Einst fuhren Weltmeister auf Braunschweiger Pantherrädern

Braunschweig.  In unserer Serie „Beins Postkarten“: Ab 1896 wurden die „Brunsviga-Fahrräder“ gebaut. 1907 fusionierte die Firma mit den Magdeburger Pantherwerken.

Ein Jüngling auf einem Niederrad der Firma „Brunsviga-Fahrräder“. Lithografie von 1899 mit dem ursprünglichen Firmengebäude am Mittelweg.

Ein Jüngling auf einem Niederrad der Firma „Brunsviga-Fahrräder“. Lithografie von 1899 mit dem ursprünglichen Firmengebäude am Mittelweg.

Foto: Archiv / Reinhard Bein

Ein direkter Vorläufer des heutigen Fahrrads war 1855 das französische Velociped mit Kurbelantrieb und beweglichen Pedalen an der Nabe des Vorderrades, das etwas größer war als das Hinterrad. Rahmen und Räder bestanden aus Holz, die Reifen aus Eisen. Viele versuchten, diese Maschine marktfähig zu machen, auch der junge Braunschweiger Ingenieur Heinrich Büssing. Zwischen 1869 und 1870 stellte er „zwei- und dreirädrige Velozipedes für Kinder und Erwachsene“ her, dann war die Firma pleite.

Aus solchen Versuchen entwickelte sich in England das Hochrad, das 1873 auf den Markt kam, bestaunt oder verlacht. In Braunschweig tauchte es erst 1882 auf. „Anfangs mit großem Mißtrauen aufgenommen, fanden sich nur wenige sportlustige junge Leute bereit, das wenig vertrauenerweckende hohe Fahrrad zu besteigen und unter Beistand von Freunden die ersten Fahrversuche zu machen“, so heißt es in der Festschrift „Braunschweig im Jahre 1897“. Hochradfahrer galten als Snobs, die ihr Imponiergerät vorführen wollten.

Hochrad blieb eine Episode

Der Schriftsteller Uwe Timm, Schüler des Braunschweig-Kollegs, beschreibt in seinem heiteren Roman „Der Mann auf dem Hochrad“ die ersten Fahrversuche seines Helden, des Präparators Schröder: „Er hatte sich eine Broschüre zum Erlernen des Hochradfahrens besorgt, in der in zahlreichen Abbildungen das richtige Auf- und Absteigen illustriert war. Schröder erlebte an diesem Nachmittag den großen und grundlegenden Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Er stieg auf und fiel um.“

Das wiederholte sich, und eine gaffende Menge applaudierte höhnisch. Er schaffte es, nach schmerzhaften Kopfstürzen und abgetrennten Fingern, ein stolzer Hochradfahrer zu werden, war dann aber so borniert, dass er die Vorzüge des neuen „Niederrades“ nicht erkennen wollte. Das Hochrad blieb eine Episode auf dem Wege zu einem alltagstauglichen Fahrzeug.

Fußgänger kritisieren Radfahrer

In Braunschweig tauchten die ersten „Niederradfahrer“ 1884 auf. Weiter lesen wir in der Festschrift: „Es war mit einem Male ein Verkehrsmittel geschaffen, welches von allen Völkern der Erde anerkannt und in Gebrauch genommen wurde.“ Der Verfasser warnt aber, auch das Fahren mit dem Niederrad sei nicht ohne Schwierigkeiten zu erlernen und erfordere „eine gewisse Ausdauer“, ehe anfängliche „Gleichgewichtssituationen überwunden“ sind.

Ein Jahrzehnt später gab es in Braunschweig zwei Radfahrervereine mit rund 80 Mitgliedern, darunter einige Damen. 1897 hatten sich in der Stadt sechs Vereine eintragen lassen. Politische Ausrichtung, gesellschaftliche Stellung oder der Zweck, der sich mit einem solchen Vehikel verband, trennten die geselligen Menschen.

Die „Landeszeitung“ kritisierte 1896: „Die Schnelligkeit, mit der manche Radler, auch Radlerinnen, dahersausen, macht besonders, wenn mehrere neben- oder hintereinander kommen, die Fußgänger verwirrt und ängstlich.“ Also bedurfte es eines Regelwerks. Radfahrer mussten sich anmelden, erhielten eine Nummer und ein Regelheft, das ihnen sagte, wo und wie sie fahren durften. 1897 zählte die Stadt schon 4300 Radfahrer, darunter 400 Damen.

