Erstimpfung schon in 13 von 40 Braunschweiger Heimen

Braunschweig.  Interview mit Gesundheitsdezernentin Christine Arbogast und Leiter des Gesundheitsamtes, Gerhard Wermes: Der Start des Impfzentrums rückt näher.

 Nach jetzigem Stand könnte es Anfang Februar im Impfzentrum losgehen. Eine Anmeldung ist aber noch nicht möglich. Professor Karl Wessel, der medizinische Leiter des Impfzentrums, und ein großes Team sind schon einsatzbereit.

Nach jetzigem Stand könnte es Anfang Februar im Impfzentrum losgehen. Eine Anmeldung ist aber noch nicht möglich. Professor Karl Wessel, der medizinische Leiter des Impfzentrums, und ein großes Team sind schon einsatzbereit.

Foto: Bernward Comes

Mit einem 7-Tage-Inzidenzwert von unter 100 liegt Braunschweig unter dem aktuellen Bundesdurchschnitt von mehr als 150. Grund zum Aufatmen sehen Braunschweigs Gesundheitsdezernentin Christine Arbogast und der Leiter des Gesundheitsamtes Gerhard Wermes aber nicht. „Wir haben noch ein schweres Stück Weg vor uns“, betont Arbogast im Interview mit unserer Zeitung. „Jetzt müssen wir durch die Winterwochen kommen. Dazu brauchen wir Durchhaltevermögen.“

Wo steht Braunschweig zurzeit in der zweiten Welle der Pandemie?

Arbogast: Lassen Sie mich eine kleine Blitzrückschau auf die Corona-Pandemie geben. Bis Ende Oktober sind wir glimpflich davongekommen. Von Ende Oktober bis Mitte November lag der Inzidenzwert zwischen 60 und 80 Infektionen je 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Darauf folgte eine ruhigere Phase mit Werten um die 50. Seit Mitte Dezember bis heute schwankt die Inzidenz im Schnitt zwischen 80 und 90.

Am Mittwoch lag der Wert bei 91. Die Dramatik dieses Anstiegs zeigen die Todesfälle: Zwischen März und Oktober starben in Braunschweig 18 Menschen an und mit Corona, 31 starben in den vergangenen anderthalb Monaten, und es kommen leider fast täglich weitere Fälle hinzu.

Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?

Arbogast: Wir versuchen, optimistisch zu bleiben. Die Impfungen kommen viel früher, als wir gedacht haben. Das ist ein Riesenerfolg. Es passiert viel im Bereich der Medikamentenentwicklung. Klar ist aber auch, dass wir uns gerade im Wettlauf mit der Winterzeit befinden. Da heißt es jetzt, die Zähne zusammenzubeißen und die nächsten Wochen durchzustehen.

Wermes: Meine große Hoffnung sind die Impfstoffe. Sie bringen die Wende. Wenn wir die dritte Impfstoff-Zulassung haben, können über die Hausärzte größere Bevölkerungsgruppen geimpft werden. Vermutlich kommt dann noch ein vierter und fünfter Impfstoff. Die größte Herausforderung im Augenblick ist in Braunschweig der Schutz der älteren Generation, insbesondere in den Pflegeheimen.

Herr Wermes, noch vor einigen Monaten erklärten Sie, die Infektionsketten und Kontakte ließen sich in Braunschweig oft nicht mehr rekonstruieren. Heute klingt das aus Ihrem Mund glücklicherweise etwas anders.

Wermes: Die Infektionsketten lassen sich aktuell weitgehend nachvollziehen. Was uns geholfen hat, war die Schließung der Schulen. Gerade die jungen Menschen hatten viele Kontakte, das bedeutete für uns einen Riesenaufwand.

Wie wichtig ist es, die Kontaktpersonen ausfindig machen zu können?

