Beeindruckende Bilder von der Zerstörung Braunschweigs

Braunschweig.  Die Ausstellung „15. Oktober“ im Städtischen Museum zeigt, wie zeitgenössische Künstler die Stadt in Trümmern nach 1944 ästhetisierten.

Zwischen den Trümmern regt sich neues Leben – 1948 aquarellierte Günther Kaphammel (1926-2002) die „Sonnenstraße, Richtung Altstadtmarkt“.  

Zwischen den Trümmern regt sich neues Leben – 1948 aquarellierte Günther Kaphammel (1926-2002) die „Sonnenstraße, Richtung Altstadtmarkt“.  

Foto: Andreas Greiner-Napp  / Stiftung Prüsse

Die Innenstadt muss einen apokalyptischen Anblick geboten haben nach der verheerenden Bombennacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944. Binnen Stunden hatte sie sich in eine Trümmerwüste unvorstellbaren Ausmaßes verwandelt. Trotz aller Not hat dieser so erschreckende wie neue Anblick zeitgenössische Künstler herausgefordert, ihn festzuhalten, zu verarbeiten, zu ästhetisieren.

Der Braunschweiger Unternehmer und Stiftungsgründer Jochen Prüsse, der selbst zwischen Ruinen aufwuchs, hat viele dieser Arbeiten gesammelt. Der 75. Jahrestag des Infernos ist der Anlass, sie in einer gemeinsamen Ausstellung mit dem Städtischen Museum im Haus am Löwenwall, aber auch in den Kemenaten Jakob und Hagenbrücke sowie weiteren Orten zu zeigen.

Eröffnet wird die Schau „15. Oktober – Die Zerstörung der Stadt Braunschweig 1944“ bereits am morgigen Sonntag, ebenfalls ein Jahrestag. Vor 80 Jahren löste Deutschland den Zweiten Weltkrieg aus. „Die Ereignisse stehen im Zusammenhang. Am Anfang stand der Überfall auf Polen. Deshalb eröffnen wir die Ausstellung bewusst am 1. September“, betont Prüsse.

Bei einem ersten Rundgang durchs Städtische Museum fällt auf, dass in den Bildern Verweise auf die eigene historische Schuld am Trümmerinferno fehlen, ebenso wie Motive der Anklage gegenüber den direkten Urhebern, der 5. Bombergruppe der Royal Airforce. Es wird kein menschliches Leid dargestellt; Menschen kommen nur als gesichtslose Staffagefiguren vor. Die Maler und Zeichner machen die Trümmerwelt zum Hauptmotiv.

Was herausragt, sind Kirchen. Zum einen aus praktischen Gründen, wie Kurator Lars Berg im Katalog erläutert: „In der Trümmerwüste waren die Reste der Kirchtürme oft die einzigen markanten Wegweiser.“ Doch das ist nicht alles. Gotteshäuser, die für spirituellen Schutz stünden, veranschaulichten als geborstene Hüllen, „dass Bomben keine Gnade kennen“, wie Museumsdirektor Peter Joch meint. Kirchen geben den Bildern (und zeitgenössischen Betrachtern) aber auch im übertragenen Sinn Halt. Selbst als Ruinen bewahren sie ihre Erhabenheit, während die anmaßenden Herrschaftszeichen der Nazis völlig hinweggefegt sind. Das Feuergericht wird hingenommen und akzeptiert. Damit mag es aber auch gut sein. Tabula rasa. Viele Bilder scheinen diese Haltung zu vermitteln.

Manche Ansichten wirken gespenstisch, wie Willi Dietrichs „Eulenspiegelbrunnen vor Trümmern“ (1947) oder Hedwig Hornburgs „Zerstörte Alte Waage“ (1947). Aber in der Mehrzahl der Arbeiten wird der Schrecken bereits durch Ästhetisierung gebannt, etwa in Wilhelm Frantzens filigranen Radierungen ausgebrannter Kirchen, die die mystische Ruinen-Faszination der Romantik aufgreifen. Etwas memento mori steckt wohl auch darin.

Andere Bilder gewinnen gar einen Zug ins Idyllische. Helmut Blümels pastellfarbene Ansicht von Baracken und ersten sanierten Bauten auf der Sonnenstraße etwa ist in mildes Abendlicht getaucht und von neu ergrünten Bäumen gerahmt (1949). Bereits 1945 verleiht Ernst Straßner dem „Blick auf die Ruine der Andreaskirche“ einen sanft impressionistischen Zug. Im Vordergrund deutet er eine junge Frau im blauen Frühlingskleid an. Peter Joch sieht darin den Versuch, das Leid „buchstäblich zu ,verschönern’“. „Schöne Ruinen“ stünden für die Kultur des Verdrängens, „aber auch für die gelebte Erkenntnis, dass das Leben weiterzugehen habe“. Nicht zuletzt erhöhte die Ästhetisierung wohl die Verkaufschancen.

Einige Bilder machen den Wiederaufbau zum Thema. Durch Karl Schmidts undatiertes Aquarell der Schlossruine etwa spazieren unbekümmert zwei Jungen an einem Kran vorbei. Eine wenige, aber spannende Arbeiten haben einen Zug ins Symbolistische. Hermann Flesche etwa malt vor dem Hintergrund der Andreaskirche zwischen Trümmern eine Kleinfamilie. Der Vater hockt zusammengesunken da, hinter ihm leuchtet eine Mauer blutrot auf, vielleicht ein Verweis auf Schuld. Sein kleiner Sohn aber sitzt aufrecht, legt ihm tröstend eine Hand auf den Arm und schichtet mit der anderen Bauklötze aufeinander.

Faszinierend auch eine Vision, die Erich Constein erst 1985 in hohem Alter malte: „Eulenspiegelbrunnen im Zentrum von Zerstörung und Wiederaufbau“. Blutrot der Brunnen. Eine schemenhafte Männergestalt hebt wie anklagend die Hand gegen die Eulenspiegelfigur, die sie spöttisch mustert. Doch ein Skelett reißt den Schemen bereits an sich. Im Hintergrund streben zwei junge, farbig gemalte Paare dem Horizont zu, vor dem sich markant die Hochhäuser des neuen Bahnhofviertels abzeichnen. Die Vergangenheit lässt ihre Protagonisten nicht los, mag die Botschaft sein. Doch die Moderne ist davon unbelastet.

Constein zählt wie Frantzen oder Flesche, von 1933-39 Leiter der Sanierung der dann ausradierten Altstadt, zu den Künstlern, die Mitglieder in NS-Verbänden waren oder Funktionen im NS-Staat hatten. Ihre Kurzbiografien ergänzen den lesens- und sehenswerten Katalog.

Eröffnung Sonntag, 1. September, 15 Uhr, Städtisches Museum. Bis 15. Oktober, Di-So 10-17 Uhr. Weitere Arbeiten in den Kemenaten, im Bankhaus Löbbecke, im Augustinum und St. Andreas.

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