Eine feste Burg – Gustav-Adolf-Fest 1899 in Braunschweig

Braunschweig.  In unserer Serie „Beins Postkarten“ von Reinhard Bein: Auch eine Grußkarte aus Braunschweig als Werbeträger durfte nicht fehlen.

Lithografie mit Stempel vom 19.9.1899; Zeichnung von Eduard Gelpke.

Lithografie mit Stempel vom 19.9.1899; Zeichnung von Eduard Gelpke.

Foto: Sammlung Reinhard Bein

Das Großereignis des Jahres 1899 in Braunschweig war das Gustav-Adolf-Fest, zu dem 2000 Besucher aus ganz Deutschland als Delegierte oder Mitglieder des Gustav-Adolf-Vereins kamen. Der Held der deutschen Protestanten im 30-jährigen Krieg (1618-1648) war der schwedische König Gustav Adolf II., dessen Ziel es war, Schweden zum wichtigsten Staat in Nordeuropa zu machen.

Dieser evangelische Landesherr siegte gegen Dänemark, Russland und Polen. Als er 1630 seine Macht durch die kaiserlich-katholischen Truppen bedroht sah, landete er in Pommern und verbündete sich mit dem katholischen Frankreich, das nun seine weiteren Kriegszüge finanzierte. Eine merkwürdige Allianz, aber durchaus nichts Besonderes in diesem grauenhaften Krieg!

200 Jahre nach seinem Tod errichteten die evangelischen Kirchen den Gustav-Adolf-Verein zur Unterstützung ihrer Glaubensgenossen.

Gustav Adolf besiegte 1631 und 1632 die kaiserlich-katholischen Truppen unter General Tilly in zwei großen Schlachten und sicherte damit das Überleben der deutschen Protestanten. Dann fiel er am 16. November 1632 bei Lützen in der Schlacht gegen die Kaiserlichen.

Seine Truppen blieben und galten als berüchtigte Marodeure. 200 Jahre nach seinem Tod errichteten die evangelischen Kirchen den Gustav-Adolf-Verein zur Unterstützung ihrer Glaubensgenossen in katholischen Ländern. Ab 1842 hieß diese Einrichtung Gustav-Adolf-Stiftung, heute Gustav-Adolf-Werk. Braunschweigs Bevölkerung bestand zu 95 Prozent aus evangelischen Christen, die restlichen 5 Prozent waren Katholiken und Juden, die zwar 1848 gleiche Rechte erhalten hatten, aber benachteiligt blieben.

Zwei Beispiele: Es war in der Regel nicht möglich, dass ein Katholik oder Jude Lehrer an einer staatlichen Schule des Herzogtums sein konnte. Als der Zuckerrübenanbau im Land boomte, holten Bauern polnische Saisonarbeiter. Viele blieben trotz Verbotes und gründeten Familien. Den 850 Katholiken im Amtsbezirk Schöppenstedt erlaubte der Staat 1908 vier Gottesdienste im Jahr: im Saal eines Wirtshauses.

Da in Braunschweig die lutherische Lehre bestimmend war, traf sich hier 1899 die Gustav-Adolf-Stiftung erneut zur Jahrestagung. Am 19. September schrieb die „Landeszeitung“ zur Begrüßung: „Nicht als Fremder kommt der Verein hier her und nicht einem fremden Gaste gewähren wir in diesen Tagen freudigen Herzens und mit dem Gefühle tiefer Dankbarkeit für seinen ehrenden Besuch Gastrecht, sondern einen guten alten Freund heißen wir in unseren Mauern willkommen.“ Die Tendenz ist eindeutig: Neutrale Berichterstattung war den heimischen Zeitungen damals fremd.

Die Veranstaltungen dienten vor allem der Geldsammlung, und das Ergebnis war beachtlich.

Der Verein hatte sich der Aufgabe verschrieben, evangelische Glaubensbrüder in katholischen Ländern zu unterstützen. Mit Vermächtnissen und Sammlungen, deren Erlöse in Deutschland von Jahr zu Jahr wuchsen, finanzierte er dies. Außer Kirchen baute er Schulhäuser, Pfarr- und Waisenhäuser und unterstützte diese Einrichtungen.