Wermes: Die Nachverfolgung der Infektionswege ist ein wichtiger Baustein in der Pandemie-Bekämpfung. Wir wissen aus Studien: Wo Infektionsketten nachvollziehbar sind, ist der Inzidenzwert nur halb so hoch wie anderswo. Ein großes Lob möchte ich den Braunschweigern aussprechen.

Denn auch das belegen wissenschaftliche Untersuchungen: Hält sich die Bevölkerung gut an die Regeln, halbiert auch das – im Vergleich zu anderen – die Infektionszahlen.

Arbogast: Zu ergänzen ist, dass das Gesundheitsamt nicht mehr das ist, was es vor einem Dreiviertel-Jahr noch war. Die Prioritäten wurden massiv verschoben, die Strukturen angepasst. Gearbeitet wird inzwischen in spezialisierten Teams. Für die Kontaktnachverfolgung sind 73 zusätzliche Kräfte im Einsatz. Noch einmal die gleiche Anzahl an Kräften hat direkt oder indirekt mit der Pandemie-Bekämpfung zu tun. Sehr aktive Aufklärung leistet ferner unsere Abteilung für interkulturelle Beratung, wenn es Verständigungsprobleme zum Beispiel bei der Vermittlung der Corona-Regeln gibt.

Immer wieder gibt es Meldungen über Infektionen in Pflegeeinrichtungen. Wer ist aktuell in Braunschweig am stärksten von der Pandemie betroffen?

Arbogast: Nach den Sommerferien waren vor allem jüngere und sozial aktivere Menschen infiziert, von ihnen aus hat sich das Virus in die Fläche ausgebreitet.

Wermes: Wir müssen feststellen, dass alle Bevölkerungsgruppen der Stadt Braunschweig von Infektionen betroffen sind. Inzwischen ist das Virus von den jüngeren in die älteren Bevölkerungsgruppen gewandert. Zurzeit sehen wir einen steigenden Anteil an Infektionen im Bereich der Hochaltrigen, insbesondere bei Personen über 80 Jahren. Auch ältere Menschen, die zu Hause leben und von Pflegediensten betreut werden, werden uns häufiger gemeldet. Wo stecken sich die Menschen nach Ihren Erkenntnissen an?

Wermes: Ein Großteil der Infektionen findet in privaten Haushalten und Pflegeheimen statt. Weitere Ansteckungsorte sind medizinische Einrichtungen und der Arbeitsplatz. Am Arbeitsplatz und in anderen Einrichtungen ist folgendes zu beachten: bitte Maske tragen und Abstand halten. Das Abstandhalten wird oft vergessen, wenn man in der Raucherpause eng zusammensteht oder gemeinsam im Pausenraum zu Mittag isst. Das Abstandsgebot von 1,50 Metern gilt nun einmal ebenso in der Raucherecke im Freien. Das Virus lauert überall auf seine Chance.

Altenpflegeheime können inzwischen Antigen-Schnelltests einsetzen. Bieten die Tests nicht genügend Schutz?

Wermes: Der Einsatz von Antigen-Schnelltests hilft uns sehr bei der Aufdeckung von Infektionsfällen. Mittlerweile werden die Tests in allen Pflegeheimen in Braunschweig eingesetzt. Etwa die Hälfte der gemeldeten Covid-Fälle in Pflegeheimen wurde vorher schon durch Schnelltests erkannt und später über PCR-Testungen bestätigt. Durch die frühe Entdeckung dieser Fälle werden Ansteckungen verhindert. Trotzdem hat es in den vergangenen Wochen mehrere Ausbrüche in Pflegeheimen gegeben.

Wie ist es zu den Ausbrüchen gekommen?

Wermes: Eine Herleitung, wie das Virus in die Einrichtungen getragen wurde, ist schwer möglich. Unsere Begehungen und Hygienekontrollen haben aber ergeben, dass Infektionen meistens dann stattfinden, wenn sich entweder Bewohner, Personal oder Besucher nicht an die Hygieneregeln halten. Der Mensch ist immer ein Unsicherheitsfaktor. Würde er keine Fehler machen, hätten wir keine Pandemie. Hygienemaßnahmen werden eben nicht zu 100 Prozent eingehalten, auch nicht in Heimen.

