Zerstört Corona endgültig Braunschweigs Flair und Stadtkultur?

Braunschweig.  Schließungen, Leerstände, kulturelle Ödnis – gibt es dagegen ein Rezept? Wir sprechen über Gefahren und Lösungen mit dem Stadtplaner Walter Ackers.

Mahnende Worte zur Zukunft der Stadt nach Corona: Professor Walter Ackers.

Mahnende Worte zur Zukunft der Stadt nach Corona: Professor Walter Ackers.

Foto: Archiv / Florian Kleinschmidt / BestPixels

Wie übersteht die Stadt die Corona-Krise? Was droht endgültig verloren zu gehen? Und was kann bewahrt werden von all der Solidarität und Hilfsbereitschaft, die in den vergangenen Monaten in der Stadt ebenfalls zu spüren waren? Professor Walter Ackers, geboren 1945, ist Architekt und Stadtplaner in Braunschweig. Zwei Jahrzehnte lang leitete er das Institut für Städtebau der TU Braunschweig. Wir sprachen jetzt mit ihm.

Die Pandemie-Depression scheint ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Was wird diese Krise, wenn sie denn überstanden ist, für Auswirkungen auf die Stadt, ihre Kultur und auf das Klima des Zusammenlebens haben?

Dazu werden wir einen Dialog aller Beteiligten in einer bislang nicht gekannten Intensität benötigen! Wir erleben gerade einen fundamentalen Angriff auf unsere Kultur gleich in mehrfacher Hinsicht. Es geht dabei nicht nur um Theater und Konzertveranstaltungen, sondern insgesamt um unsere Alltags- und Lebenskultur, die sich aus dem Städtischen heraus entwickelt hat, selbst auf dem Land. Es sind besondere Formen des Austausches und des Umgangs, ohne dass wir ihrer besonderen Qualitäten bewusst sind. Die Frage nach den Auswirkungen auf den Handel ist nachvollziehbar und wichtig, aber greift isoliert betrachtet viel zu kurz. Ja, wir haben unsere Innenstädte nahezu vollständig dem Einzelhandel und dem Konsum ausgeliefert. Dieser gesellschaftliche Konsens wird durch Corona auf den Prüfstand gestellt.

Unser „Way of life“...

...ist fundamental in Frage gestellt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Kommerz und Handel als gemeinsamer Schnittpunkt folgerichtig unsere Innenstädte dominiert. In sehr einseitigen Formen – und deshalb sind diese Strukturen auch empfindlich gefährdet. Mir bereitet es Sorge: Die kleinen Strukturen, die unser städtisches Leben immer ausgemacht haben, die persönliche Initiative, Produktivität und Kreativität von Handwerk, Dienstleistungen, Kunst und vieles mehr drohen jetzt endgültig ihre Basis zu verlieren. Da sehe ich das größte Problem. Wenn wir aus unserer Stadt die vielen kleinen inhabergeführten Läden, die Selbständigen wegdenken, die Cafés, Restaurants und gesamte Gastronomie, die das Stadterlebnis ausmachen, dann ist das eine katastrophale, triste Perspektive. Was bliebe, wären Bring- und Lieferdienste. Eine öde Vorstellung von Stadt.

Vor der Corona-Krise konnte man den Eindruck gewinnen, dass es durchaus Ansätze für mehr Leben, Initiativen, mehr kleinen Handel und mehr Kultur in der Stadt gibt. Kann man daran nicht wieder anknüpfen?

Das ist meine Hoffnung – und auch Zuversicht. Die Stadt lebt von diesen kleinen persönlichen Initiativen. Sie bieten das Liebens- und Lebenswerte, das, was jenseits von Konsum und Geschäftsinteressen unsere Kultur eigentlich ausmacht. Durch die vorherrschenden Strukturen sind diese bereits länger gefährdet, vor allem, weil anonymes Kapital, Eigentumsfonds und mehr in die Innenstädte dominiert. Natürlich ist ein Neustart möglich, davon bin ich fest überzeugt. Aber man muss auch sehen, dass viele Qualitäten jetzt zerstört werden und für längere Zeit nicht mehr vorhanden sein dürften. Ich denke hier an und fürchte um kleine Läden in der Nähe, Kneipen, Kultureinrichtungen, kreative Quartiere – alles Bezugspunkte, die wir sehr schätzen. Ohne sie wird auch ein Neuanfang nicht funktionieren. Ich habe jedoch die große Sorge, dass da gerade viel Wertvolles zerbricht.

Um viele von den größeren Einheiten steht es auch nicht besser. Auch vor Corona diskutierten wir bereits über Leerstände.

