Jubel am Brandenburger Tor, Schlange am Sex-Shop

Rundschau-Redakteur Dirk Kühn erinnert sich an seine Erlebnisse um den 9. November 1989 herum. An dem Tag selbst war er in Moskau.

Auch in den Tagen nach dem 9. November feierten in Berlin die Menschen vor den Brandenburger Tor. Am Potsdamer Platz war ein Grenzübergang geöffnet.

Auch in den Tagen nach dem 9. November feierten in Berlin die Menschen vor den Brandenburger Tor. Am Potsdamer Platz war ein Grenzübergang geöffnet.

Foto: Dirk Kühn

Frühmorgens gegen 6 Uhr auf einem Acker zwischen Oebisfelde und Danndorf: Der nahende Zug ist schon von Weitem zu hören. Eine Diesellok zieht die Personenwagen, fährt langsamer, nähert sich der Brücke über die Aller, die hier Grenzfluss zwischen der Bundesrepublik und der DDR ist. Menschen lehnen sich aus den Fenstern, sie winken, schreien ihr Glücksgefühl heraus. Trotz der Geräuschkulisse des Zuges ist es gut hörbar – sie sind in Deutschland, haben den SED-Unrechtsstaat hinter sich gelassen. Der Jubel ist grenzenlos.

Diesen Augenblick Anfang Oktober 1989 werde ich nie vergessen. Ich stand dort allein auf einem Acker, um diesen Zug auf der Grenzbrücke zu fotografieren. Für mich persönlich ist dieser Moment ein sehr bewegendes Erlebnis. Eines, das selbst die Mauerfall-Jubelpartys in Berlin, die ich wenige Wochen später erlebte, nicht toppen konnte.

Der Zug kam aus Warschau. Ähnlich wie in der Tschechoslowakei waren dort Hunderte von Menschen in die deutsche Botschaft geflüchtet. Und nachdem Außenminister Hans-Dietrich Genscher in Prag Ende September verkündet hatte, dass die Menschen in die Bundesrepublik ausreisen durften, folgten kurze Zeit später auch die Menschen aus der Warschauer Botschaft. Der Zug fuhr bis Hannover, in einer der Messehallen wurden die Ex-DDR-Bürger verpflegt. Niedersachsens damaliger Ministerpräsident Ernst Albrecht begrüßte sie. Ich sprach mit einer jungen Familie, ihre Kinder waren zwischen zwei und fünf Jahren alt. Sie strahlten vor Freude, erzählten ihre Geschichte, immer wieder flossen Tränen des Glücks.

Völlig unspektakulär hingegen blieb für mich der Tag des Mauerfalls. Die Grenzöffnung habe ich verschlafen. Tief und fest im Hotel Kosmos in Moskau. Eine 3000-Betten-Burg, einst gebaut im Bezirk Ostankino, nördlich des Zentrums, für die Olympischen Spiele. Ich war als Volontär mit einer Gruppe junger Journalisten dort, um Stimmungen von Gorbatschows Glasnost einzufangen.

Diese Stimmung war im Vergleich zu der, die ich dann einige Tage später in Berlin erlebte, sehr verhalten. Journalisten der Moscow News erzählten aus ihrem Alltag. Allein dass es die Zeitung gab, war schon bemerkenswert. Aber im Schatten der großen Prawda und jahrzehntelanger Zensur hatten es die jungen Kollegen nicht leicht. Erst am Abend des 10. November erfuhren wir, dass die Mauern gefallen waren, versuchten irgendwie, weitere Informationen zu bekommen, verfolgten die Berichterstattung im russischen Fernsehen, die eher spärlich war.

Zwei Tage später ging’s zurück nach Berlin, mit einer Aeroflot-Maschine Richtung Schönefeld. Wir waren alle sehr gespannt – dann die Ansage, dass die Maschine wegen Nebels in Warschau landet. Drei Landeversuche brauchte der Pilot. Grauenvoll. Es folgten 20 Stunden im Transitbereich, keine Informationen, kein Garnichts. Irgendwann kam der Pilot mit der Crew. Seine Wodkafahne war vermutlich bis Berlin zu riechen.

Irgendwie sind wir dann doch angekommen. Die Grenzer in Schönefeld waren so unfreundlich wie immer, ein Bus brachte uns zum Bahnhof Zoo. Ich schmiss meinen Koffer ins Schließfach und dann gab es nur noch ein Ziel: die Mauer, die keine mehr war. Jedenfalls nicht mehr unüberwindbar.

Am Potsdamerplatz zockelt Trabbi an Trabbi über den Grenzübergang, besser gesagt rumpelt über das Kopfsteinpflaster. Westberliner Polizeibeamte stehen neben Soldaten der DDR-Grenztruppen. Provisorische Absperrgitter sollen die Schar der Neugierigen lenken. Tschüss antifaschistischer Schutzwall! Eine Frau verteilt Rosen, Menschen umarmen sich. Nebenan hebt ein volkseigener Bagger Mauersegmente auf einen Lastwagen. Dahinter der Potsdamer Platz. Eine riesige freie Fläche mitten in der Stadt.

Im Juli 1990 war ich dort noch einmal. Roger Water (Pink Floyd) inszenierte dort „The Wall“. Rund 250.000 Menschen aus West und Ost kommen zu dem Konzert. Cyndi Lauper, Sinéad O’Connor, Joni Mitchell, Jerry Hall, Bryan Adams, The Hooters, die Scorpions, Van Morrison und Ute Lemper treten auf. Gigantisch und einzigartig – unvergesslich eben.

Zurück in den November ‘89: Fast vier Tage ist die Stadt im Ausnahmezustand. Am Brandenburger Tor ist noch alles dicht. Irgendein ausländischer Staatsgast wird von Bundesgrenzschützern bei einer Stippvisite begleitet, beobachtet von zwei Soldaten der DDR-Grenztruppen, die oben auf der Mauer stehen.

Abends ist dann Party am Brandenburger Tor. Menschen schwenken Fahnen, mal die Berliner Stadtflagge, mal eine Deutschland-Fahne, aber auch eine aus Polen und Südkorea. Viele Touristen sind dabei, prosten sich zu, feiern.

Der Kurfürstendamm wird zur Flaniermeile für Ost-Berliner. Am KaDeWe, Jahrzehnte für DDR-Bürger so unerreichbar wie der Mount Blanc, steht eine Menschentraube. Zeitweise bleiben die Türen geschlossen. Bis zu 200.000 Menschen sind es täglich, die einfach nur mal einen Blick werfen wollen – so wie die Männer vor dem Beate-Uhse-Shop in der Kantstraße, nicht weit von der Gedächtniskirche. Auch da wird der Einlass geregelt, weil der Laden überfüllt ist. Die ein oder andere Mark des Begrüßungsgeldes wird dort gelassen. So ist das mit der Freiheit ...

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