Nach Canossa gehen wir nicht! Bismarck in Bad Harzburg

Braunschweig.  Heute geht es in „Beins Postkarten“ um das Canossa-Denkmal auf dem Burgberg und einen Besuch von Braunschweiger Bismarck-Fans in Friedrichsruh.

Die Gebäude auf dem Burgberg, die die Karte zeigt, wurden mit der Zeit aufgegeben. 2014 entstand statt des Restaurants „Burgberg“ das reizvolle „Gast- und Logierhaus Aussichtsreich“.

Die Gebäude auf dem Burgberg, die die Karte zeigt, wurden mit der Zeit aufgegeben. 2014 entstand statt des Restaurants „Burgberg“ das reizvolle „Gast- und Logierhaus Aussichtsreich“.

Foto: Sammlung Reinhard Bein

Wer als Ausflügler zur Harzburg hochsteigt, gelangt zu einer schlanken Säule, die mit der leuchtend goldenen Inschrift „Nach Canossa gehen wir nicht“ und einem Bismarckkopf versehen ist.

Canossa, sagt sich der Wanderer, da war doch etwas? Sicher. Und Bismarck hier oben? Mag sein. In der Autobiografie des Klavierfabrikanten Kurt Grotrian lesen wir: „An einem Junisonntagmorgen 1893 fuhren etwa 1200 Braunschweiger, unter denen ich mich auch befand, in einem Extrazuge nach Friedrichsruh, um, wie dies aus allen Gauen Deutschlands geschah, auch ihrerseits dem Altreichskanzler Bismarck ihre Huldigungen darzubringen.“

Sie stiegen in Friedrichsruh aus und begaben sich „in langem Zuge, der nicht des malerischen Moments entbehrte, da die Studentenschaft in Wichs mit Fahnen teilnahm, zum fürstlichen Schloss. Bismarck erschien in Begleitung seiner Gemahlin.“

Der Vorsitzende der Landesversammlung Geheimrat Semler hielt eine „zündende Rede“ und Bismarck bedankte sich: „Er sprach in einer trockenen, ich möchte fast sagen, abgehackten Weise, und man wunderte sich, daß aus der breiten Brust nicht eine stärkere Stimme erscholl.“

Bismarck ließ es sich nicht nehmen, einige Braunschweiger mit Handschlag zu verabschieden.

Er hatte, so sagten Zeitgenossen, eine Fistelstimme. Er sprach lange zu den Braunschweigern. Dann durften ihm die „Ehrenjungfrauen“ knicksend huldigen und Sträußchen reichen. „Er kam zu Liesel von der Heyde, einem entzückenden, aus einer alten Braunschweiger Familie stammenden Mädel; da drückte sie ihre Lippen ehrfurchtsvoll auf die Hand des Altreichskanzlers. Der war über diese Huldigung gar nicht böse, sondern nahm das süße Geschöpf in den Arm und küßte sie herzhaft auf die Stirn. Es hieß nachher, sie habe ihr Gesicht aus Verehrung und Glückseligkeit über dieses Erlebnis 14 Tage lang nicht gewaschen.“

Damit war die Audienz eigentlich beendet, aber Bismarck ließ es sich nicht nehmen, einige der am Bahnhof vor ihrem Abteil aufgereihten Braunschweiger mit Handschlag zu verabschieden. Besonders nach seinem vom jungen Kaiser Wilhelm II. erzwungenen Abgang von der politischen Bühne wuchsen die Huldigungen für den Altkanzler, der die Einheit Deutschlands mit „Blut und Eisen“ erzwungen hatte, Jahr für Jahr.

Bismarcktürme wuchsen überall in den Himmel: In Braunschweigs Nähe steht einer in der Asse oberhalb von Wittmar. Doch die Harzburger hatten schon früh den Anfang gemacht: Seit 1877 besaßen sie eine Canossasäule, den Bismarckstein, mit der sie der Politik des Kanzlers huldigten.

Sie waren nicht nur begeisterte Befürworter seiner Politik, sie fühlten sich auch persönlich mit Bismarck verbunden, denn im Harz befreite er sich 1846 von einer unglücklichen Liebe. Sein Freund Moritz von Blanckenburg arrangierte eine Reise, an der auch dessen junge Verwandte Johanna von Puttkamer teilnahm.

Bad Harzburg war damals auf dem besten Wege, Vermögende anzuziehen.