Arbogast: Bis Anfang November hatten wir in Pflegeeinrichtungen keine nennenswerten Infektionen. Seit Anfang November haben wir zunehmend damit zu tun. Deshalb haben wir uns kurz vor Weihnachten zusätzlich zu den Schnelltests für ein flächendeckendes PCR-Screening entschieden. In einem großen Kraftakt wurden mit Unterstützung der Hilfsorganisationen und der Feuerwehr bis zu diesem Sonntag in vielen Braunschweiger Pflegeheimen PCR-Tests durchgeführt. Bis zum Ende des Monats werden die noch fehlenden Heime mit Unterstützung der Bundeswehr abgestrichen. Im Zuge dieses Massenscreenings haben wir bisher in fast jedem zweiten Heim trotz des Einsatzes von Schnelltests unentdeckte Infektionen festgestellt. Bis die Impfungen greifen, durchleben wir also noch eine schwierige Phase.

Stichwort Impfen: Derzeit sind mobile Teams zum Impfen in Pflegeeinrichtungen unterwegs. Wie hoch ist dort die Impfbereitschaft?

Arbogast: Unter den Bewohnerinnen und Bewohnern ist der Anteil der Impfwilligen sehr hoch, er bewegt sich nahezu an die 100 Prozent. Unter den Beschäftigten ist die Zurückhaltung größer. Neulich war ich in einer größeren Einrichtung: In der hat sich im ersten Rutsch die Hälfte der Beschäftigten impfen lassen . Unter denen, die sich gegen das Impfen entschieden haben, haben manche Allergien oder Vorerkrankungen und sind deshalb noch unsicher. Dafür muss man Verständnis haben. Ich gehe davon aus, dass die Impfbereitschaft mit der Zeit steigen wird. Wir sind jetzt, Stand 13. Januar, in 13 von 40 Heimen mit der Erstimpfung durch. Das fühlt sich richtig gut an.

Was halten Sie von einer Impfpflicht?

Arbogast: Jetzt eine Impfpflicht zu fordern halte ich für falsch. Es ist besser, Überzeugungsarbeit zu leisten, zumal eine polarisierte Stimmung in der Bevölkerung herrscht. Die Einführung einer Impfpflicht würde dies weiter verschärfen.

Wermes: Eine Impfpflicht wird immer wieder diskutiert. Aber ich sehe da auch verfassungsrechtliche Probleme. Gegen den Willen der Menschen wäre das eine Körperverletzung.

Das Impfzentrum in der Stadthalle steht bereit, ist aber noch ungenutzt. Wann geht es an den Start?

Wermes: Am 18. Januar sollen die mobilen Teams von zwei auf fünf aufgestockt werden. Nach jetzigem Stand sollen die Impfungen im Impfzentrum am 1. Februarbeginnen. Mehr als 100 Ärzte haben sich freiwillig gemeldet.

Mit einer so großen Bereitschaft – auch der übrigen Helfer – hatte ich gar nicht gerechnet. Termine zum Impfen vergibt das Land ab dem 28. Januar. Die Anmeldung wird telefonisch und im Internet möglich sein. Die Internetseite befindet sich noch im Aufbau.

Werden alte Menschen damit nicht überfordert sein?

Arbogast: Informiert wird seitens des Landes. Aber wir diskutieren natürlich, wie wir vor Ort unterstützen können – zum Beispiel über Nachbarschaftshilfen.

Der aktuell verwendete Impfstoff ist hochempfindlich, und eine Ampulle reicht für mehrere Personen. Wie können Sie damit Menschen impfen lassen, die zu Hause gepflegt werden und nicht ins Impfzentrum kommen können?

