„Politische Bildung ist heute wichtiger denn je“

Helmstedt.  Die PBH setzt auf neue Ideen, neue Zielgruppen und Kooperationen sowie bauliche Erneuerung.

Andre Lindner (links) und Björn Försterling wollen die Politische Bildungsstätte modernisieren.

Andre Lindner (links) und Björn Försterling wollen die Politische Bildungsstätte modernisieren.

Foto: Bastian Lüpke / regio-press

In der Politischen Bildungsstätte Helmstedt herrscht derzeit Aufbruch- und Umbau-Stimmung. Das ist schon auf den Fluren mit den Gäste-Zimmern erkennbar: Hier und da werden einzelne Badezimmer modernisiert und barrierefrei umgebaut. Doch nicht nur baulich passiert derzeit viel in der idyllisch gelegenen Einrichtung mit langer Tradition. Neue Zielgruppen, neue Inhalte und Projekte sind geplant.

„Politische Bildung ist heute wichtiger denn je“, sagt Björn Försterling, Vorsitzender des Vereins, der Träger der PBH ist. Extremismus, Fake-News und autoritäre Entwicklungen – die demokratischen Werte wirken Europa-weit angegriffen. „Man wird nicht als Demokrat geboren. Die Prinzipien müssen anerzogen und über Bildungsarbeit nah gebracht werden“, sagt Studienleiter und Geschäftsführer André Lindner.

Unabhängig und fundiert

Die PBH habe für diese Arbeit einen äußerst guten Ruf. Unabhängige, neutrale und fundierte Wissensvermittlung – dafür steht das Haus. Dafür sorgt der Trägerverein. Viele andere Anbieter politischer Bildung haben dagegen politische oder konfessionelle Träger. Das Haus in Helmstedt gehört somit zu den wenigen unabhängigen Einrichtungen landesweit, die ausschließlich politische Bildungsarbeit leisten.

Das wollen die Verantwortlichen jetzt noch deutlicher nach außen tragen und vermarkten. „Neue Zielgruppen anzusprechen bedeutet heute auch, zu vermitteln, dass das Seminar eine gute Lernform ist“, so Försterling. Bei allen Online-Medien müsse man sich aber als Nutzer fragen: „Ist das neutral, unabhängig und fundiert?“

Neue Zielgruppen stehen jedenfalls besonders im Fokus der PBH-Führung. Über viele Jahre war die Bundeswehr ein Großkunde des Hauses, das Seminare inklusive Unterbringung und Verpflegung anbietet. Jetzt wendet sich die Bildungseinrichtung beispielsweise Unternehmen und insbesondere deren Auszubildenden zu. Unternehmer könnten so ein Stück Verantwortung für ihre Azubis beweisen, wenn sie politische Bildung auf den Lehrplan setzen. Die Firma Bauking habe bereits den aktuellen bundesweiten Jahrgang in Helmstedt lernen lassen. Inhalte waren größtenteils fachlicher Natur – passend zur Ausbildung.

Die Überlegung der PBH laute aber: Wenn die Azubis schon mal da sind, gelingt es vielleicht auch, sie als Teilnehmer für politische Seminare zu gewinnen. „Dafür müssen wir den Unternehmen natürlich einen Mehrwert bieten“, so Lindner. Neben Teambuilding und Netzwerkarbeit sei das unter anderem Extremismusprävention für die Unternehmen. „Kein Betrieb möchte Extremisten unter den Mitarbeitern“, sagt Försterling.

Neben den Azubis will die PBH weitere andere Zielgruppen erschließen. „Eine Monokultur wie mit der Bundeswehr wollen wir nicht noch mal“, sagt Lindner. 2014 und 2015 beispielsweise habe die Armee wegen Hochwasser-Einsätzen auf einen Schlag kaum noch Seminare gebucht und die Teilnehmer-Tage pro Jahr seien drastisch gesunken.

Das wiederum kann dazu führen, dass der PBH Fördermittel vom Land Niedersachsen gekürzt werden. Diese sind das größte finanzielle Standbein. Weitere Gelder kommen über die Bundeszentrale für politische Bildung. Außerdem hat das Haus noch eigene Einnahmen über die Seminar-Gebühren.

„Wir wollen uns langsam ein finanzielles Polster erarbeiten. Derzeit leben wir noch von der Hand in den Mund“, sagt Försterling. Unter diesen Voraussetzungen die Infrastruktur zu modernisieren und neue Konzepte zu erarbeiten, sei ambitioniert, sagt der Landtagsabgeordnete. „Viele Heimvolkshochschulen müssen so wie wir derzeit richtig kämpfen“, ergänzt Lindner.

Genau das haben der Vorstand und die hauptamtlichen Mitarbeiter vor. Einige neue Aktionen laufen bereits an. So plant das Haus ein Politiker-Speeddating in Zusammenarbeit mit dem benachbarten Gymnasium am Bötschenberg zur Europawahl. Die Kandidaten sollen sich dann dem Helmstedter Publikum in schnellen Fragerunden vorstellen.

Neue Inhalte und Themen

Über die Revier-Förderung der Kohlekommission könnten bald Millionen-Beträge nach Helmstedt fließen. Auch die PBH will sich aktiv an der Umgestaltung des Standorts beteiligen. Das Thema Energiewende soll beispielsweise verstärkt im Lehrplan auftauchen. Außerdem will die PBH ihre waldnahe Lage noch besser positionieren. So tauchen die Themen Ökologie und Umwelt verstärkt im Seminar-Plan auf. Stärker vermarktet werden soll die Möglichkeit, im angrenzenden Lappwald und überhaupt während eines Seminars in Helmstedt abzuschalten und seine innere Ruhe zu finden.

„Wir wollen als überregionales Begegnungszentrum uns mit dem Thema Grenzen beschäftigen und internationale Begegnungen schaffen.“ Die Themen „30 Jahre Grenzöffnung“ in diesem Jahr und „30 Jahre Deutsche Einheit“ sollen mit Projekten der PBH aufgegriffen werden. „Nächstes Jahr werden wir zum Beispiel ein Buch veröffentlichen“, sagt Lindner. Unter dem Titel „30 Jahre – 30 Gesichter“ werden Zeitzeugen aus Helmstedt ihre Geschichten rund um die ehemalige Grenzregion erzählen.

Auch ein Geschichtscamp für Jugendliche ist für nächstes Jahr geplant. „Wir wollen die Jugendlichen an das Thema heranführen und dabei ihre Lebenswege mit berücksichtigen“, so Lindner.

Um die zahlreichen neuen Kunden ansprechen und später auch beherbergen zu können, sind die derzeitigen baulichen Modernisierungsmaßnahmen unabdingbar. Das Haupthaus am Bötschenberg ist doch deutlich in die Jahre gekommen. Mit Unterstützung der Stadt und des Landkreises wird jetzt renoviert. Barrierefreiheit ist dabei ein wichtiges Zeil.

„Auch unsere Teilnehmer werden älter. Hohe Einstiege in der Dusche sind heute nicht mehr angemessen“, sagt Lindner. Ebenso wichtig: Der Anschluss ans schnelle Internet. Bald soll es auch am Bötschenberg Glasfaser geben. „Wir möchten hier so bald wie möglich Seminare zur Digitalisierung und Medien-Kompetenz anbieten. Das können wir aber erst glaubwürdig realisieren, wenn es auf jedem Zimmer W-Lan gibt“, sagt Försterling.

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