Und es kam, wie es kommen sollte: Die beiden verliebten und „versprachen sich“ in Harzburg, wie die Bewohner erzählten. Streitig gemacht wurde ihnen diese Ehre allerdings von Blankenburg und der Burg Falkenstein, die Johanna als Orte ihres Eheversprechens benannte.

Die Verlobungsfeier fand am 12. Januar 1847 auf dem Gut ihrer Eltern in Pommern statt. Sicher ist indes: Sie hatten bei dieser Reise in Harzburg Station gemacht. Der Ort war damals auf dem besten Wege, Vermögende anzuziehen, lebte man doch in einer Zeit, in der Leidende zur Kur fuhren.

Vor 1914 war Bad Harzburg viertgrößter deutscher Kurort.

1852 begann mit der Umwandlung der Saline zum Solbad der Kurbetrieb. 1873 erbohrte man die Krodoquelle, errichtete den respektablen „Harzburger Hof“ und eröffnete 1874 ein Kurhaus. Seit 1894 durfte der Ort sich Bad Harzburg nennen. Vor 1914 war er der viertgrößte deutsche Kurort.

Weit oberhalb auf dem Burgberg hatte Kaiser Heinrich IV. einst eine Trutzburg gegen seine Feinde errichtet. Der arrogante Herrscher besaß deren viele und forderte sogar den Papst heraus. Dieser belegte ihn mit dem Kirchenbann, der ihn zwang, „nach Canossa zu gehen“, d.h. Gnade zu erbitten, um weiter Kaiser sein zu können.

Diese Geschichte, dass der Papst den Kaiser bezwang, verfolgte die Deutschen über Jahrhunderte.

Bismarck, der Reichseiniger, hatte 1871 ein machtbewusstes, vorherrschend evangelisches Deutschland geschaffen, das die Katholiken zur Wahrung ihrer Interessen mit der Zentrumspartei beantworteten. Um möglichen päpstlichen Einfluss auf die deutsche Innenpolitik zu unterbinden, setzte der Kanzler konsequent auf die Trennung von Kirche und Staat.

So wurden die Jesuiten verboten, die katholische Kirche staatlicher Kontrolle unterstellt, Zivilehe und staatliche Schulaufsicht eingeführt. Dieser „Kulturkampf“ endete erst 1887 mit einem Vergleich.

Begonnen hatte dieser Machtpoker mit einer Rede Bismarcks im Reichstag am 14. Mai 1872, die er mit dem Ausruf beendete: „Nach Canossa gehen wir nicht.“ Da der aufstrebende Kurort Harzburg zum Herzogtum Braunschweig gehörte, in dem die Trennung von Kirche und Staat formal bereits mit der Verfassung von 1832 vollzogen worden war, verwunderte es die Zeitgenossen, weshalb die Harzburger Stadtväter hier eine „Canossasäule“ errichten wollten.

Zur Grundsteinlegung 1875 schrieb der Reichskanzler: „Ich sehe in diesem Vorhaben eine neue Bekundung des Einverständnisses und der Unterstützung in der Abwehr der Übergriffe, mit welchen auch heute deutsches Leben von römischer Herrschsucht bedroht wird.“

In die Säule ist ein Bismarckkopf eingefügt, gegossen in der Werkstatt Howaldt in Braunschweig.

Bei strömendem Regen weihten die geladenen Gäste 1877 das 19 Meter hohe Denkmal ein. Es trägt die Aufschriften: „Nach Canossa gehen wir nicht“, „Aus Dankbarkeit in fester Zuversicht“ und „Errichtet von deutschen Männern und Frauen“.

In die Säule ist ein Bismarckkopf eingefügt, gegossen in der Werkstatt Howaldt in Braunschweig. 1883 ließ Harzburg die als Ausflugsziel beliebte Säule um zwei Walküren-Statuen ergänzen, die die zweite Postkarte zeigt. Sie wurden im 2. Weltkrieg für Rüstungszwecke eingeschmolzen.

Ein Verlust? Die Gebäude auf dem Burgberg, die die Karte zeigt, wurden mit der Zeit aufgegeben. 2014 entstand statt des Restaurants „Burgberg“ das reizvolle „Gast- und Logierhaus Aussichtsreich“.

Erreichbar sind Canossasäule, Restaurant und die Ruinen der Burg Heinrichs IV. mit der Seilbahn oder über einen recht anspruchsvollen Wanderweg von rund zwei Kilometern.

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