Ein ganz besonderes Modehaus am Braunschweiger Kohlmarkt

Braunschweig.  Reinhard Beins Postkarten: Die Jahre bis 1914 waren für clevere Kaufleute eine goldene Zeit.

Das „Waarenhaus Katz“, Kohlmarkt 8/Friedrich-Wilhelm-Straße 1; Lithografie mit Stempel von 1902.

Das „Waarenhaus Katz“, Kohlmarkt 8/Friedrich-Wilhelm-Straße 1; Lithografie mit Stempel von 1902.

Foto: Archiv Reinhard Bein

Seit 1871 unterlag die Altstadt einem radikalen Wandel. Zwischen dem Hauptbahnhof und dem Dom entwickelten die Stadtplaner ein neues Geschäfts- und Verwaltungszentrum, das vom Friedrich-Wilhelm-Platz zur Münz- und Casparistraße verlief. Den Kohlmarkt nahm man in dieses Konzept hinein: Hier begann und endete die Friedrich-Wilhelm-Straße. Als 1914 der Krieg ausbrach, endete der Bauboom: Am Kohlmarkt waren nur die niedrigen, alten Häuser Nr. 5-7 erhalten geblieben. Dadurch entstand ein reizvoll unorganisches Platzbild.

1896 ließ der Kaufmann Leopold Katz auf dem Eckgrundstück Kohlmarkt 8 / Friedrich-Wilhelm-Straße 1 einen fünfgeschossigen Bau im Neorenaissancestil errichten, dessen Erkerturm mit welscher Haube den Weg in die vornehme Friedrich-Wilhelm-Straße wies. Auch das Einhornhaus eingangs der Münzstraße hatte eine solche wegweisende Funktion.

Warenhaus braucht mehr Fläche

Katz und sein Partner Wilhelm Klopp bewohnten die Obergeschosse, im Erdgeschoss und ersten Stock richteten sie die Firma „Leopold Katz & Co. – Waarenhaus – Kurz- und Weißwaaren, Gardinen, Teppiche und Kleider“ ein. Schon bald aber genügte ihnen die Verkaufsfläche nicht mehr. Deshalb bauten sie 1901 bis 1903 schräg gegenüber in der Friedrich-Wilhelm-Straße 37 das elegante „Ankerhaus“ im Jugendstil unter dem Namen „Wilhelm Klopp & Co., größtes Warenhaus Braunschweigs“ und vermieteten ihr bisheriges Geschäftslokal an Max Schmandt. Zehn Jahre später verpachteten sie das Ankerhaus an Hermann Vick, der es 1921 erwarb.

Ihr schneller Erfolg gründete sich auf eine neue Geschäftsidee: Das „Hamburger Engros Lager“ kaufte Waren zentral ein und belieferte Einzelhändler direkt. Damit konnten die angeschlossenen Firmen die Konkurrenz unterbieten, weil der Zwischenhandel entfiel. In den Lokalzeitungen warben Katz und Klopp täglich und machten auch mit Postkarten auf ihre Firma aufmerksam. Unsere Mehrfach-Lithografie wurde 1902 als Restposten verkauft. Sie kombinierten die Ansicht ihres Hauses mit unterschiedlichen Braunschweig-Motiven. So entstand eine Serie, die Reklame machte und den Sammlerwert erhöhte.

„Braunschweigs größtes Specialgeschäft für Damenputz und Modewaren“

Der Pächter Schmandt hatte schon zuvor ein gefragtes Modehaus geführt. 1901 annoncierte er: „Modebazar Max Schmandt, Braunschweigs größtes Specialgeschäft für Damenputz und Modewaren, Schuhstraße 4“. Kurz nachdem er Kohlmarkt 8 gepachtet hatte, übergab er seinem Bruder Richard das exquisite Modehaus und zog nach Köln. Richard änderte nichts an der Geschäftsidee.

Anzeige 1903: „Meine Modellhut-Ausstellung für Herbst und Winter enthält diesmal eine ganz besonders große Auswahl neuester und elegantester Pariser und Wiener Original-Modelle erster und renommiertester Modistinnen, sowie eigener Modelle und Modellkopien in vornehmster und solidester Ausführung. Die Ausstellung ist in separater Abteilung untergebracht, und jeder Dame dürfte die Besichtigung der entzückend schönen Sachen ein Vergnügen sein.“ Die Jahre bis 1914 mit ihrem ungestümen Wirtschaftswachstum waren für ideenreiche Kaufleute eine goldene Zeit. Auch Schmandts gehörten zu ihnen.

