Der Fall Maddie: Die kriminelle Vergangenheit des Verdächtigen

Braunschweig.  Hat ein zuletzt in Braunschweig lebender Deutscher Madeleine McCann in Portugal entführt und ermordet? Ein Annäherungsversuch an den Beschuldigten.

Andenken an Madeleine McCann an einer Kirchentür im portugiesischen Lagos nach ihrem Verschwinden aus einer Ferienanlage.

Andenken an Madeleine McCann an einer Kirchentür im portugiesischen Lagos nach ihrem Verschwinden aus einer Ferienanlage.

Foto: Lusa Forra / dpa

Wer ist er? Einen „vernünftigen Eindruck“ machte er auf den Vorsitzenden eines Braunschweiger Kleingarten-Vereins. Zumindest bis zu seinem plötzlichen Verschwinden. Einer Anwohnerin erschien er in seinem Kiosk im westlichen Ringgebiet immer lustig, freundlich und gut gekleidet. Aber er war auch einer, der seine junge Freundin schlug. Das zumindest behauptete ein anderer Nachbar vor Journalisten. Annäherungsversuche an einen Menschen, der verdächtigt wird, ein Kindermörder zu sein. Aber eben nur verdächtigt.

Das Maß der Ungewissheit steht diametral zum öffentlichen Interesse: Während sich die Braunschweiger Staatsanwaltschaft über die Beweislage ausschweigt, ist der Mann, der die dreijährige Madeleine McCann vor 13 Jahren aus einem Hotelzimmer in Portugal entführt und ermordet haben soll, zumindest bildlich ins Blitzgewitter der internationalen Medien geraten. Tatsächlich verbüßt er derzeit in Kiel, abgeschirmt selbst vor den Mithäftlingen, eine Haftstrafe wegen Drogenhandels.

In den Medien kursieren derweil immer neue Details aus seinem Leben zwischen Deutschland und Portugal. Mal taucht ein Video von ihm in einem VW-Bus auf, mal soll er vor einem ehemaligen Weggefährten, wie vermeldet wird, ein Geständnis im Fall Maddie abgelegt haben. Am Ende aber überwiegen in den Schlagzeilen zumindest bis heute die Fragezeichen. Selbst auf die Frage, ob Maddie überhaupt tot ist, reagieren die Ermittler vage. Was wissen sie? Wird es überhaupt zu einer Anklage gegen den 43-Jährigen kommen, der seinen letzten deutschen Wohnsitz in Braunschweig hatte? Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung.

Ein Kind verschwindet: Am Abend des 3. Mai 2007, neun Tage vor ihrem vierten Geburtstag, verschwand Madeleine McCann während eines Familienurlaubs an der portugiesischen Algarve spurlos aus ihrem Appartement in einer Ferienanlage in dem Urlaubsort Praia da Luz. Die Eltern, das britische Ärztepaar Kate und Gerald McCann, aßen zu dieser Zeit im Tapas-Restaurant der Anlage in geselliger Runde zu Abend. Im Wechsel sahen die Eltern bei den Kindern nach dem Rechten. Als Kate McCann gegen 22 Uhr das Zimmer betrat, in dem Maddie und die zweijährigen Zwillinge schliefen, war das Bett der Dreijährigen leer. Damit begann unter den Augen der Weltöffentlichkeit eine beispiellose Suche nach dem verschwundenen Mädchen, nach möglichen Tätern und Motiven.

Unter Verdacht steht ein 43 Jahre alter Deutscher

Hinweise auf Maddie sollen aus 42 Ländern auf fünf Kontinenten gekommen sein. Doch alle vermeintlichen Sichtungen des blonden Mädchens mit den blauen Augen liefen ebenso ins Leere wie Ermittlungen gegen Verdächtige. 13 Jahre später, im Juni 2020, erlebt Braunschweig einen für die Stadt – vielleicht abgesehen von Prozessen rund um VW – eher seltenen Medien-Hype. Der Grund: In der ZDF-Fahndungssendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ haben Bundeskriminalamt und Braunschweiger Staatsanwaltschaft einen Verdächtigen im Fall Maddie präsentiert: einen 43 Jahre alten gebürtigen Süddeutschen, der zur Tatzeit in Praia da Luz lebte. Reporter und Kamerateams, darunter viele britische Medien, beginnen den letzten deutschen Wohnort des 43-Jährigen nach Spuren und Zeugen zu durchkämmen.

