Gedankengymnastik gegen Meinungsblasen

Braunschweig.  Bei den „Thementagen Zukunft“ im Staatstheater Braunschweig baut die Berliner Performance-Gruppe Turbo Pascal „Böse Häuser“.

Angela Löer von Turbo Pascal während einer Aufführung von „Böse Häuser“.Daniela del PomarTurbo Pascal

Angela Löer von Turbo Pascal während einer Aufführung von „Böse Häuser“.Daniela del PomarTurbo Pascal

Um gleich mal mit dem eigenen Überdruss ins Haus zu fallen: All die hippen jungen Theater-Performances, wo man möglichst unter aktiver Beteiligung der Zuschauer und anderer irgendwie betroffener Laien politische und gesellschaftliche Zustände diskutiert, haben oft eine Tendenz zum selbstgefälligen Einverständnis linksliberaler Kulturfolger.

Jetzt steht uns womöglich wieder so etwas ins Haus: Am Staatstheater gibt es an diesem Freitag und Samstag die „Thementage Zukunft“. Eingeladen ist unter anderem das renommierte Berliner Theater- und Performance-Kollektiv Turbo Pascal mit seiner Produktion „Böse Häuser". Schlichte Frage an Mitspielerin Angela Löer: Was sind böse Häuser?

Die eloquente 40-Jährige aus der Schmiede der Hildesheimer Kulturwissenschaften spricht von Gedankengebäuden, die den gemeinhin linken Kulturschaffenden eher fremd sind. Rechtes Gedankengut zum Beispiel. Konservatives Denken. Christlicher Glauben. „Aber auch Sachen, die wir uns ungern vorstellen, etwa die Verwesung des eigenen Körpers nach dem Tod. Oder Sachen, die wir nicht gern denken, etwa transhumanistische Vorstellungen, bei denen es darum geht, den Körper medizinisch-technisch zu optimieren.“

Doch gehe es dem Kollektiv gerade nicht darum derlei Gedankengebäude als schlechterdings böse abzustempeln. Im Gegenteil: Es will rechtes oder konservatives, aber auch ultralinkes Gedankengut mit größtmöglicher Offenheit auf seine Ursprünge und zugrundeliegenden Glaubenssätze hin untersuchen. Sich so weit wie möglich hineinversetzen. Und es eben gerade nicht vorschnell verurteilen. Angela Löer nennt das „Gedankengymnastik“.

Sie nennt Beispiele: „Wir versuchen herauszufinden, was etwa an der Forderung, dass eine Gesellschaft möglichst homogen sein solle oder an dem Satz ,Frau Merkel soll sich erstmal um ihre eigenen Landsleute kümmern’ nachvollziehbar ist – bis es zu Kipp-Momenten kommt, in dem man etwas nicht mehr akzeptiert.“ Das Herantasten an diese Umschwünge will die Gruppe dem Publikum überlassen.

Es geht also letztlich darum, dem grassierenden Meinungsbashing auf allen Kanälen, der gesellschaftlichen Spaltung durch immer mehr Konfrontationen und dem Auseinanderfallen der Kommunikation in intolerante Blasen entgegenzuwirken. „Unser Konzept stammt aus dem Jahr 2017“, hebt die Performerin hervor. „Da gab es noch keinen Brexit, keinen Präsidenten Trump, keine AfD im Bundestag.“

Zwar sei das Stück interaktiv angelegt, erklärt Löer, aber man müsse keine Sorge haben, sich aktiv beteiligen zu müssen. „Man muss nur mitdenken.“ Die Besucher bekommen laut Löer Kopfhörer und werden von den Akteuren von Turbo Pascal durch sieben „böse Häuser“ gelotst. „Wir wollen sie verführen, sich auf unsere Gedankengänge einzulassen.“ Dies laufe in einem gemütlichen Ambiente sehr choreographisch ab. Die Leute würden zu bestimmten Körperaktionen animiert. Denn Denken habe auch mit körperlichen Vorgängen zu tun. „Man kann zum Beispiel besser im Knien über Religion nachdenken als im Sitzen.“ Das theatrale Element bestehe folglich darin, dass die Zuschauer zugleich Mitspieler und Beobachter seien.

Um auf den eingangs erwähnten Überdruss zurückzukommen: Im zweiten Teil der Performance will Turbo Pascal auch die eigenen Glaubensgrundsätze hinterfragen – und damit die Begrenztheit und Gleichförmigkeit des Denkens im linken Kulturmilieu, in dem sich laut Löer kaum einer traue zu sagen, dass er CDU wählt. Dabei habe sie gerade im konservativen „bösen Haus“ viele bedenkenswerte Sätze gefunden.

Löer resümiert: „Unser Projekt ist ein Plädoyer dafür, Meinungen erstmal nachzuforschen, bevor man sie als böse oder falsch abtut.“

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