„Die Politik sollte sich selbst ein Bild machen“

Lehre  Björn Jüppner kritisiert die Aussagen der Politiker im Sozialausschuss über die Pflege.

Björn Jüppner (Mitte) mit seinen Mitarbeitern Julia Getz (von links), Cora Bauer und Peter Boeck.

Foto: Eva Hieber

Björn Jüppner (Mitte) mit seinen Mitarbeitern Julia Getz (von links), Cora Bauer und Peter Boeck. Foto: Eva Hieber

Unser Leser Björn Jüppner aus Lehre schreibt:

„Ich finde es sehr bedauerlich, dass immer wieder versucht wird, die gesamte Pflege schlecht darzustellen. Viele Pflegeheime arbeiten mit viel Herzblut und großem Engagement.“

Dazu recherchierte Eva Hieber

Mit Verärgerung las Björn Jüppner die Berichterstattung unserer Zeitung über die jüngste Sitzung des Kreis-Sozialausschusses. Darin hatten sich mehrere Politiker darüber gewundert, dass mit 35 Beschwerden in zwei Jahren nur eine geringe Anzahl bei der Heimaufsicht des Landkreises eingegangen ist; sowohl Elisabeth Heister-Neumann (CDU) als auch Jozef Rakicky (AfD) zweifelten an, ob diese Zahlen die Realität widerspiegelten. „Angesichts der immer wieder angeprangerten Problemen in der Pflege bin ich über die geringe Anzahl der Beschwerden sehr erstaunt“, sagte etwa Elisabeth Heister-Neumann.

„Hier wird impliziert, dass es flächendeckend Missstände in den Pflegeheimen gebe“, sagt Björn Jüppner im Gespräch mit unserer Zeitung. Jüppner weiß, wovon er spricht: Denn er ist selbst Leiter eines Pflegeheims, nämlich der Wartburg in Lehre. „Klar gibt es ,schwarze Schafe‘ unter den Einrichtungen – und die sollten auch geschlossen werden. Aber es gibt sehr viele Häuser mit Personal, die für Ihre Bewohner eine hohe Lebensqualität schaffen wollen“, betont Jüppner.

Auch auf einer anderen Ebene übt Jüppner Kritik an der Politik. „Die Rahmenbedingungen, unter denen wir arbeiten, sind denkbar schlecht“, so der Heimleiter, „dazu gehört zum Beispiel der Personalschlüssel.“ Zu wenige Mitarbeiter müssten sich um zu viele Bewohner kümmern – eine Vorgabe der Politik, die Jüppner in der Verantwortung sieht. „Wenn es dadurch in der ein oder anderen Einrichtung zu Missständen kommt, ist das eine politische Frage“, so Jüppner. Er und sein Team in Lehre gäben tagtäglich ihr bestes, um unter den ungünstigen Bedingungen eine gute Pflege zu gewährleisten. „Und das funktioniert gut – immer wieder bekommen wir Dankesbriefe von Angehörigen.“

Dass bei der Heimaufsicht, die sich um die Pflegeeinrichtungen im gesamten Landkreis kümmert, in zwei Jahren bloß 35 Beschwerden eingegangen sind, hält Jüppner nicht für verwunderlich. „Die meisten Beschwerden gehen bei den Einrichtungen direkt ein – nur die wirklich gravierenden Fälle gehen an die Heimaufsicht“, so Jüppner. Meistens gehe es bei den Beschwerden um kleinere Mängel – wie etwa in der Reinigung der Zimmer oder Wartezeiten wegen zu wenig Personal. In diesem Jahr seien bei ihm etwa vier bis fünf Beschwerden eingegangen. „Wir haben ein Beschwerdemanagement, auf das wir hinweisen – sowohl mit Aufhängen als auch in den Verträgen selbst“, betont Jüppner – es könne also davon ausgegangen werden, dass jeder potenzielle Beschwerdeführer seine Ansprechpartner kenne.

Die Heimaufsicht ist im Übrigen nicht nur für Beschwerden zuständig; sie prüft auch in regelmäßigen Abständen die Qualität der Pflegeheime im Landkreis. „Das ist auch für uns wichtig und gut“, sagt Jüppner, „durch die detaillierten Berichte können wir schauen, wo wir Verbesserungspotenzial haben.“ Schließlich sei das wichtigste für seine Einrichtung, dass die Bewohner sich wohl fühlen. „Wir sind immer dankbar für Hinweise und Anregungen und haben immer ein offenes Ohr“, so Jüppner.

Von der Politik erhofft sich Jüppner mehr Feingefühl – auch, weil die öffentliche Darstellung des Berufs des Pflegers sich auf die Nachwuchsgewinnung auswirke. „Wir wollen wir junge Menschen motivieren, Pflegefachkraft zu werden, wenn die öffentliche Wahrnehmung so voreingenommen ist?“, so Jüppner. Womöglich helfe es ja, wenn die Politiker sich selbst mal ein Bild der Einrichtungen machen würden. „Bei uns sind sie immer herzlich willkommen“, so Jüppner.

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