Das haben wir gesehen, das werden wir sehen. Im Bereich des Handels ist der Konzentrationsprozess weit vorangeschritten. Diese Großen, die von den nächsten Großen verdrängt werden, stehen jetzt ebenfalls unter extremem Druck. Der Internet-Handel wälzt derzeit alles um. Die Folgen betreffen uns alle. Eine sehr problematische Entwicklung hin in Richtung der beschriebenen Ödnis. Stadt konstituiert sich doch aus der Begegnung, der gegenseitigen Wahrnehmung, des Austausches über das Zusammenleben im öffentlichen Raum. Mich bedrückt, was wir doch gerade schmerzlich sehen können, was Einsamkeit im öffentlichen Raum bedeutet. Wenn man im Moment durch die Stadt läuft, trifft man sich nicht mehr, sieht keinem mehr in die Augen. Es gibt buchstäblich den „Augenblick“ nicht mehr! Der Augenblick, der unsere soziale Wirklichkeit schafft. Wir spüren schmerzhaft, wie unsere Wirklichkeit auseinanderbricht.

Im Netz findet sich reichlich Ersatz. Erleben wir hier nicht gerade einen Megatrend, der sich in der Krise noch brutal verstärkt und irreversibel sein dürfte, falls wir das überhaupt wollen?

Zweifellos ist das Netz für die notwendige Kontaktreduzierung und die Aufrechterhaltung von Kommunikation gerade sehr hilfreich, aber spüren wir nicht alle auch das Problem? Diese Anonymität! Uns fehlen die öffentlichen Räume, um uns zu sehen, auszutauschen, uns zu vergewissern, zu streiten, Pläne zu schmieden, um uns auszuruhen, zu genießen, Abstand zu bekommen oder Nähe zu finden. Dagegen steht als Gegenentwurf der Einzelne in seiner Hütte, von außen voll versorgt. Ein Monaden-Leben, das sich gerade herausbildet. Unsere Bedürfnisse haben wir trotzdem: Neugier, Geselligkeit, Angst, Schutz, Leidenschaft – Emotionen jeder Art. Das will dann auf anderen Wegen kanalisiert sein – zum Beispiel auch über Machtansprüche, Übergriffe in sozialen Netzen, Verschwörungserzählungen. Das alles ist in der Summe ein dramatisches Infragestellen unserer bisherigen Lebensformen und dessen, was wir als wertvoll erachten.

Hat es eine solche Herausforderung, einen solchen Angriff jemals gegeben?

Pandemien, Diktatur, Krieg, ja, hat es in der Geschichte alles gegeben. Übrigens waren dies stets auch fundamentale Angriffe gerade auf die städtische Kultur. Vielleicht bin ich in der jetzigen Situation sogar etwas hoffnungsfroher – oder wäre es gern. Betrachtet man indes die zu befürchtende Langzeitentwicklung und die globalen Auswirkungen angesichts einer Vernetzung, die es so noch nicht gab, so stehen wir auch vor Neuland. Möglicherweise lässt sich die Erde gerade etwas einfallen gegen das Anthropozän, unser Zeitalter, das durch maßlose menschliche Ansprüche und Lebensformen des Raubbaus, des Eingriffs in Kreisläufe bis hin zur Klimaveränderung geprägt ist.

In der Soziologie der Katastrophe, des Umbruchs und der Zeitenwende kann man aber sicher sein, dass es stets Verlierer und Gewinner gibt. Trifft es diesmal die vertraute städtische Kultur?

Mit allen Werten! Dazu gehören auch die Ansprüche auf Gerechtigkeit, soziales Miteinander, Gleichberechtigung, der Zusammenhalt der Gesellschaft. Dies wird gerade in einem extremen Maße herausgefordert. Wenn Sie sehen, welche Millionengewinne ein Unternehmen wie Amazon und andere täglich erzielen! Es ist eine große, aktuelle politische Aufgabe, hier wieder zu Gleichgewicht und Ausgewogenheit zu kommen.

Gesetzt den Fall, wir hätten die Corona-Krise in einem halben Jahr überwunden und könnten zu einem normalen Leben... , tja, da stutzt jetzt sogar der Fragesteller.

Normal gibt es nicht mehr. Alles, woran wir uns gewöhnt hatten, Strukturen von Alltag, Zeit und Arbeit, verändern sich. Es gibt neue Arbeitsorganisationen, wir sehen es am Home-Office. Neue Rationalisierungswellen sind möglich. Die Wirtschaft ergreift Potentiale und Möglichkeiten, die sie bislang noch nicht ausgeschöpft hat. Da darf man dann aus der Zwei-Zimmer-Wohnung von zuhause arbeiten – und einen Teil der Wohnung als Büro einrichten. Manche Unternehmen werden davon profitieren und die Isolation des Einzelnen hinnehmen. Ich glaube aber nicht, dass wir dauerhaft auf die kreative tägliche Begegnung am Arbeitsplatz verzichten können.