Über den Kirchenbau in der Diaspora schrieb diese Zeitung an anderer Stelle: „Meist sind es nur Kirchlein, schmuck und schlank, mit einigen hundert Sitzplätzen. Der katholischen Kirche sind diese Gustav-Adolf-Kirchlein ein besonderer Dorn im Auge. Denn jede von den bisher erbauten Kirchen bedeutet für den Katholizismus einen Verlust von einigen hundert Seelen. Wir in unserer evangelischen Stadt können uns nur schwer eine Vorstellung davon machen, wie das Fehlen jeder religiösen Gemeinschaft, verbunden mit persönlichen Kränkungen mancherlei Art, unsere evangelischen Glaubensgenossen in der Zerstreuung auf die andere Seite hinüberdrängt.“

Seit dem 14. September hatten die Zeitungen mit Anzeigen und Vorberichten auf das Ereignis eingestimmt. Auch Stadtrat von Frankenberg warb mit einer Anzeige: „Der Festausschuß richtet an alle Einwohner der Stadt Braunschweig die herzliche Bitte, durch Flaggenschmuck in der Zeit vom 18. bis 22. d. Mts. auch äußerlich die freudige Theilnahme an dem Feste und den Bestrebungen des Vereins zu bekunden.“

Die Herzogliche Hofkapelle unter Hofkapellmeister Riedel gab ein Konzert im größten Versammlungssaal der Stadt, der Ägidienhalle: „Konzertaufführung von ‚Gustav Adolf’ für Chor, Solostimmen und Orchester von Max Bruch.“

Die Veranstaltungen dienten vor allem der Geldsammlung, und das Ergebnis war beachtlich. Bedeutende Spenden gaben der Braunschweigische Staat, Industrielle, hohe Staatsbeamte, Kommerzienräte, Pastoren, Professoren, Offiziere, Juristen und Bankdirektoren. Gesammelt hatten auch Schulen, Vereine und Kirchengemeinden.

Am Schlusstag der Festwoche wurde neben der Brüdernkirche der Grundstein für ein Bugenhagen-Denkmal gelegt.

Auch eine Postkarte als Werbeträger durfte nicht fehlen. Das Motiv der Karte? Natürlich Gustav Adolf als Held und Verteidiger des protestantischen Glaubens neben der Silhouette Braunschweigs, umrahmt von Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“, mit dem die evangelischen Soldaten im 30-jährigen Krieg in die Schlachten gezogen waren.

Am Schlusstag der Festwoche wurde neben der Brüdernkirche der Grundstein für ein Bugenhagen-Denkmal gelegt. Diesen gelehrten Reformator, einen Freund Luthers und Melanchthons, hatten die Vertreter der Stadt 1528 gewonnen, um den Streit zwischen den Protestanten mit unterschiedlicher Ausrichtung zu beenden. Es gelang ihm, eine Kirchenordnung durchzusetzen, die einte. Sie wurde Vorbild für Dänemark, Hamburg, Lübeck und Pommern.

Pastor Eggeling sagte in seiner Rede zur Grundsteinlegung: Sie „gibt die Kinder durch die Taufe in die Gemeinschaft Jesu, ordnet neben den Kirchenschulen zwei gelehrte Anstalten zu St. Martini und St. Katharinen. Lehrern und Predigern wird Gehalt und Aufgabe bestimmt. Alles götzendienerische Wesen wird aus den Gottesdiensten entfernt, auf apostolische Einfachheit zurückgeführt. Die Pflege der Armen wird neu angeregt, die Kasse der Kirche auf sicheren Boden geführt. Eingerissenen schlechten Sitten wird ernst gewehrt.“ Mit drei Hammerschlägen und dem Satz „Heil der Reformation! Das wollen wir sagen, wenn wir jetzt diesen Stein weihen, (...) daß in dieser Stadt die Reformation herrschte und herrschen soll.“

Und nach so viel Leidenschaft und Pathos dann die eher banale Botschaft der Karte: „Lieber Carl! Deine Absage haben wir damals rechtzeitig erhalten, ich hoffe aber, daß Du recht bald nochmal ausführlicher schreibst? ... Deine Wäsche liegt fertig; schreib, wann Du sie haben willst. Tage lang schon haben wir unaufhörlich Regen, das Wetter macht einen ganz melancholisch.“

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