrücke, wo der Fluss gewaltig tost, wenn er sich durch die enge Rinne zwischen Granitfelsen zwängt.

Für das Geheimnisvolle, das die Menschen gern hören, sorgte der Harzführer mit einer alten Sage: Der berüchtigte Ritter Bodo verfolgt die Prinzessin Ilse. Die aber überspringt mit ihrem fabelhaften Reittier den Taleinschnitt zwischen Rosstrappe und Hexentanzplatz, der lüsterne Verfolger stürzt mit seinem Gaul in die Tiefe und ertrinkt. In der Bode warten schon Wassernixen auf die Krone der Prinzessin, die sie beim Sprung verloren hat. Und wer das nicht glauben will ‒ den Beweis für die Wahrheit der Geschichte erbringt der Hufabdruck ihres Pferdes auf dem Felsen.

Harzführer, auf Bestellung auch mit Eseln, warteten überall in touristisch erschlossenen Harzorten an Halteplätzen. „Es war sehr lustig anzusehen, wie sich die Damen mit langen Kleidern und großen Hüten im ‚Damensitz’, oft sehr furchtsam auf dem Rücken dieses Fortbewegungsmittels verhielten.“ Das genügsame Grautier hielt unterwegs hin und wieder an, beugte sich, um Kräuter oder Disteln zu rupfen, aber es brachte die Damen sicher über Stock und Stein trittsicher ans Ziel. Der Harzführer auf braunschweigischem Gebiet trug Landesfarben: gelbe Gamaschen und eine blaue Schirmmütze, auf deren Rand seine Nummer stand. Für einen Tageslohn von 3,50 Mark holte er die Gäste morgens um fünf Uhr zur Wanderung ab, ihr Gepäck (maximal 20 Kilogramm) schleppte er für einen Zusatzlohn von 50 Pfennigen und stand bis abends 20 Uhr zur Verfügung.

Mancher Gast wie dieser aus Braunschweig schrieb in sein „Dienstbuch“, das er „im braunschweigischen Harzgebiet“ zu führen hatte, eine Freundlichkeit: „Der Führer Nr. 4 hat uns sechs Tage durch den Harz geführt, von Harzburg über den Brocken durch das Ilsetal, über den Ilsestein, durch die Steinerne Renne nach Wernigerode, Rübeland, über den Ziegenkopf nach Blankenburg und von dort über die Rosstrappe nach Thale mit schwerem Gepäck in zuverlässiger Weise, stets heiteren, vergnügten Sinnes. Er ist ein höflicher, bescheidener, sorgsamer und in seinem Fach erfahrener Mann. Wir können denselben allen Touristen bestens empfehlen.“ Nachzulesen in Otto Rohkamms Geschichte Bad Harzburgs.

Entstanden war dieses Gewerbe 1836 im Rheinland. Mit Eseln brachten Steinmetze bis dahin Steinquader von der Drachenfelsruine zu Tal und verarbeiteten sie unten in Königswinter zu Werkstein. Die preußische Regierung verbot 1836 den Abbau, und die arbeitslosen Steinmetze begleiteten nun mit ihren Eseln Touristen, die sich den steilen Aufstieg zu Fuß nicht zutrauten.

Auch die Jugend zog es um 1900 nicht nur „Aus grauer Städte Mauern“, sondern auch aus Dörfern „durch Wald und Feld“. Sie schnürten den Rucksack und wanderten übers Wochenende oder für ein paar Tage los, übernachteten in Scheunen, auch mal im Freien und ernährten sich von Tütensuppen. Bertha Knopf aus Söllingen im Landkreis Helmstedt, Frau eines Schmiedemeisters, erhielt von ihrem Neffen Gustav von unterwegs drei bunte Ansichtskarten: von der Rosstrappe, wie unsere Karte zeigt, der Josephshöhe und vom Ziel Kyffhäuser. Sie sammelte Ansichtskarten: Ihre eigenen Reisen waren bunte Träume.

Möglichkeiten für individuelle Freizeit waren für Mittelstand und Oberschicht Kurzreisen, Kuren oder die sogenannte Sommerfrische. Vermögende lebten von den Zinsen ihres Kapitels oder den Einkünften ihres Betriebes und konnten dadurch natürlich verreisen, sogar zu monatelanger Forschung aufbrechen. Arbeiter arbeiteten, hatten aber eventuell einen Schrebergarten zum Nutzen und zur Erholung. Einen gesetzlich garantierten Anspruch auf Urlaub erstritten erst in den 1920er-Jahren die Gewerkschaften. Für den Vorharz empfahl „Meyer“ 1897 Bad Harzburg: „Harzburg ist ein Badeort ersten Ranges und die vornehmste und eleganteste Sommerfrische des Harzes. Es bietet in seinen ersten Hotels komfortable, auch den Verwöhnten befriedigende Unterkunft, wie man sie sonst im Harz nicht findet.“ „Meyer“ beklagt, dass nicht nur im Gebirge, sondern schon in den größeren Orten am nördlichen Harzrand Preise verlangt würden, die „im Verhältnis zu dem oft sehr bescheidenen Komfort am wenigsten gerechtfertigt sind“. Wer in den Harz fuhr, erlebte laut „Meyer“ schreckliche Hotels und Gasthöfe zu Phantasiepreisen. „Die Einrichtung (besonders Betten und Waschgelegenheit) lässt da oft viel zu wünschen übrig, und es wäre den Gastwirten, welche ihre bescheidenen Häuser als ‚Hotels ersten Ranges’ ankündigen, im eigenen Interesse anzuraten, erst einmal einen gut geführten Gasthof kennen zu lernen und danach ihr Haus umzugestalten.“ Das „Hotel zur Rosstrappe“ galt aber als gute Adresse, ebenso das „Hotel Zehnpfund“ am Eingang zum Bodetal in Thale.

Bertha und Robert Knopf gönnten sich 1901 ein paar Tage Sommerfrische im Harz, und Bertha schrieb am Ankunftstag besorgt eine Postkarte an ihre Verwandten zu Hause: „Lieber Schwager! Soeben in Thale angekommen senden wir die besten Grüße mit der Bitte, recht schön einzuhüten und Hunde und Hühner nicht zu vergessen.“

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