Hirn auf

Hundert Tage Corona-Pandemie – oder waren es mehr?

Martin Korte schreibt über das subjektive Erleben der Zeit.

Braunschweiger Supermärkte sind ein guter Ort, um über unser Verhältnis zur Zeit nachzudenken. An der Kasse stehend – in einer längeren, Abstand haltenden Schlange –, konnte ich so beobachten, wie ein Mann die Reihen abschritt und lange überlegte, welche wohl die schnellste sei. Ohne zu merken, dass diese Suche nach Zeitersparnis länger dauerte als die längste Schlange an Wartezeit bedeutet hätte. So richtig schmunzeln musste ich dann, als er an der Kasse ankam und vor ihm ein Junge in kleinen Münzen bezahlen wollte, was irgendwie nicht aufzugehen schien….

Aber wie steht es um unsere Zeitwahrnehmung? Gibt es jetzt mehr Zeit als früher, sind wir entspannter? Oder ist Zeit noch knapper geworden in diesen Corona-Krisentagen? Hat sich gar unser Verhältnis zur Gegenwart verändert, leben wir in einem bewussteren „Jetzt“ ob realer Gefahren für Leib und Leben?

Als Thomas Mann 1924 seinen großen Roman „Der Zauberberg“ beendet hatte, machte der dazu einige interessante Bemerkungen. Die Geschichte des Romans sei lange, sogar sehr lange her, quasi in der „tiefsten Vergangenheit, jedoch verdankt sie den Grad ihres Vergangenseins nicht eigentlich der Zeit“, schrieb er. Was er meinte war, dass der Roman zwar nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben wurde, die Geschichte aber davor spielte – und sie gerade deswegen umso „vergangener“ sei durch die scharfe Trennung von den Erlebnissen vor dem Krieg und denen danach. Irgendwie wirkte die Zeit vor dem Krieg viel weiter entfernt, als es der Kalender anzeigte – genauso, wie es vielen von uns in der Corona-Krise geht: Die Zeit davor scheint nicht Wochen, sondern Jahre her zu sein. Waren wir wirklich im Februar noch in einem voll besetzten Theater?

Wenn auch das Coronavirus nicht unsere Zeit gefressen hat, so hat es doch dafür gesorgt, dass unsere Zeit aus nichts anderem mehr zu bestehen scheint als Gegenwart, die das Vergangene, auch das, was erst einige Wochen alt ist, ewig lang her erscheinen lässt. Und irgendwie scheint auch der Blick in die Zukunft durch diesen winzig kleinen Virus verstellt. Nun war die Zukunft immer schon ungewiss, aber vor der Corona-Pandemie ließen sich zumindest die kommenden Wochen und Monate planen. Nun hat sich die Gegenwart so ausgedehnt, dass bei vielen von uns der Eindruck entsteht, ein Tag gleicht dem anderen, das Gehirn findet keine Zeitmarken mehr, um sich zu orientieren. Man hat fast das Gefühl, dass die Zeit wie gefrorenes Wasser erstarrt ist, und doch fällt man irgendwie durch sie hindurch. All das, weil unsere Welt aus den Fugen geraten ist – ebenso wie die damalige Welt eines Thomas Mann. Auch von der „eigentümlichen Zwienatur“ der Zeit schrieb Mann in seinen Bemerkungen: Auf der einen Seite genau messbar, auf der anderen Seite ist die Zeitwahrnehmung in unserem individuellen Erleben variabel und unberechenbar.

Unser Gehirn misst Zeit in allen Lebensbereichen und Skalen und hat hierbei eine eigene Metrik. Die Erinnerungen an das Geschehen von vor fünf Minuten, Stunden, Wochen, Monaten oder Jahren wird nicht linear erlebbar gespeichert. Und entsprechend kann das Gehirn hier auch ungeheuerlich danebenliegen. Was man schon daran sieht, dass, wenn man Personen Bilder von ihnen zeigt, die drei bis fünf Jahre alt sind, diese Probanden immer noch glauben, auch heute so auszusehen – manchmal verzerren unsere Gehirne die Wirklichkeit auf angenehme Art.

Auch dehnt sich unser Zeiterleben aus, wenn wir Langeweile haben, und verfliegt, wenn wir etwas Neues und Spannendes erleben – nur um dann in der Erinnerung an Volumen zu verlieren, wenn wenig Neues oder Aufregendes geschieht, und sich auszudehnen, wenn wir viel erlebt haben.

Die Zeit ist schon physikalisch schwer zu greifen und zu beschreiben, aber in unseren Gehirnen wird es dann ganz mysteriös. All das passt sehr gut zum verwirrenden Zeiterleben in den Krisentagen der Corona-Pandemie. Im März 2020 verhängten viele europäische Regierungen einen Lockdown, und dieser verursachte signifikante Veränderungen in allen Aspekten unserer täglichen Routinen.

Eine aktuelle britische Studie untersuchte nun, wie unsere Zeitwahrnehmung sich während dieser Krisenzeit verändert hatte. Vor allem wurde geschaut, inwiefern der veränderte Zeitfluss beeinflusst war durch die Aufgabenbelastung, Zufriedenheit mit dem aktuellen Grad der sozialen Interaktion und dem Alter der befragten Probanden. Die Ergebnisse zeigen, dass es bei über 80 Prozent der Teilnehmer während des Lockdowns zu einer Verzerrung der Zeitwahrnehmung im Vergleich zu Daten aus einem Vergleichszeitraum kam. Eine Verlangsamung der Zeitwahrnehmung war mit zunehmendem Alter, zunehmendem Stress, reduzierter Arbeitsbelastung und verminderter Zufriedenheit mit der aktuellen sozialen Interaktion verbunden. Entscheidend war vor allem das Alter, denn bei jüngeren Menschen war die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Zeit während des Lockdowns sogar schneller verging! Diese Ergebnisse zeigen, dass signifikante Änderungen im täglichen Leben einen erheblichen Einfluss auf unser Zeiterleben haben. Ob die Zeit allerdings schneller oder langsamer verrinnt, hat auch etwas mit dem Alter zu tun und damit, was es an Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Vor allem aber ist die gedehnte Zeit, auch Langeweile genannt, nicht immer etwas Schlechtes. Manchmal kommen einem die besten Ideen, wenn der Geist meint, die Zeit steht still und es strömt so gar nichts auf einen ein. Kein Grund, wieder den Lockdown durch riskantes Verhalten herbeizulocken, aber doch gut zu wissen, dass es lohnt, den Stillstand der Zeit auch mal auszuhalten, um sich (und die Zeit) dann durch neue, selbst gewählte Erlebnisse und Erfahrungen wieder zu beschleunigen.

Thomas Mann hat es offen gelassen, was dem Helden seines Romanes nach seinen sieben Jahren in Davos im Ersten Weltkrieg widerfährt (geplant waren nur sieben Wochen; ein Pessimist, wer nun an die Länge unserer Krise denkt...). Aber immerhin fragt Thomas Mann am Ende des „Zauberberg“-Romans durchaus mit positiver Energie: „Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Feuersbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?“ Was der Corona-Pandemie mal entsteigen wird, können wir nicht mal erahnen, aber viel konkreter hoffen wir aktuell, dass unser Zeiterleben in den Ferien mit vielen neuen, schönen und positiven Erlebnissen angefüllt wird und wir über diesen Umweg einen neuen Rhythmus im Takt der Zeit finden.

Erfolgsautor Prof. Martin Korte („Hirngeflüster“) von der TU Braunschweig ist einer der bekanntesten deutschen Gehirnforscher. Er berät große Wissens-Shows im TV und schreibt für unsere Zeitung.

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