Aus der Leere von Geschäften zu Utopien für Schöningen

Schöningen.  Zehntklässler des Gymnasiums Anna-Sophianeum dürfen im Kultur-Projekt „Unbox Deine Stadt“ Visionen für Schöningen entwickeln.

Sie ermöglichen das Kulturprojekt „Unbox Deine Stadt“ (von links): SPD-Bundestagsabgeordneter Falko Mohrs, Schöningens Bürgermeister Henry Bäsecke, Brigitte Vaupel von der Erzählwerkstatt Braunschweig, Dorothea Nennewitz vom Verein Erzählen-s-wert, Julia Ostermeyer, Fachobfrau Deutsch am Gymnasium Anna-Sophianeum Schöningen und dessen stellvertretender Schulleiter Jean-Luc Kozik.

Sie ermöglichen das Kulturprojekt „Unbox Deine Stadt“ (von links): SPD-Bundestagsabgeordneter Falko Mohrs, Schöningens Bürgermeister Henry Bäsecke, Brigitte Vaupel von der Erzählwerkstatt Braunschweig, Dorothea Nennewitz vom Verein Erzählen-s-wert, Julia Ostermeyer, Fachobfrau Deutsch am Gymnasium Anna-Sophianeum Schöningen und dessen stellvertretender Schulleiter Jean-Luc Kozik.

Foto: Markus Brich

Eintauchen in die Geschichte der Stadt, um Geschichten über sie zu erfinden und zu erzählen – das sollen von August an alle Schüler des 10. Jahrgangs des Gymnasiums Anna-Sophianeum. „Unbox Deine Stadt: Spurensuche und Zukunftswerkstatt in Schöningen“ lautet das Motto des anspruchsvollen Kulturprojekts, das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft im Rahmen des Förderprogramms „LandKULTUR“ mit einem Zuschuss von 67.000 Euro ermöglicht wird.

Die Vergangenheit heute leerstehender Geschäftshäuser in der Innenstadt sollen die Jugendlichen ergründen, deren Geschichte und die Geschichten, die sie erzählen, in einer Präsentation aufarbeiten.

Dieser ersten Workshopwoche im August schließt sich im November eine zweite Projektwoche an. Dann dürfen die Zehntklässler ihrer Phantasie freien Lauf lassen und Utopien entwerfen, die Antworten auf Fragen geben wie „Was könnte aus dem Gebäude werden? Was brauchen wir Jugendlichen hier in der Stadt? Was fehlt den Bürgern, um hier einen Platz zu finden?“ In einer großen Abschlussveranstaltung, an der möglichst viele Schöninger Kulturschaffende und Vereine mitwirken, werden die Jugendlichen schließlich ihre kreativen Visionen jeweils vor oder in den Gebäuden vorstellen.

Dorothea Nennewitz, Vorsitzender des Schöninger Vereins Erzählen-s-wert und Brigitte Vaupel , Vorsitzende der Erzählwerkstatt Braunschweig, haben das Projekt erdacht und werden es leiten. Professionelle Unterstützung erhalten sie und die Schüler dabei von sechs bundesweit bekannten Erzählkünstlerinnen. Sie vermitteln den Schülern in Workshops Methoden der Theater- und Erzählpadagogik. Alle Bürger der Stadt laden die Erzählerinnen zum Auftakt des November-Workshops zu einer öffentlichen Performance ins Elmhaus ein. Deren Titel lautet: „Weggehen, Bleiben, Leben gestalten“.

Begleitend wird das Projekt von einer Filmemacherin dokumentiert, ihr Video soll später in anderen Schulen und Städten des Landes gezeigt werden. Und etwa ein Jahr später werden die Klassen in zwei weiteren Tagesworkshops Bilanz ziehen, feststellen ob und was sich in der Zwischenzeit an „ihren“ Orten getan hat. Aus ihren Erfahrungen mit dem Projekt „Unbox Deine Stadt“ produzieren die Schüler schließlich noch mit Unterstützung einer Grafikerin ein Magazin, das an die Schöninger Bürger verteilt werden soll.

„Jugendliche setzen sich mit ihrer Stadt und ihrem Lebensumfeld auseinander und lernen zugleich, wie sie sich selbst in Veränderungsprozesse einbringen können“, beschreibt Dorothea Nennewitz den pädagogischen Anspruch von „Unbox Deine Stadt“. Als Baustein des Förderprogramms „LandKULTUR“ sollen damit zudem das Kulturangebot und die Lebensbedingungen im ländlichen Raum belebt werden.

Jean-Luc Kozik, stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums und Julia Ostermeyer, Fachobfrau Deutsch, freuen sich schon darauf, „ein solches Projekt direkt vor der Tür begleiten und Stadtgeschichte und -entwicklung mitgestalten zu dürfen“. Gerade für Utopien, so Kozik, sei im regulären Schulbetrieb oft wenig Zeit. „Doch gerade aus Utopien“, findet Julia Ostermeyer, „entspringen die besten Ideen.“

„Ich bin gespannt, was dabei rauskommt“, blickt SPD-Bundestagsabgeordneter Falko Mohrs, der sich in Berlin dafür eingesetzt hatte, dass das Projekt mit Fördermitteln berücksichtigt wurde, bereits jetzt erwartungsvoll auf die Abschlussveranstaltung im November.

„Von der Förderung profitieren nicht nur Schüler und Stadt inhaltlich“, unterstreicht Organisatorin Dorothea Nennewitz. „Ein Teil des Geldes fließt auch direkt in die Wirtschaft vor Ort.“ Als Beispiele nennt sie die grafische Gestaltung des Magazins oder den Etat für Aufenthalt der sechs Erzählkünstlerinnen in Schöningen.

Ist bei den Beteiligten die Vorfreude auf das Projekt bereits groß, könnte der Zuspruch von Eigentümern leerstehender Innenstadt-Geschäfte indes größer sein. „Wir benötigen etwa acht Gebäude“, erläutern Dorothea Nennewitz und Brigitte Vaupel. Bisher haben von 20 angeschriebenen Besitzern jedoch nur einer seine Bereitschaft zur Mitwirkung erklärt und einer sein Interesse bekundet.

„Dabei wäre das für die Gebäudeeigentümer ein Gewinn – man ist mit seinem Objekt wieder im Gespräch“, wundert sich Bürgermeister Henry Bäsecke über die verhaltene Resonanz und versprach Hilfe: „Notfalls gehe ich Klinken putzen.“

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