Meinen Sie, die Politik könnte noch einmal die Kraft aufbringen, diese Entwicklung zu steuern und gerecht zu gestalten?

Ich möchte nicht in der Haut der verantwortlichen Politiker stecken. Wir sehen gerade eindrucksvoll, wie weltweit die unterschiedlichen Systeme agieren. Autoritäre Systeme erscheinen überlegen, bei uns gibt es Anfälligkeiten für Populismus. Die Demokratie ist herausgefordert. Es erweist sich jedoch auch ihre große Stärke, glaubwürdig die Freiheit des Einzelnen zu garantieren und gleichzeitig seine Verantwortung für das durch die Pandemie erschütterte Gemeinwesen einzufordern. So unbequem, widersprüchlich und verwirrend das manchmal erscheint, es ist der beste Weg.

Bleiben wir also optimistisch. Es gibt so viele Ansätze zur Solidarität, Anteilnahme und Rückbesinnung auf Gemeinsamkeiten, die wir jetzt in tristen Tagen erleben. Euphorie und Aufbruchstimmung, wenn alles überstanden ist, werden riesengroß sein und kreativ genutzt werden. So sind wir eben.

Gern stimme ich zu. Vielleicht werden wir dann auch kritischer unsere Werte und Bedingungen reflektieren und energischer verfolgen, wofür es ebenfalls gute Ansätze gibt: Verzicht auf manche Maßlosigkeiten, beispielsweise bei Flugreisen, Konsum, Ressourcenverbrauch. Wir merken doch gerade, was uns gerade an elementaren Dingen fehlt: Austausch, gemeinsame Unternehmungen, Kultur! Unfassbar, was doch gerade der komplette Verzicht auf öffentliches Theater, Kino, Kulturveranstaltungen bis hin zu Festen, kleinen wie großen, tatsächlich bedeutet. Wir merken es gerade, es wird uns schmerzlich bewusst, ist mit Händen zu greifen, was für eine Qualität das für uns bedeutet!

Was muss für die Braunschweiger Innenstadt getan werden?

Die Mieten dort sind zu hoch. Bei den bisher erzielbaren Mietpreisen für Ladenflächen im Erdgeschoss werden Wohnungen in den Obergeschossen für Vermieter völlig uninteressant. Das Problem sind die großen Fonds, denen Leerstände nichts anhaben können. Die lassen es einfach liegen. Die Nachbarschaft, das Viertel und die Innenstadt insgesamt werden hierdurch weiter heruntergewirtschaftet. Eigentümer oder Inhaber, die wirklich noch persönlich im eigenen Laden stehen, das ist zur seltenen Ausnahme geworden. Dies ist auch in anderen Städten so. Ich habe einen einseitigen Ausbau der Innenstädte, ihre kommerzielle Ausrichtung auf den Handel immer kritisiert. Das hört sich widersprüchlich an, wenn wir an die Schloss-Arkaden und mein städtebauliches Gutachten von 2003 denken. Doch damit ist es gelungen, die Zonengrenze Bohlweg rund um die Fußgängerzone aufzulösen und neue Wege und Räume für städtisches Leben zu erschließen. Können Sie sich die Innenstadt heute ohne den Schlossplatz noch vorstellen? Dieser ist zu einem wichtigen zentralen öffentlichen Raum mit vielfältigen historischen und politischen Bezügen geworden.

Was muss jetzt passieren, brauchen wir einen runden Tisch für die Innenstadt?

Wir brauchen einen Dialog, um alle Beteiligten zusammenzubringen. Auch die Eigentümer, die in der Braunschweiger Innenstadt verantwortlich sind. Es muss gewährleistet sein, dass der zuvor beschriebene Konzentrationsprozess ohne gesellschaftliche Verantwortung jetzt nicht fortgesetzt wird oder sich sogar noch verschärft. Wir müssen darum kämpfen, dass kleine, vielfältige, kulturell beseelte Einheiten Chancen bekommen und das Zusammenleben in der Stadt bereichern können.

Hierfür gibt es gerade rührende Zeichen. Sprechen wir grade von einer Rückbesinnung auf das Lokale?

Dem muss man unbedingt eine Chance geben. Man könnte Fonds auflegen, um Läden und Geschäfte auf die Beine zu helfen, die darauf angewiesen sind. In einen Fond für unser Magniviertel, nur um ein Beispiel zu nennen, würde ich gerne einzahlen. Wir müssen lokal die kleinen Strukturen und Dienstleister, nicht zuletzt die Gastronomie, bald wieder ans Laufen bekommen. Damit wir uns so schnell wie möglich wieder frei in der Stadt bewegen können. Und uns gegenseitig Augenblicke gönnen. Darin liegt eine große Hoffnung. Das Lokale ist die Rettung!

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