Die Mühle Hedeper soll wieder mahlen

Wolf (links), Inge und Walter Bosse vor ihrer Windmühle in Hedeper.

Wolf (links), Inge und Walter Bosse vor ihrer Windmühle in Hedeper.

Foto: Florian Arnold

Hedeper. In der Mühle von Hedeper kletterte Wolf Bosse als Sechsjähriger zum ersten Mal herum. Damals lebte er den größten Teil des Jahres in Nigeria. Sein Vater Walter Bosse lehrte im Auftrag der Evangelischen Kirche seit 1974 an der jungen Universität von Nsukka Theologie. Die dreimonatigen Ferien während der Regenzeit allerdings verbrachte die fünfköpfige Familie in oder bei Wolfenbüttel.

Dort lebten die Eltern von Inge Bosse; Walters Familie stammte aus Bad Harzburg. „Mit den drei Jungs im Alter von drei bis acht Jahren konnten wir uns nicht ständig bei den Eltern einquartieren. Also suchten wir nach einer einfachen Ferienwohnung in der Region“, erzählt Inge Bosse. Bei Ausflügen entdeckten sie 1976 die halb verfallene Windmühle von Hedeper im sanft hügeligen Niemandsland zwischen Asse und Vorharz, in unmittelbarer Nähe der innerdeutschen Grenze. Die Ruine sei damals ein Abenteuerspielplatz für die Dorfjugend gewesen, sagt Walter Bosse. Das wurde sie auch für seine drei quirligen Söhne.

Eine verrückte Entscheidung

Für die stand schnell fest: Die Mühle kaufen wir! Tatsächlich wollte der damalige Besitzer sie loswerden. „Und meine Eltern waren so verrückt zuzugreifen“, erzählt Wolf trocken.

In den kommenden Ferien restaurierten sie mit Hilfe von zupackenden Nachbarn und örtlichen Handwerkern das wurmstichige Gebälk, das kaputte Dach, den bröckelnden Putz, den vermüllten Innenraum und bauten die Windmühle zum urigen Ferienhaus aus. 1980 zog die Familie dann dauerhaft zurück nach Deutschland in ein Gemeindehaus in Wolfenbüttel, wo Walter Bosse eine Pastorenstelle antrat.

Hedeper blieb ein gern besuchter Rückzugsort. Die Jungs feierten dort legendäre Mühlenpartys. Und die Bosses starteten das nächste schöpferische Bauprojekt. Sie ersetzten eine alte Scheune auf dem Grundstück durch die Rekonstruktion eines verlassenen Fachwerkhauses, das sie eigenhändig in der Einflugschneise von Langenhagen abbauten. „Mir liegt praktische Arbeit mit Menschen“, sagt der Theologe Walter Bosse, 82.

Sohn Wolf hat das geerbt. Zunächst allerdings machte er digital Karriere. Nach dem Grafik-Design-Studium an der HBK ging er nach Berlin und spezialisierte sich auf die Veredelung von Filmen und Werbespots in der Postproduktion. Er gründete eine Familie und arbeitete in leitenden Positionen in renommierten Spezialfirmen, bis zu 70 Wochenstunden, wie er erzählt. Doch ganz verlor er Hedeper nie aus den Augen. Die Anhöhe mit freiem, weitem Blick über den Vorharz blieb ein Ort zum Durchatmen, gelegentlich.

Jetzt, mit Ende 40, wird die Mühle wieder präsenter in seinem Leben. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Hans-Martin hat sich Wolf Bosse vorgenommen, sie vom Ferienhaus in eine echte, betriebsfähige Windmühle zurückzuverwandeln. „Wir haben uns in die Augen geschaut und gesagt: Dieser Ort ist uns wichtig. Jetzt ist unsere Generation an der Reihe, sich zu kümmern.“

Wolf Bosse ist Windmüller aus Leidenschaft
Wolf Bosse ist Windmüller aus Leidenschaft

Er habe von Jugend gerne an alten Dingen herumgebastelt, erzählt Wolf – „Oldtimer, Möbel, alles, was Geschichte und Seele hat“. Je intensiver er sich nun mit der Mühle beschäftige, desto mehr fasziniere sie ihn. Ihre über Jahrhunderte perfektionierte Technik, nur mit der Kraft des Windes ein komplexes Gefüge aus Wellen, Zahnrädern, Riemen in Gang zu bringen, das neben zwei 700 Kilo schweren Mühlsteinen viele weitere Mechaniken antreibt: Schleifbänder für Messer und Werkzeuge etwa, oder Zugvorrichtungen für Mehlsäcke. All das wollen die Bosse-Brüder in Hedeper wieder in Gang bringen.

Sie sind dabei auf zwei andere Mühlenenthusiasten gestoßen, Rolf Wessel aus Georgsmarienhütte und Rüdiger Hagen aus Steinhude. Just dieses Jahr boten die beiden in unserer Region einen Kursus zum „Freiwilligen Windmüller“ an. 14 Teilnehmer im Alter von 18 bis 82 Jahren hätten allmonatlich ein Wochenende auf umliegenden Windmühlen in Dettum, Abbenrode, Erkerode oder Räbke verbracht, erzählt Wolf. Ende Oktober steht seine Abschlussprüfung an.

Kleines technisches Wunderwerk

In Hedeper erklärt uns der 49-Jährige souverän die Funktion von drehbarer Haube mit Flügelwerk, von Flügel- und Königswelle, den hölzernen Zahnrädern und wie sie die schweren Mühlsteine antreiben. Gerade haben die Bosses den Verein „Windmühle Hedeper“ gegründet. Zweck: Die Mühle soll wieder mahlen. Die Flügel sollen erstmals seit Jahrzehnten wieder besegelt, die Mechanik reibungslos zum Laufen gebracht werden. Allerdings nur zur Anschauung. Schon aus lebensmittelhygienischen Gründen könnten alte Mühlen nicht mehr für den Markt produzieren, sagt Wolf.

Es ist ein reines Liebhaberprojekt. Während wir dem werdenden Müller über die Schulter schauen und langsam begreifen, wie diese alte, ausgefuchste, komplett kohlendioxidfreie Maschine funktioniert, überkommt uns ein wenig Ehrfurcht. Es wird ja gern geschimpft über den Menschen, seine Egozentrik, den rücksichtslosen Umgang mit seinesgleichen und der Umwelt. Aber Menschen – und nur sie – können eben auch aus Holz, Steinen und ein wenig Stahl technische Wunderwerke schaffen. Und erhalten, aus Respekt vor ihrer Würde. Das ist großartig.

Ein Video zur Mühle Hedeper finden Sie unter braunschweiger-zeitung.de

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