Braunschweigs Spürnasen sind dem Verbrechen auf der Spur

Braunschweig.  Spürhunde der Polizeidirektion Braunschweig finden Drogen, Sprengstoff, Blutspuren oder Leichen. Für die Tiere ist das ein besonderes Spiel.

Polizeioberkommissar Michael Kaps hat sich für eine Übung Schutzausrüstung angezogen. Der Belgische Schäferhund Torres und Hundeführer Heiko Hermann haben ihn fest im Blick.

Polizeioberkommissar Michael Kaps hat sich für eine Übung Schutzausrüstung angezogen. Der Belgische Schäferhund Torres und Hundeführer Heiko Hermann haben ihn fest im Blick.

Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung

Die Nase klebt am Boden. Schnelles, geräuschvolles Ein- und Ausatmen. Der Schwanz wirbelt vor Freude durch die Luft. Nur Sekundenbruchteile vergehen. Dann läuft Luna zielgerichtet auf ein Regal in dem kleinen Heizungskeller zu – und bellt. Was hat sie gefunden? Ihr zweibeiniger Kollege kontrolliert unter dem Regal und entdeckt einen kleinen Plastikbeutel. Dieser ist mit einer blutgetränkten Stoffprobe gefüllt. „Fein gemacht“, ruft ihr der Kollege zu. Zur Belohnung bekommt Luna auch noch ihr Spielzeug, eine Beißwurst.

Auch wenn es nur eine Übung im Polizeigebäude ist, zeigt Luna dabei ihr ganzes Können. Denn die Belgische Schäferhündin hat eine ausgezeichnete Spürnase. Je nach Rasse und Länge der Schnauze haben Hunde bis zu 220 Millionen Riechzellen, Menschen nur etwa 5 Millionen. Lunas Nase ist darauf spezialisiert, Blutspuren und Leichen erschnüffeln zu können. Zusammen mit Polizeioberkommissar Michael Kaps bildet sie ein eingespieltes Team bei der Diensthundführergruppe der Polizeidirektion Braunschweig. Die Braunschweiger decken zusammen mit den Gruppen in Wolfsburg und Goslar das Gebiet zwischen Harz und Heide ab.

Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Bevor es für Luna heute zu ihrem Übungseinsatz geht, wird erst einmal ausgiebig gespielt. „Sie muss sich erstmal austoben, damit sie sachlich an die Suche gehen kann“, erklärt Michael Kaps, als er die Schäferhündin aus dem Kofferraum seines Autos lässt. Danach bekommt die Hündin ein neonoranges Verbindungshalsband um. „Für Luna ist das ein Zeichen, welche Aufgabe gleich von ihr erwartet wird“, erläutert der Hundeführer.

Mit einem sogenannten „Targetstick“ weist der Polizist die Hündin gezielt darauf hin, wo sie am Boden des Heizungskellers schnüffeln soll. Luna folgt der Spitze des Zeigestocks mit ihrer Nase. Plötzlich bellt sie. Für das menschliche Auge ist am Boden aber überhaupt nichts zu sehen. „Es handelt sich um eine weggewischte Blutspur“, erklärt Kaps. Für diesen tollen Fund bekommt Luna ihr Spielzeug und der Klicker wird gedrückt.

Wie wird ein Hund ein Spürhund?

Aber wie wird aus einem Hund ein Spürhund – in Lunas Fall ein Leichenspürhund? Am Anfang steht bei allen Diensthunden die Ausbildung zum Schutzhund. Besonders gut geeignet für den Job bei der Polizei seien Tiere mit einem hohen Spiel- und Beutetrieb sowie einem guten Sozialverhalten. Eigenschaften, die vor allem auf Hütehundrassen wie Schäferhunde zuträfen. „Ich möchte, dass die Hunde freiwillig, aus eigenem Antrieb heraus Personen suchen oder Stoffe finden“, erklärt Kaps. Der 43-Jährige ist seit vier Jahren bei der Diensthundführerstaffel. Waren früher auch noch Rottweiler und Dobermänner im Dienst, sind die Braunschweiger Diensthunde heutzutage allesamt Schäferhunde – Deutsche, Belgische und Holländische.

Wenn die Tiere ihre Ausbildung beginnen, sind sie zwischen einem und drei Jahren alt. Ein zentraler Ankäufer sucht die Tiere für die Polizei in Niedersachsen bei einem Züchter aus. Nach einem ersten Kennenlernen von Hund und Hundeführer startet die Schulung zum Schutzhund mit einem vierwöchigen Basisseminar beim Zentralen Diensthundewesen in Ahrbergen bei Hildesheim. Anschließend wird das Training in den Diensthundgruppen mit den Ausbildungsleitern fortgesetzt. „Die Hunde werden durch positive Bestärkung ausgebildet“, erklärt Michael Kaps. Werde ein gewünschtes Verhalten gezeigt, gebe es Leckerli und/oder ein Spielzeug als Belohnung. Auch ein Klicker komme dabei zum Einsatz.

