Neue Theatergruppe in Braunschweig lässt Kasperl spielen

Braunschweig.  Das neu gegründete Theater Grand Guignol will im Lindenhof ungewöhnliche Biografien mit den Mitteln von Komik und Horror aufführen.

Das Team des Theaters Grand Guignol mit den Leitern Simon Paul Schneider (links) und Katharina Binder (stehend).

Das Team des Theaters Grand Guignol mit den Leitern Simon Paul Schneider (links) und Katharina Binder (stehend).

Foto: Andreas Berger

Und noch’n Theater. Nach der Gruppe Lindenblüten will nun auch das neu gegründete Theater Grand Guignol den Braunschweiger Lindenhof bespielen. Mit einem Zweijahresprogramm, das vier Stücke als zusammenhängende Folge bieten will, ist man bereist sehr strukturiert aufgestellt, bis hin zu Merchandising-Aufklebern und -taschen. Und vor allem einem sehr ausgearbeiteten Konzept, das mit festem und professionell bezahltem Ensemble umgesetzt werden soll.

„Die kleine Guckkastenbühne im historischen Theatersaal hat uns an ein Kasperltheater erinnert“, erzählt Katharina Binder, die mit Simon Paul Schneider die neue Gruppe leitet. Beide waren als Regieassistenten unter Joachim Klement am Staatstheater engagiert und wollen nun in Braunschweig ein neues ästhetisches Konzept wagen. „Es gab in Paris bis in die 60er Jahre hinein ein Theater Grand Guignol, das für seine Mischung aus Komik und Horror bekannt war“, erzählt Binder. In fünf kurzen Stücken nacheinander wurde das Publikum in eine Achterbahn der Gefühle versetzt. Die Braunschweiger Gruppe will nun diesen Ansatz eines emotionalen Erlebnistheaters mit Elementen des eigentlichen Guignol durchmischen, das im Französischen für das Kasperltheater steht. „Wir spielen nicht mit Puppen, aber wir lassen die Figuren des Kasperltheaters auftreten: Kasperl, Seppl, Krokodil, Prinzessin, Polizist. Sie übernehmen die Rollen in unseren Stücken, die von historischen Figuren mit bizarren Biografien handeln“, erklärt Schneider. So solle die Vorverurteilung der realen Vorbilder vermieden werden. „Wir kommunizieren vorher ausdrücklich nicht, von wem wir handeln. Vielleicht merken es die Zuschauer beim Gucken, vielleicht auch nicht.“

Durch die Kasperlfiguren werde eine historische Distanz erreicht, gleichzeitig könne der Zuschauer sich mit den zunächst ja sympathischen Figuren Kasperl oder Seppl leichter identifizieren, erlebe ihre Geschichten und Gedanken bereitwilliger mit, meinen die beiden Theatermacher. „So kann man tiefer in die Psychologie einsteigen“, sagt Binder. Auch in der Psychotherapie würden oft Puppen und Märchen eingesetzt, um den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, sich auszudrücken.

Wichtig ist den beiden, dass dabei viel Humor und Slapstick vorkommen darf – wie im Kasperltheater. In ihrem Konzeptpapier distanzieren sie sich deutlich von ästhetischen Moden, von Theater als „pseudopolitischer Aufklärungsinstanz“, und bekennen sich zum Geschichtenerzählen auf der Bühne. Die Stücke schreibt Schneider selbst, der nach seiner Braunschweiger Zeit am Schauspiel Frankfurt arbeitete und dort das Flüchtlings-Stück „Vom Fischer und seiner Frau“ schrieb und uraufführte. Es erschien beim renommierten Fischer-Verlag, und da sollen auch die vier Braunschweiger Stücke herauskommen. Ihr erstes Stück im Lindenhof heißt „Ein Leben lang kurze Hosen“ und hat am 10. Mai Premiere.

Die Regie besorgen die beiden gebürtigen Duisburger gemeinsam. Binder, die auch Schauspielerin und Theaterpädagogin gelernt hat, hatte im U22 bereits ein Stück inszeniert. Schneider, der in Salzburg Bühnenbild und Regie studierte, inszenierte im Kleinen Haus Koltès’ „Kampf des Negers und der Hunde“. Zusammen haben sie für Duisburg ein Stück gemacht, aber Lebensmittelpunkt werde nun Braunschweig sein. Vom Ensemble waren Luis Lüps, Nina El Karsheh und Nikolaj Janocha früher im Braunschweiger Theaterspielplatz engagiert.

„Wir wollen nach den Vorstellungen immer Gelegenheit zum Nachgespräch, zum Plaudern bei Getränken geben“, sagt Binder. Die stilvollen Räume des Lindenhofs laden dazu ja ein.

Wie aber finanziert sich das neue freie Theater für Braunschweig? „Es gibt Geld von Stadt, Land, Stiftung Niedersachsen, Bürgerstiftung Braunschweig und Rudolf-Augstein-Stiftung sowie Sponsoren, das hat gut geklappt“, so Binder.

Weitere Infos unter www.grand-guignol.de

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