Projekttag am Julianum ist kein Verstoß gegen Neutralität

Helmstedt.   Der Vater eines Julianum-Schülers befürchtet eine Manipulation „zugunsten der unfähigen Bundesregierung“ durch einen geplanten Projekttag.

Der Projektbeauftragte Karsten Herfarth, Schülersprecherin Alicia Langosch und Direktorin Heike Roy (von links) halten fest am Projekttag „Zwischen Unterdrückung und Freiheit“ am 9. November.

Der Projektbeauftragte Karsten Herfarth, Schülersprecherin Alicia Langosch und Direktorin Heike Roy (von links) halten fest am Projekttag „Zwischen Unterdrückung und Freiheit“ am 9. November.

Foto: Erik Beyen

Der 9. November steht sowohl für die friedliche Revolution von 1989 als auch für den Beginn eines finsteren Kapitels der deutschen Geschichte, für die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Am Gymnasium Julianum begehen die Schülerinnen und Schüler dieses Datum mit einem Projekttag. Er steht unter dem Motto „Zwischen Unterdrückung und Freiheit“. Im Rahmen des Unterrichts soll es am Freitag, 9. November, um Toleranz, Demokratie und Rassismus in der Gegenwart gehen. Zur Mittagszeit ist eine Menschenkette geplant, an der sich alle Helmstedter Schulen beteiligen, und am Abend soll ein Konzert im Julianum stattfinden: „Rap gegen Rechts“. Die Teilnahme an der Menschenkette und am Konzert ist freiwillig.

Dem Vater eines Julianum-Schülers geht das dennoch zu weit. Per E-Mail erklärte er, er sehe insbesondere im Konzert am Abend einen eklatanten Verstoß gegen das Neutralitätsgebot von Schule und Lehrkörper. Wörtlich schreibt er: „Ich habe dabei das ungute Gefühl, dass die Schüler einseitig manipuliert und instrumentalisiert werden, zugunsten dieser unfähigen Bundesregierung.“ Telefonisch fügte er uns gegenüber an: Sein Sohn habe an diesem Tag frei.

Die E-Mail richtete der Vater an die Eltern der Mitschüler seines Sohnes. Er nutzte dafür den Klassenverteiler. Außerdem ging die Nachricht an die Landesschulbehörde und an unsere Redaktion. Die Direktorin des Julianums, Heike Roy, erfuhr nach eigenem Bekunden erst durch uns von dieser Angelegenheit. In einem Gespräch in ihrem Arbeitszimmer erklärte sie uns, was am 9. November konkret geplant ist. Demnach lesen die Jahrgänge fünf und sechs Geschichten aus fremden Ländern, die siebten und achten Klassen analysieren Liedtexte, die Jahrgänge neun und zehn befassen sich mit der aktuellen Politik, sprechen über Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in der Gegenwart, die 11. und 12. Klassen schauen sich eine Ausstellung zum Themenblock rund um den 9. November an, und zwar im Gymnasium.

In der fünften und sechsten Stunde treffen sich die Schülerinnen und Schüler zu einer Menschenkette, zu der alle Schulen Helmstedts eingeladen sind. „Die meisten haben schon zugesagt“, freut sich Heike Roy. Am Abend tritt dann der Rapper Kutlu auf. Verletzt das Julianum damit tatsächlich das Neutralitätsgebot? „Nein“, sagt Heike Roy, „wir tragen den Titel Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage. Das ist eine Verpflichtung.“

Das Gebot der Neutralität ist im Niedersächsischen Schulgesetz (Paragraf 3) verankert. Dort wird die Freiheit des Bekenntnisses und der Weltanschauung festgeschrieben. Paragraf 2 definiert den Bildungsauftrag der Schule. Demnach sollen Schülerinnen und Schüler lernen, sich umfassend zu informieren und diese Informationen kritisch zu beleuchten. „Nichts anderes passiert in den Projekten“, erklärte Heike Roy. Die Teilnahme an Menschenkette und Konzert sei dagegen freigestellt. Doch auch dabei handele es sich um die Vermittlung und Pflege grundlegender Werte, die das Grundgesetz definiere.

Von der Landesschulbehörde bekommt das Julianum volle Rückendeckung. Dort wurde das Vorhaben rechtlich geprüft. Ergebnis: Man könne in keiner Hinsicht erkennen, dass gegen das Neutralitätsgebot verstoßen werde, schrieb Pressesprecherin Bianca Schöneich auf Anfrage. Zugrunde zu legen sei zunächst, dass der Aktionstag nicht „Aktionstag gegen Rechts“ heiße. Er greife ein bedeutsames Datum auf, das mit Unterdrückung, Gewalt oder Rassismus verbunden sei. Aus dem Programm sei ersichtlich, dass sich dieser Aktionstag nicht gegen alles richte, was „rechts“ sei.

Auch Schülersprecherin Alicia Langosch steht hinter dem Aktionstag: „Natürlich stellen wir mit dem Tag politische Statements dar. Das zeigt nur, dass wir eine politisch aktive Schule sind, jedoch nicht einseitig. Wir stehen für Vielfalt.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)