Hunde müssen Gehorsam beweisen

Sitz, Platz, Bleib, Komm, Bei Fuß – diese Kommandos müssen bei Diensthunden sitzen. Denn ein guter Gehorsam sei ein wichtiger Bestandteil der Hundeausbildung, erklärt Kaps. Alles andere wäre auch nicht zu verantworten. Denn die Tiere lernen auch, ihre Hundeführer zu beschützen – im Notfall mit einem gezielten Biss in den Arm eines Angreifers oder eines Flüchtigen. Auf Kommando muss der Hund dann auch wieder loslassen. „Die Hunde dürfen niemals eigenständig beißen“, betont Kaps. Das Training für diesen Schutzdienst genannten Bereich erfordert auch von den Hundeführern vollen Körpereinsatz. Dazu tragen die Polizisten auf dem Hundeplatz Jutearme und weitere beißfeste Schutzausrüstung.

Wie es richtig geht, demonstrieren Kaps’ Kollege Polizeioberkommissar Heiko Hermann und dessen Partner mit der kalten Schnauze bei einer Übungseinheit. Konzentriert blickt der Belgische Schäferhund Torres zum Hundeführer und folgt ihm ruhig an der Leine. Torres’ Schwanz wedelt bei den Übungen freudig, die Ohren sind aufmerksam aufgestellt.

„Platz“, sagt der Polizist. Der Sprengstoffspürhund legt sich brav auf die regenfeuchte, etwas matschige Wiese. Langsam entfernt sich Hermann von dem Tier. Der Hund rührt sich nicht vom Fleck. Erst als der Hundeführer ruft, sprintet Torres zu ihm. Als Belohnung gibt es für den Rüden die Beißwurst zum Spielen. „Auch wenn es einfach wirkt, ist es sehr ausbildungsintensiv“, sagt Kaps.

Die Ausbildung zum Schutzhund setzt sich aus drei Bereichen zusammen. Neben Gehorsam und Schutzdienst gehört auch die Nasenarbeit dazu. „Die Nasenarbeit ist unheimlich anstrengend für die Hunde“, sagt Kaps. Das liegt am intensiven Schnüffeln. Bis zu 300-mal in der Minute atmet der Hund dabei stoßartig ein und aus, wodurch immer wieder neue Duftmoleküle in die Nase gelangen.

Tierischer Kollege ist Teil der Familie

Bei der Diensthundführerstaffel in Braunschweig gibt es einen Übungstag pro Woche. Aber auch privat trainieren die Teams zusammen. Denn obwohl die Hunde Eigentum des Landes sind, leben sie in ihrer Freizeit bei ihren Hundeführern. „Die Hunde sind vollständig in die Familien integriert“, sagt Kaps. Neben Luna habe er noch einen weiteren Hund. Wenn es nicht zu wild werde, könnten sogar seine Kinder ohne Probleme mit ihr spielen.

Nur wenn Besucher kommen, müsse Luna in ihren Zwinger. Denn für Außenstehende heißt es: „Abstand halten und nicht streicheln“. Der Zwinger wird übrigens vom Dienstherrn gestellt. Zudem gibt es eine Futterpauschale sowie Leinen und Zubehör. Und wenn der Hund einmal krank werden sollte, übernimmt das Land auch die Tierarztkosten.

Gute Spürnasen eignen sich für Ausbildung zum Spezialhund

Nach rund einem Jahr ist die Grundausbildung beendet. „Wenn der Ausbildungsleiter meint, dass das Team funktioniert, kann es zur Prüfung angemeldet werden“, sagt Kaps. Wird diese bestanden, darf der Hund bei der Tätersuche, bei Personenkontrollen oder bei Schutz- und Sicherungsmaßnahmen von Veranstaltungen wie Fußballspielen oder auch Demonstrationen eingesetzt werden.

Manche Hunde eignen sich darüber hinaus für eine Zusatzausbildung als Spezialhund. Beispielsweise als Drogenspürhund, Sprengstoffspürhund, Leichenspürhund oder Brandmittelspürhund – je nachdem wie gut ihre Nase ist. Diese Spezialhundelehrgänge dauern zwischen acht und zwölf Wochen. „Zu Anfang des Lehrgangs sind die Tiere sehr motiviert, aber es ist auch intensiv und anstrengend für sie.“ Deshalb benötigten die Hunde entsprechende Erholungsphasen zwischen den Schnüffeleinsätzen. Haben die Hunde auch diese Abschlussprüfung erfolgreich bestanden, gibt es laut Kaps neben dem täglichen Training viermal im Jahr Fortbildungen beim Zentralen Diensthundewesen.

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Diensthunde sind häufig als Schutzhunde im Einsatz

„Wir trainieren sehr viel, damit der Hund bereit ist, wenn es zu diesem einen Einsatz kommt“, sagt Kaps. Denn der tägliche Dienst der Diensthundführerstaffel bestehe vor allem aus Schutzhund-Einsätzen. Festnahmen mit Hunden kämen allerdings nicht sehr oft vor. Aber: „Wenn der Hund nur einmal den Diensthundeführer in einer gefährlichen Situation beschützt, dann lohnt sich schon der ganze Aufwand.“

Ein Fall ist Polizeioberkommissar Michael Kaps besonders in Erinnerung geblieben. „Es war ein Spezialhunde-Einsatz ziemlich kurz nach der Ausbildung“, erzählt er. Dabei fand Spürhund Luna jemanden in einem Wald, der sich dort erhängt hatte. „Die Person war an einer Stelle im Wald, wo man sie sonst nie gefunden hätte“, berichtet der Polizist. Da sei ihm noch einmal bewusst geworden, dass sie als Team gut zusammen funktionierten.

„Tatort“: Die große Crime-Serie unserer Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten. Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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