Neue Heimat für Braunschweiger Gehörlosengemeinde

Braunschweig.  In der Kapelle des ehemaligen St. Vinzenz-Krankenhauses feiert die evangelische Gehörlosengemeinde nun ihre Gottesdienste.

Vor dem Heiligen St. Vinzenz, dem Namensgeber des ehemaligen Krankenhauses (von links): Andreas Sodomann, Dr. Gabriele Timmler, Beate Bachmann, Pfarrer Thomas Exner, Peter und Hella Sens.

Vor dem Heiligen St. Vinzenz, dem Namensgeber des ehemaligen Krankenhauses (von links): Andreas Sodomann, Dr. Gabriele Timmler, Beate Bachmann, Pfarrer Thomas Exner, Peter und Hella Sens.

Foto: Rosemarie Garbe

20 Jahre lang hat die evangelische Gehörlosengemeinde ihre Gottesdienste in der Theodor-Fliedner-Kapelle im Marienstift gefeiert. Jetzt hat sie in der Kapelle des ehemaligen katholischen Krankenhauses St. Vinzenz, das die Stiftung Neuerkerode zu einem Senioren- und Pflegeheim umgebaut hat, einen neuen Ort für die Ausübung ihres Glaubens gefunden.

„Hier gibt es eine größere Gemeinschaft an Gleichgesinnten, an Menschen, die in der Gebärdensprache kommunizieren“, freut sich Andreas Sodomann, Vorsitzende des Braunschweiger Gehörlosenvereins, über die Neuerung. In St. Vinzenz, einer Außenstelle des Senioren- und Pflegezentrums Bethanien, gibt es einen eigenen Bereich mit zehn Plätzen für gehörlose Menschen.

Die ersten Gottesdienste haben schon stattgefunden

Die ersten beiden Gottesdienste in der renovierten Kapelle mit den künstlerisch gestalteten Glasfenstern und einem Blick in den herbstlichen Museumspark hat Pfarrer Thomas Exner gehalten, Gehörlosen-Seelsorger der Landeskirche Braunschweig. In Gebärdensprache hat er ein sogenanntes Körpergebet gesprochen, dessen Inhalt durch Gesten, Mimik und Bewegungen betont und untermalt wird. Auch die Predigt, das Vaterunser und den Segen hat Exner gebärdet. „Gehörlose haben eine andere Art der Wahrnehmung“, sagt der Pfarrer nach dem Gottesdienst, „sie hören mit den Augen und sind viel mehr taktil unterwegs.“ Gehörlose und Hörgeschädigte, so seine Erfahrung, haben einen feineren Sinn für die Körpersprache und nehmen vieles wahr, das Hörende rasch übersehen. Auf diese andere Kultur habe er sich zunächst einstellen müssen. Und er habe das Vertrauen der rund 500 Gehörlosen in der braunschweigischen Landeskirche gewinnen müssen. Denn viele Hörgeschädigte begegneten anderen zunächst eher skeptisch. „Missverständnisse entstehen schnell“, weiß Exner.

Herausforderung Gebärdensprache

Eine weitere Herausforderung sei für ihn war das Erlernen der Gebärdensprache gewesen, bei der Worte mit den Händen gebildet werden und die Bewegung des Mundes und der Gesichtsausdruck wichtig sind. Namen werden mit der Fingersprache buchstabiert, auch die Satzstellung ist in der Gebärdensprache anders. „Meine Gebärden sind vielleicht nicht alle richtig“, sagt Exner ganz offen, „aber ich bin mit dem Herzen dabei.“

Er begrüße die zunehmende Akzeptanz, die hörgeschädigten Menschen mittlerweile entgegengebracht werde. So gebe es in Magdeburg einen Studiengang Gebärdendolmetschen, dessen Absolventen als sprachliche Mittler zwischen hörenden und gehörlosen Menschen tätig seien. Auch die gemeinsamen Gottesdienste im Pflegeheim St. Vinzenz könnten ein Schritt zu einem besseren Verständnis sein und dazu beitragen, dass Menschen in die stille Welt der Gehörlosen eintreten.

Die nächsten Gottesdienste der Gehörlosengemeinde sind am Sonntag, 1. November, um 10.30 Uhr, und am 22. November, 15 Uhr, in der Kapelle in St. Vinzenz, Bismarckstraße 10.

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