Rad sorgt für gesunde Bewegung

Vorsichtige Radler beschränkten sich auf Gelände, wo sie ungestört waren. Die erwähnte Festschrift notierte: „Ein reges Leben und Treiben von Radfahrerinnen und Radfahrern entwickelt sich in ungewöhnlichem Maße auf dem großen Exerzierplatze, auf welchem sich eine 2000 m lange, oval angelegte, sehr schöne Kiesbahn befindet. Zu Ausflügen bieten herrliche Waldungen, welche von der Stadt aus in kurzer Zeit erreicht werden können, die beste Gelegenheit, so daß das Radfahren, wenn auch nicht im Sinne des Sports, da eine Rennbahn gänzlich fehlt, so doch als Verkehrsmittel, gesunde Bewegung schaffend, voll und ganz zu seinem Rechte kommt.“

Im Straßenverkehr dominierte um 1900 das Pferd für Kutsche, Wagen oder Karren. Fahrräder spielten noch keine Rolle. Dem Verlag, der 1897 die Festschrift herstellte, gelang es tatsächlich, die Zeichnung einer Dame auf einem Niederrad nicht ins zugehörige Kapitel „Radfahren“, sondern weit entfernt in den Abschnitt „Turmuhren“ zu stellen.

Radwege gab es noch keine, und Fußgänger reagierten empört, wenn sie im offenen Gelände von hinten angerufen oder angeklingelt wurden. Unser junger Mann auf dem technisch vorbildlichen Brunsviga-Fahrrad hatte 1899 schon eine dieser abscheulichen Klingeln.

Weltmeister auf Pantherrädern

1896 gründete das Bankhaus Peters die Braunschweiger Fahrradwerke; sie stellten die „Brunsviga-Fahrräder“ her. 1907 fusionierten sie angesichts eines wachsenden Marktes mit den Pantherwerken der Magdeburger Fahrradwerke und übernahmen deren Namen. „Die Marke mit dem Pantherkopf als Emblem hatte einen guten Ruf, die Fabrikate waren im ganzen Land beliebt. Radsportler wurden Weltmeister auf Pantherrädern“, kann man bei Bianca Armbrecht in den „Braunschweiger Spaziergängen durch das Ringgebiet“ lesen. Unsere Karte zeigt die ursprüngliche Ausdehnung der Firma am Mittelweg. Bis 1963 gab es sie dort.

Für die erste große Verkaufswelle sorgten Arbeiter und Angestellte, die mit dem Rad ihre Firma schnell erreichen konnten. Otto Bennemann erzählte mir 1983: „1914 hatten schon recht viele Arbeiter ein Fahrrad. Mein Vater hatte sehr jung eines bekommen, weil er mal in den Pantherwerken gearbeitet hatte. Etliche gehörten dem Arbeiterradfahrerbund Solidarität an, die machten Radfeste. Das war eine große Begebenheit, wenn Hunderte von Radfahrern mit bekränzten Rädern und eine Gruppe mit einer Blumenlaube kamen, von sechs bis acht Radfahrern getragen. Darunter fuhr dann eine Radfahrprinzessin, schön weiß gekleidet.“

Im Einsatz für Botendienste

Aber es dauerte noch bis in die 1920er Jahre, ehe das Niederrad schließlich das Straßenbild bestimmte. Der Tischlerlehrling Werner Reinowski aus der Hugo-Luther-Straße erzählt in seiner Autobiografie „Unkraut vergeht nicht“ von seinem ersten Rad 1926: „Niemand darf glauben, in der Zeit des großen Fahrradbooms hätte jeder Lehrling schon ein Fahrrad besessen. Lehrlinge mit Fahrrädern bildeten die Ausnahme. Meinem Freund Otto ermöglichte die ertragreiche Nebenarbeit auf den weiten elterlichen Spargelfeldern die Anschaffung. Freund Georg machte sich als ‚Schwarzstimmer’ von Klavieren in nächtlicher Nebenarbeit gelegentlich ein paar Mark, und ich knauserte mir das Geld (als Aufsteller) auf der Kegelbahn zusammen.“

Gerade Lehrlinge und kleine Angestellte brauchten Fahrräder für ihre vielfältigen Botendienste.

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