Viel zutage tritt dabei nicht angesichts des unsteten Lebens dieses vielfach vorbestraften Mannes, dessen Mobilität selbst die Justiz in rechtliche Wirrungen trieb. Jüngst musste gar der Europäische Gerichtshof ein klärendes Wort in Sachen Auslieferung sprechen – zugunsten der deutschen Justiz.

Im Heim aufgewachsen, ist er laut eigener Schilderung nach Hauptschulabschluss und begonnener KFZ-Mechaniker-Lehre mit 18 gemeinsam mit seiner damaligen Freundin nach Portugal ausgewandert. Er lebte von verschiedenen Jobs, hatte wechselnde Liebesbeziehungen, kam immer wieder wegen verschiedener Delikte mit dem Gesetz in Konflikt.

Zeugen aus portugiesischer Zeit beschreiben ihn als einen Glücksritter, „der versucht hat, was auszustrahlen, aber auch nicht auf großen Zampano gemacht hat“. Er soll einen alten Jaguar gefahren sein und auf sein Äußeres geachtet haben. „Er lief sehr gepflegt herum, trug immer Hemd und Jackett“, erinnerte sich einer. Als geselligen und hilfsbereiten Menschen stellt sich der 43-Jährige selbst dar.

Dieser Mann, davon geht die Braunschweiger Staatsanwaltschaft aus, soll Madeleine McCann nicht nur aus dem Hotelzimmer entführt, sondern ermordet haben. Die Ermittlungen laufen parallel zum Maddie-Verfahren in London. Dort geht Scotland Yard nach wie vor von einem Vermisstenfall aus.

Der Verdächtige ist mehrfach vorbestraft

Vieles passt ins Bild: Der Verdächtige lebte zur Tatzeit in dem Ferienort Praia da Luz. In Portugal war er im Bekanntenkreis als Fassadenkletterer bekannt, der in Hotelzimmer einbrach. Außerdem ist er wegen s exuellen Missbrauchs von Kindern vorbestraft.

Zuletzt hatte ihn das Braunschweiger Amtsgericht 2016 wegen Missbrauchs und Kinderpornografie zu 15 Monaten Haft verurteilt und unter anschließende Führungsaufsicht gestellt. Er soll die Tochter seiner Ex-Freundin missbraucht und anzügliche Fotos von der Fünfjährigen gemacht haben. Vor Antritt seiner 15-monatigen Haftstrafe setzte er sich wieder nach Portugal ab, wurde im Juni 2017 ausgeliefert, verbüßte die Haftstrafe vollständig.

Schon damals war der Mann ins Fadenkreuz der Maddie-Ermittler geraten. In Ermittlungskreisen galt er als gefährlich. Als sich wegen juristischer Hindernisse die Vollstreckung einer Haftstrafe wegen Drogenhandels auslieferungsrechtlich nicht direkt anschließen ließ, musste er im August 2018 auf freien Fuß gesetzt werden. Bis zu seiner erneuten Festnahme am 27. September 2018 in Italien bedeutete das: Er wurde in Braunschweig rund um die Uhr observiert, zunächst verdeckt von Mobilen Einsatzkommandos, dann offen von Braunschweiger Kriminalbeamten. „Wir standen nachts vor seinem Haus, sind neben ihm hergegangen, wenn er unterwegs war, und haben mit ihm gesprochen“, erinnerte sich ein Beamter gegenüber unserer Zeitung. Bis sich der Mann nach Amsterdam und von dort aus nach Italien abgesetzt habe.

Wer ist der Verdächtige im "Fall Maddie"?
Wer ist der Verdächtige im Fall Maddie ?

72-Jährige in Portugal vergewaltigt

Im Dezember 2019 wurde er vor dem Braunschweiger Landgericht zudem wegen der Vergewaltigung einer 72 Jahre alten Amerikanerin in Praia da Luz zu sieben Jahren Haft verurteilt. Zwei Jahre vor Maddies Verschwinden soll er abends in ihr Haus eingedrungen sein und sein Opfer beraubt, geschlagen und vergewaltigt haben.

