Wolfsburg als Wendepunkt des Lebens

Wolfsburg.  Die VW-Stadt gerät auf die literarische Landkarte. Zwei Roman-Autoren schicken ihre Helden dorthin.

So könnte es ausgesehen haben: zu Ehren von Prince wird in einem Roman der Allersee lila eingefärbt.

So könnte es ausgesehen haben: zu Ehren von Prince wird in einem Roman der Allersee lila eingefärbt.

Foto: Yvonne Nehlsen / Bearbeitung: Jürgen Runo

Die Liebe in Paris, das Leben in New York, die Nächte in Berlin, der Tod in Venedig. München leuchtet. Aber Wolfsburg? Die Retortenstadt am Mittellandkanal ist wahrlich kein literarisches Pflaster. Und wenn doch, dann nur unter den größtmöglichen Kundgebungen des Missmuts. Jedenfalls ist das so in dem Roman „Wolfsburg“ des Bremer Rundfunk-Moderators Tom Grote, der 2014 erschien.

Der Held ist ein fideler Berliner Junggeselle, der eines Tages der Liebe wegen in die niedersächsische Provinz umzieht. Das bringt ihm ungläubige Ausrufe des Erschauerns und des Mitleids seiner Berliner Clique ein. Sein Leben, so will es ihm scheinen, kommt durch diesen Umzug wenn nicht ans Ende, so doch in eine arge Flaute. Er steht im Herbst am Fenster, verfällt rettungslos dem Kleinstadt-Blues und sehnt sich weg von der urbanen Ödnis und der Spießigkeit ihrer Bewohner zurück in die Metropole.

Nun ist wieder ein Wolfsburg-Roman erschienen. Geschrieben hat ihn der hier aufgewachsene, in Köln lebende Musiker, Comedian und Drehbuch-Autor Michael Birbæk: „Das schönste Mädchen der Welt“.

Auch hier kommt ein Mann aus der Fremde in die VW-Stadt. Um den Tod des großen Musikers Prince zu würdigen, trifft er sich mit alten Freunden, vor allem den Mitgliedern seiner alten Band, am Allersee. Doch die emotionale Bewegung verläuft umgekehrt. Während der Held bei Grote Wolfsburg zunächst als bedrückend fremd und fad wahrnimmt, beginnt bei Birbæks Helden das Leben hier wieder einen Sinn zu bekommen.

Der gebürtige Däne erzählt von dem ehemaligen Musiker und ehemaligen Ehemann Leo Palmer, der Jahre nach einer wilden Sturm-und-Drang-Zeit mit seiner Wolfsburger Band einigermaßen orientierungslos durch Tinder-Dates und Aufträge im Tonstudio taumelt. Bis ihn die Nachricht von Prince’ Tod erreicht und seine Welt aus den Angeln gerät. Im Gedenken an Princes größten Hit „Purple Rain“ färben die alten Kumpels den See lila ein und feiern mit ihm bis zum frühen Morgen.

Auch für ihn wird die Reise nach Wolfsburg zum Wendepunkt des Lebens – aber eine Wende ins Gute. Der lila See ist mehr als die Visualisierung von Trauer und Verehrung. Er ist auch ein Zeichen von Versöhnung. Versöhnung mit der Vergangenheit: mit falschen Entscheidungen, vergossenen Tränen, aufgegebenen Träumen. Versöhnung auch der alten Freunde miteinander, die ihre Missgunst, jahrzehntelang gepflegte Vorwürfe und alten Groll ablegen.

Das Wesentliche an Birbæks Roman ist die unmittelbare Nähe zum Protagonisten, der als Ich-Erzähler seine Erlebnisse schildert, als schreibe er ein Tagebuch. So greifbar und authentisch wirken diese Eindrücke – der banale Alltag ist Teil der Geschichte –, dass sich der Musik-Freak und Prince-Fan nicht mehr wie eine Romanfigur, sondern wie der eigene alte Freund anfühlt.

Das gilt auch für Grotes Helden. Beide Romane sind nicht übermäßig komplex, aber sympathisch. Und auch bei Grote versöhnt sich der Held. Allmählich. Mit Wolfsburg. Lernt skurrile Leute kennen. Fängt an, sich für Autos zu interessieren. Repariert mit dem Kumpel einen schrottreifen Porsche. Lebt sich so ein. Und macht seinen Frieden mit der Stadt.

Einer Stadt, die eben nur auf den ersten Blick nichts hergibt. Beide Romane dringen durch Spott und Herablassung hindurch, dringen in die Feinstruktur ein, in das eigenwillige Ticken dieses ungewöhnlichen Gemeinwesens, und finden womöglich auch deshalb Gefallen daran, weil es eben eine literarisch noch so wenig ausgelotete „terra incognita“ ist.

So erklärte Grote damals denn auch in unserem Gespräch: „Die Stadt gibt viel Geld für Werbefilme aus. Aber das nimmt denen keiner ab. Die Stadt hat etwas sehr Künstliches. Man muss die liebenswerten Ecken finden und die liebenswerten Leute. Eine nettere Liebeserklärung an die Stadt als diesen Roman gab es noch nicht.“

Jetzt vielleicht doch? Birbæk meint: „Die 1980er Jahre waren eine intensive Zeit, ich erinnere mich an die Punks, die Rechtsextremen, das Gefühl, direkt an der Mauer zu leben. Es bleibt eine Verbundenheit. Ich habe noch 1000 Geschichten aus Wolfsburg parat.“ Wir sind gespannt.

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