Überzeugend in ruhigen Passagen

Helmstedt  "> Die Bachkantorei trug mit Orchester „Weihnachten in Italien“ vor.

Gegensätzlicher hätten die Komponisten auf dem Programm der Helmstedter Bachkantorei unter Propsteikantor Mathias Michaely in St. Stephani kaum sein können: Antonio Vivaldi (1678-1741), Schöpfer barocker Meisterwerke, anerkannt in ganz Europa, und das spätere Operngenie Giacomo Puccini (1858-1924) am Anfang seiner Karriere gleichermaßen orientierungslos wie selbstbewusst. Beiden Messkompositionen hört man die ungleiche Lebensreife ihrer Urheber an.

Das Orchester Camerata Instrumentale aus Berlin und die Helmstedter Bachkantorei waren auf die Stilunterschiede hervorragend vorbereitet. Wie aus einem Guss gestaltet ist Vivaldis Gloria RV 589. In der Eingangssequenz koloriert Neele Kramer mit warmem sicher geführten Alt Schrecken und Kriegswirren, um in einem geschmeidigen Stimmungsumschwung auf den Gloriajubel des Chores vorzubereiten. Der beeindruckt eher durch musikalische Wortausdeutung als durch strahlende explosive Dynamik.

Wie überhaupt die Kantorei starke Momente bei den verinnerlichten ruhigen Passagen hat, so im „Qui tollis peccata“. Da nimmt der Chor das berührende Flehen von Kramers Alt auf und gelangt in einem fast suggestiven Dialog zu einer intensiven spirituellen Aussage.

Von der Kunst Vivaldis, melodische Schönheit und Ausdruckstiefe zu verbinden, lebt auch das Duett „Laudamus te“ mit den mädchenhaft zart geführten Sopranen von Beatrice Höbelmann und Carmen Winkler. Im Finale dann wieder Vivaldis Jubel, verstärkt von sieghaft schmetternden Trompeten. Eine wahrhaft überzeugende Lobpreisung Gottes!

Puccinis übersteigertes Selbstbewusstsein war im Alter von 22 Jahren noch durch keine Leistung gedeckt. Vor diesem Hintergrund entstand die stilistisch uneinheitliche „Missa di Gloria“, ein Werk, bei dem die Spiritualität zugunsten einer gewollt „glänzenden“ Schreibweise in den Hintergrund tritt. Gerade deshalb enthält es wunderbare, ja spektakuläre Passagen von großer Eindringlichkeit. Puccini verwendet starke Kontraste.

Im „Kyrie“ erfindet er eine sich verströmende Melodie, die der Chor mit wenigen kräftigen, aber effektvollen Akzenten versieht. Mit tänzerischem fröhlichem Schwung setzen im „Gloria“ die Frauenstimmen ein, die Posaunen schmettern, alles ist in lebhaftester Bewegung. Das ist auskomponierte Lebensfreude, kühl kalkuliert, aber wunderbar anzuhören. Und mit dem „Gratias agimus“, vom opernhaft einsetzenden Tenor Danilo Tepsa berückend intoniert, könnte man auch die Dame des Herzens betören. Im „Benedictus“ deutet sich der Gestalter zarter Opernszenen an. Bassist Stefan Runge singt mit schlichter Schönheit und erzielt so eine dem Wortsinn entsprechende maximale Wirkung.

Mit wunderbar kultiviertem Holzbläsereinsatz geht das Werk leise zu Ende. Ein genialer Einfall des doch so auf Prachtentfaltung bedachten jungen Puccini! Viel Beifall des Publikums für eine beeindruckende Orchesterleistung, großartige Solisten und den engagiert und leidenschaftlich agierenden Chor.

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