Auch dieses Verbrechen blieb jahrelang unaufgeklärt. Bis ein Zeuge, dessen Aussagen auch im Fall Maddie eine Rolle zu spielen scheinen, vor der Polizei auspackte: Als der heute 43-Jährige vor Jahren in Portugal wegen Diesel-Diebstahls in Haft gesessen habe, sei er mit einem Kumpel in dessen Haus eingebrochen und habe unter anderem eine Videokamera gestohlen. Was die beiden auf den Videofilmen in der Kamera sahen, hat den Zeugen, wie er später vor dem Braunschweiger Landgericht wiederholte, noch monatelang beschäftigt.

Auf einer Filmsequenz sei eine ältere gefesselte Frau zu sehen gewesen, wie sie von einem maskierten Mann gepeitscht und vergewaltigt wurde. Sie habe eine geschwärzte Taucherbrille über den Augen gehabt, wie er sie beim Einbruch auch im Schlafzimmer des Bekannten entdeckt habe. „Danach hat sich der Mann aufs Bett gesetzt und die Maske vom Gesicht gezogen. Da hab ich gedacht: Das gibt es ja gar nicht.“ Er habe den Hausbewohner erkannt.

Ein zweiter Film habe eine Jugendliche gezeigt. Sie sei in dem Haus nackt an einen Holzbalken gefesselt gewesen. Der Hausbewohner, sein Bekannter, habe auf dem Sofa gesessen. Die junge Frau habe ihn ein paar Mal aufgefordert, sie loszumachen. Das sei eine Vergewaltigung, was hier laufe, habe sie auf Deutsch gesagt. Die beiden Männer sind sich sicher: Was sie da gesehen haben, seien keine gestellten Szenen gewesen.

Die Polizei suchte daraufhin nach möglichen V ergewaltigungsopfern – und stieß auf den Fall der 72 Jahre alten Amerikanerin. Zwar war sie offenbar keines der Opfer, die die Zeugen in den verschwundenen Videofilmen gesehen haben wollen, doch zeigte das Tatgeschehen Parallelen. „Ich hatte das Gefühl, dass er es genossen hat, mich zu quälen“, schilderte auch die 72-Jährige den Ermittlern. Und: Ein am Tatort, auf dem Bett der Amerikanerin, sichergestelltes Körperhaar ließ sich eindeutig dem 43-Jährigen zuordnen.

Im Prozess erklärte sich der Angeklagte gleichwohl für unschuldig und legte gegen seine Verurteilung Revision vor dem Bundesgerichtshof ein. Die Entscheidung steht noch aus. Das Urteil ist bislang nicht rechtskräftig.

Derweil hat die Braunschweiger Staatsanwaltschaft offizielle Ermittlungen gegen den Maddie-Verdächtigen angesichts eines anderen Jahre zurückliegenden Verbrechens aufgenommen: Eine junge Irin, die 2002 an der Algarve ebenfalls in ihrer Wohnung überfallen und vergewaltigt worden war, hatte in der Berichterstattung Ähnlichkeiten zu ihrem Fall entdeckt und sich bei der Polizei gemeldet. Nach bisheriger Prüfung des Geschehens komme der 43-Jährige als Täter in Betracht, erklärte Behörden-Sprecher Christian Wolters.

Ist der Verdächtige ein gefährlicher Serientäter?

Darüber hinaus ermittelt die Staatsanwaltschaft aktuell in einem weiteren Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs eines zehnjährigen deutschen Mädchens an der Algarve. Im April 2007 soll der Verdächtige vor dem Kind masturbiert haben.

Ist der Polizei also, selbst unabhängig von Maddies Verschwinden, ein gefährlicher Serientäter ins Netz gegangen, der sich an Kindern und Frauen gleichermaßen vergriffen hat? Auch das haben die Ermittler zu klären – sofern es die Beweislage so viele Jahre nach den Taten überhaupt zulässt.

Im Fall Maddie gingen nach dem öffentlichen Zeugenaufruf Hunderte Hinweise ein, die die Staatsanwaltschaft derzeit prüft. Zwischenergebnisse will sie nicht bekannt geben. Zuletzt sorgte die Durchsuchung eines Kleingartens in Hannover, wo sich der Verdächtige ebenfalls aufgehalten hatte, für Schlagzeilen.

Es bleibt vorerst also bei der bloßen Hoffnung, dass das rätselhafte Verschwinden der Dreijährigen aufgeklärt werden kann. Bis zu einer Anklage und zur ergebnislosen Einstellung der Ermittlungen gegen den 43-Jährigen wird sich die Öffentlichkeit gedulden müssen.

„Tatort“: Die große Crime-Serie der Braunschweiger Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer gerechten Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten.

Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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