Kunze lässt seinen „Schorsch“ in Helmstedt die Schere zücken

Helmstedt.  Mit deutscher Musik zu unterhalten, das geht ohne Schlager. Heinz Rudolf Kunze gehört zu denen, die das noch beweisen. So geschehen in Helmstedt.

Heinz Rudolf Kunze bei seinem Solo-Auftritt am Samstagabend im Brunnentheater.

Heinz Rudolf Kunze bei seinem Solo-Auftritt am Samstagabend im Brunnentheater.

Foto: Michael Strohmann

Die knapp 600 Zuhörer im Brunnentheater erlebten am Samstagabend Kunzes charakteristische Mischung aus musikalischer Sprachschöpfung und satirischen Texteinschüben. Mit beidem reibt er sich an den herrschenden Verhältnissen, seit Jahrzehnten schon. Die Schere zwischen Arm und Reich ist in dieser Zeit größer geworden. Und die kollektive Dummheit ist auf dem Vormarsch. Da hilft kein Kabarett, das nur auf Klischees rumkaut. Man muss präzise sein, böse auch, um der Größe der Aufgabe gerecht zu werden. Kunze kann das und er tut das mit und ohne Musik. Und er ist immer noch so beseelt, dass er keine Pause braucht. Das Helmstedter Publikum folgte ihm begeistert durch zweineinhalb Stunden Nonstop-Programm, inklusive zweier Zugaben. „Früher ging das noch länger“, verriet uns der Liedermacher nach dem Konzert.

Die Dosis zur Stärkung unserer (gesellschaftlichen) Abwehrkräfte und unserer Fähigkeit zur Leidenschaft, die der 62-Jährige verabreicht, schmeckt weder bitter noch fade. Und so fällt das Schlucken nicht schwer. Zur Ausbalancierung eines solchen Kunze-Abends gehören die Momente der Ausgelassenheit, wenn er sein „Du bist mein ganzes Herz“ von der Bühne schmettert und die Frauen im Saal zu tanzen anfangen. Seine versöhnliche Seite, Teil seiner Kunst. Schließlich will er die Leute erreichen, nicht bekehren.

Die Liebe ist immer schon ein großes Kunze-Thema gewesen. Ihm ist er mit einer Sprache auf der Spur, die den allgegenwärtigen Zuckerguss vermeidet. Vermutlich wurzelt seine Abneigung gegenüber dem Schlager in dessen notorischer Verklärung der Wirklichkeit, in seiner mangelnden Wahrhaftigkeit also und den „falschen“ Gefühlen, die er auszubeuten trachtet. Dass es anders geht, zeigte der 62-Jährige im Brunnentheater mit einigen seiner Balladen. Gut, dass es so etwas noch gibt. Unverzichtbar sogar.

Was Kunze immer schon bewegt hat, sind Ausbeutung, eiskalte Gier, schreiende Ungerechtigkeit und das Aushöhlen von Freiheit und Demokratie. Gegen Millionäre und Milliardäre, die sich auf Kosten ihrer Mitmenschen und unseres Planeten bereichern und sich in ihren Nobelquartieren in Blankenese oder auf Sylt in Sicherheit zu bringen versuchen, lässt Kunze Figuren wie „Schorsch genannt die Schere“ antreten, Was Politik und Gesellschaft nicht schaffen, soll ihm gelingen: Oben schneidet er Köpfe ab und macht uns damit „ein bisschen gleich“.

Statt „Ausländer raus“ zu brüllen, sollten die Leute für Gerechtigkeit eintreten, tagtäglich, und sie sollten auf der Straße fordern, global agierende Scharlatane zu bestrafen. Solch eine Bewegung ist hierzulande ein Traum. Kunze hat ihn – und er muss weitermachen, damit irgendwann mal was daraus wird.

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