Deutsche Wirtschaft braucht die Migranten

Königslutter.  In einer Diskussion bei der Fibav -Unternehmensgruppe wird mehr Unterstützung bei der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gefordert.

Diskutierten bei Fibav (von links): Michael Strohmann, Betty Rannenberg, Jörn Domeier, Astrid Schöffel, Gerhard Radeck und Sven Hansmeier.

Diskutierten bei Fibav (von links): Michael Strohmann, Betty Rannenberg, Jörn Domeier, Astrid Schöffel, Gerhard Radeck und Sven Hansmeier.

Foto: dirk fochler

Die deutsche Wirtschaft, speziell das Handwerk, ist auf Flüchtlinge angewiesen, um ihren Nachwuchs- und Arbeitskräftebedarf decken zu können. Eine Existenzfrage. Um diesen Bedarf schneller und verlässlicher decken zu können, braucht es ein Einwanderungsgesetz und einen gesellschaftlichen Konsens, dass die Integration von Ausländern eine Aufgabe ohne Alternative ist. So lässt sich die Podiumsdiskussion „Integration durch Ausbildung und Beruf“ zusammenfassen, zu der die Unternehmensgruppe Fibav am Donnerstag nach Königslutter eingeladen hatte.

Dass Integration durch Ausbildung und anschließende Beschäftigung funktionieren kann, das zeigt das Fibav-Beispiel aus der Baubranche. „Wir bilden 70 junge Menschen aus, davon sind 17 Flüchtlinge. Es haben auch schon Flüchtlinge ihre Ausbildung bei uns beendet und sind nun für uns als Handwerker tätig“, berichtete Sven Hansmeier, geschäftsführender Fibav-Gesellschafter.

Doch warum ist solch eine betriebliche Situation die große Ausnahme? Zur Beantwortung dieser Frage hatte das Königslutteraner Bauunternehmen Akteure aus verschiedenen gesellschaftlichen Feldern eingeladen. Unter der Moderation von Redaktionsleiter Michael Strohmann trafen Politik und Verwaltung auf Wirtschaft und Ehrenamt. Hansmeier stellte eingangs fest, dass die Arbeit mit jungen Menschen aus dem Ausland wahrlich kein Selbstläufer sei und das Unternehmen zunächst wenig bis keine Unterstützung von öffentlicher Seite bekommen habe. „Da wir aber wie alle Handwerksunternehmen große Nachwuchsprobleme haben, bemühen wir uns seit 2015 verstärkt um Flüchtlinge“, schilderte Hansmeier.

Doch für Unternehmen sei es noch immer mit vielen Unwägbarkeiten behaftet, Flüchtlinge auszubilden. „Wir brauchen diese Menschen zur Behebung unseres Nachwuchsproblems. Doch die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Dauer der Asylverfahren wirken absolut kontraproduktiv“, berichtete Fibav-Personalleiterin Astrid Schöffel, die sich auch nach Feierabend intensiv um die jungen Flüchtlinge kümmert, die aus Ländern wie Eritrea, Syrien oder Afghanistan stammen. Schöffel regte an, dass sich alle in der Flüchtlingsarbeit Tätigen, sei es die Verwaltung oder auch Unternehmen, besser vernetzen sollten.

Landrat Gerhard Radeck berichtete, dass es seitens des Landkreises derartige Anstrengungen gebe. „Gleichwohl müssen wir zugeben, dass wir noch besser werden müssen“, stellte Radeck fest. Verbessern müsse sich auch die Perspektive derjenigen Flüchtlinge, die in Deutschland einen Beruf erlernt haben und danach in ein reguläres Arbeitsverhältnis wechseln könnten, denen aber womöglich die Abschiebung drohe – dies forderten sowohl der SPD-Landtagsabgeordnete Jörn Domeier als auch Unternehmer Sven Hansmeier.

Domeier sprach sich diesbezüglich für den von den Sozialdemokraten gewünschten „Spurwechsel“ aus, Hansmeier forderte eine „ideologiefreie, am Arbeitsmarkt orientierte Diskussion“ darüber.

„Wir allein können das Problem des Arbeitskräftemangels in bestimmten Bereichen ohne Integration und Zuzug schlicht nicht lösen. Wenn wir nicht handeln, wird das für die gesamte deutsche Wirtschaft und für die gesamte Bevölkerung schon in wenigen Jahren schmerzlich spürbar sein“, unterstützte der Braunschweiger Spediteur Adalbert Wandt aus dem Publikum heraus die Forderung von Hansmeier.

Auch Betty Rannenberg von der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe Wolfsburg forderte hinsichtlich der Migranten einen Bürokratieabbau und zudem eine bessere Vorbereitung der Berufsschullehrer auf dieses Thema.

„Wir sollten und müssen Flüchtlinge, die in Deutschland leben, als Chance für unser Land begreifen und uns noch stärker als bisher um deren Integration bemühen. Aber klar gesagt werden muss auch: Das setzt voraus, dass sich diese Menschen an unsere Regeln und Werte halten“, stellte Landrat Radeck abschließend fest.

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