Wermes: Das ist in der Tat ein Problem. Wir warten gerade auf die Zulassung des Impfstoffes von Astra Zeneca in der EU, der in Großbritannien schon verimpft wird. Er ist deutlich unproblematischer. Mit ihm können wir von Haus zu Haus fahren.

Die ersten Corona-Impfungen in Braunschweig haben begonnen

Sollte das mutierte und, wie es heißt, wesentlich ansteckendere Corona-Virus auch in Deutschland um sich greifen, reichen dann noch die Verhaltensregeln Abstand, Mund-Nasen-Schutz und Hygiene aus, um sich und andere zu schützen?

Wermes: Mehr Möglichkeiten haben wir im Grunde nicht. Aber auch das mutierte Virus ist an Tröpfchen gebunden. Das heißt: Die Regeln sind nach wie vor sinnvoll. Doch könnte es sein, dass die Kontaktbeschränkungen weiter verschärft werden müssten.

In seinem Gastkommentar für unsere Zeitung hat Florian Bernschneider , Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Region Braunschweig, die schleppende Digitalisierung in Deutschland kritisiert. Als Beispiel nannte er die noch immer über Faxgeräte kommunizierenden Gesundheitsämter. Wie steht es um das Braunschweiger Gesundheitsamt?

Wermes: Das Gesundheitsamt ist in Sachen Digitalisierung gut aufgestellt. Wir konnten im vergangenen Monat unsere Software zur Kontaktnachverfolgung aktualisieren. Damit ist eine weitgehend digitale Bearbeitung der Fälle im Gesundheitsamt möglich. Leider sind noch nicht alle medizinischen Einrichtungen technisch in der Lage, uns auf elektronischem Weg ihre Positivmeldungen zu übermitteln. Daher müssen wir weiterhin mit Faxen arbeiten. Die Übermittlung unserer Ergebnisse an das Landesgesundheitsamt erfolgt vollelektronisch.

Nutzt Deutschland aus Ihrer Sicht generell zu wenig Möglichkeiten, die in der Digitalisierung liegen, um die Pandemie besser in den Griff zu bekommen?

Wermes: In anderen Ländern wie beispielsweise in Südkorea wird ein GPS-Tracking durchgeführt. Dies würde eine Kontaktnachverfolgung von Indexfällen und Kontaktpersonen effizienter machen. Das ist jedoch aus datenschutzrechtlichen Gründen in Deutschland nicht möglich.

Wie schätzen Sie die Wirksamkeit der Corona-App in der Pandemiebekämpfung ein? Bringt die App was oder eher nicht? Falls nicht, was müsste besser sein?

Wermes: Die Corona-Warn-App ist ein Baustein in der Pandemiebekämpfung. Sie spielt aber nur eine untergeordnete Rolle für das Gesundheitsamt im Rahmen der Infektionsermittlung und dient mehr der persönlichen Information. Die Fallmeldungen für die Gesundheitsämter kommen aus den Laboren, den medizinischen Einrichtungen und von Ärztinnen und Ärzten.

Florian Bernschneider schlägt vor, Check-in-Terminals in Fitnessstudios und Restaurants einzurichten, die Daten lokal speichern und Warnmeldungen erhalten, wenn ein Besucher später positiv getestet wird. Was halten Sie davon?

Wermes: Die Vorschläge des Herrn Bernschneider zu Check-in-Terminals sind durchaus sinnvoll. Allerdings müssen die Belange des Datenschutzes dabei berücksichtigt werden. Wichtig ist, dass Fitnessstudios und Restaurants, wenn sie wieder geöffnet sind, bei Infektionsfällen zeitnah Besucherlisten übermitteln. Hier würden wir uns wünschen, dass diese Besucherlisten auch zeitlich und räumlich sortiert sind. Dies war in der Vergangenheit nicht immer der Fall.

Lassen Sie uns zum Schluss orakeln: Wo stehen wir in einem Jahr in Braunschweig?

Wermes: In einem Jahr herrscht Normalität

Arbogast: Davon würde ich auch ausgehen.

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