Nora Kuntzsch berichtet in ihren „Erinnerungen“: „Im Winterschlussverkauf 1928/29 hatte ich mir ein Abendkleid erkämpft, aus türkisfarbenem Velours-Chiffon, hochelegant im Stil der Zwanziger Jahre. Keine der zahlreichen Frauen, die schon frühmorgens das Modegeschäft Schmandt gestürmt hatten, hatte die kleine Größe gepasst. In diesem Kleid mit silberner Pagenperücke und silberbrokatenen Pumps besuchte ich dann meinen ersten richtigen Ball, den Braunschweiger Bühnenball.“

Probleme in der Weltwirtschaftskrise

Ein Jahr später, in der Weltwirtschaftskrise, musste Schmandt die Stadt um Steuernachlass bitten: „Die allgemeine wirtschaftliche Lage hat den Geschäftsumsatz erheblich verringert. Außerdem wird ein hoher Prozentsatz des Verkaufes nur auf dem Kreditwege getätigt.“ Auch die anderen Geschäfte am Kohlmarkt hatten zu kämpfen.

Und waren sie jüdisch, besserte sich ihre Lage mit Beginn der NS-Zeit, als die Konjunktur anzog, nicht mehr. Mehrere Betriebe waren betroffen: Es war das alte jüdische Zentrum. 1935 prangte eingangs des Platzes das Transparent: „Jordanbrüder können hier nichts verdienen“. Für die Braunschweiger Nazis, deren Ziel es war, alle Juden zu vertreiben, waren deren Geschäfte am Kohlmarkt ein Hauptärgernis.

Hitler logierte er im Börsenhotel

Wenn Hitler nach Braunschweig kam, logierte er im Börsenhotel in der Friedrich-Wilhelm-Straße, das direkt an das Modehaus Schmandt grenzte. Solange er nicht Kanzler war, fehlte die Macht, Schmandt von dort zu vertreiben. Das änderte sich 1933. Er gab dem Druck schon im Frühjahr 1933 nach, vermietete an Witting & Uttermöhl und floh überstürzt mit seiner Ehefrau Gertrud und den Kindern Rosemarie und Lieselotte nach Argentinien. Kaufverträge, die ihr Rechtsanwalt danach abschließen wollte, genehmigte Ministerpräsident Klagges nicht.

Weshalb? Unbekannt. 1942, als jüdisches Eigentum beschlagnahmt wurde, kaufte die Stadt das Haus für 200.000 Mark. Sie kamen auf ein Sperrkonto und wurden 1944 vom Reich entschädigungslos eingezogen. Nach dem Krieg fiel das unzerstörte Haus an die Familie Schmandt zurück und die Stadt erwarb es 1953 noch einmal.

Post aus Tel Aviv

1949 erreichte die jüdische Gemeinde, Überlebende des Holocausts, ein Brief aus Tel Aviv von Robert Schmandt, einem weiteren Bruder von Richard und Max: „Unsere gute sel. Mutter Minna Schmandt starb 1917 und liegt auf dem neuen jüdischen Friedhof begraben. Heute möchte ich wissen, ob das Grab noch besteht. Ich selbst bin in Braunschweig zur Schule gegangen und diente als Soldat bei der Artillerie in Wolfenbüttel.“

Auf die Antwort der Gemeinde schrieb er 1950: „Vielen herzlichen Dank für Ihr Schreiben nebst der Photographie des Grabes unserer sel. Mutter, womit sie mir eine große Freude bereitet haben. Ich gab die gute Botschaft meinen übrigen Geschwistern nach Buenos Aires weiter. Dieses waren Heimatklänge. Wenn wir auch schon viele Jahre fort sind, so spricht unser Herz noch immer von dort. Richard starb vor 15 Jahren und jetzt auch unser erster Bruder Herrmann, beide in Buenos Aires. Unser Bruder Max lebt in New York und muss sich mit 71 Jahren noch recht quälen. Ich emigrierte nach London und von dort nach hier.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder