Klimaserie: Digitale Endgeräte fressen 10 Prozent des Stroms

Braunschweig.  Der Techniksoziologe Felix Sühlmann-Faul erklärt den riesigen weltweiten Energieverbrauch der Digitalisierung.

Vik Muniz’ „WWW (World Map)“ zeigt eine Landkarte aus Elektroschrott. Die Installation war in einer Sonderausstellung 2015 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.

Vik Muniz’ „WWW (World Map)“ zeigt eine Landkarte aus Elektroschrott. Die Installation war in einer Sonderausstellung 2015 im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.

Foto: Kunstmuseum Wolfsburg

Die digitale Welt erscheint zunächst sauber und materialschonend. Wer mailt und online arbeitet, spart Papier und muss nicht in ein zentrales Büro fahren. Aber natürlich kostet ein rund um die Uhr arbeitender Computer auch jede Menge Strom. Und je dicker die Dateien sind, die er runterlädt oder gar streamt, desto mehr Strom muss dafür aufgewendet werden – wie beim Kochen zähen Fleisches auf hoher Gradzahl.

„Zehn Minuten Videostreamen in HD-Auflösung entspricht fünf Minuten Kochen am Elektroherd auf voller Pulle“, sagt Felix Sühlmann-Faul. Der Techniksoziologe, der ein ganzes Buch über den „Blinden Fleck der Digitalisierung“ geschrieben hat, kann mit vielen verblüffenden Beispielen für den sich enorm potenzierenden Energieverbrauch durch Digitalisierung aufwarten.

Der „Datendurchsatz“, also alles, was im Internet so verschickt und gestreamt wird, lag 1992 noch bei 100 Gigabyte pro Tag, 1997 schon bei 100 Gigabyte pro Stunde, aber 2002 gleich bei 100 Gigabyte pro Sekunde (nicht etwa Minute). Für 2021 werden 160.000 Gigabyte pro Sekunde erwartet, „das sind 106 ganze Festplatten pro Sekunde, die könnten Sie alle zur Anschauung mal neben Ihrem Schreibtisch aufbauen“, ein Tagesverbrauch passte in kein Haus mehr.

80 Prozent des Datendurchsatzes besteht aus Streaming, also Netflix und Co. Allein der Wechsel von HD (hochauflösenden Fernseh- und Streamingbildern) zu heute fast schon üblichem 4K (Kinoqualität), vervierfache die Datenmenge. Ob solche Auflösungen nötig sind? Nachhaltig sind sie sicher nicht.

„Streaming gibt es im Monatsabo und hat den All-you-can-eat-Effekt: weil es alles zum Festpreis gibt, will der Kunde so viel wie möglich konsumieren. An den Stromverbrauch denkt er dabei nicht!“, sagt Sühlmann-Faul. „Wenn es früher im Fernsehen ,Wetten dass...’ gab, war die Sendung mit dem Schluss vorbei. Für Filme musste man erst DVDs kaufen gehen. Aber heute können Sie alles wiederholen, sofort die nächste Folge gucken, der einfache Zugang führt zu Überkonsum.“

Überkonsum durch Monatsabos

Digitalisierung und Kapitalismus gehören unmittelbar zusammen, das Internet sei größtenteils ein Einkaufszentrum, das ständig zu mehr Konsum animiere, erklärt der Techniksoziologe. „Aber mehr Konsum ist nie nachhaltig.“

Das Zauberwort für Nachhaltigkeit ist Suffizienz – Genügsamkeit. Dagegen arbeiten alle Internetanbieter an. Aber auch Konsistenz (Haltbarkeit) und Effizienz sorgen für Nachhaltigkeit, und bei Letzterem scheint die Digitalisierung ja zunächst gut im Rennen zu liegen. Wer am Bildschirm arbeitet, spart Material (Druckerpapier) und Wege, die Kommunikation läuft schneller. „Aber leider frisst sich Effizienz in vielen Fällen auf“, erklärt Sühlmann-Faul. Der sogenannte Rebound-Effekt ist schon seit der Kohlekrise im England des 19. Jahrhunderts bekannt. Effizientere Kohleausbeutung führte damals eben nicht zur Einsparung, sondern zu mehr Verbrauch, weil sich die nun kostengünstigere Energiequelle vielfältiger nutzen ließ. In der durch Digitalisierung gewonnenen Zeit, werde heute auch weitergestreamt und weitergearbeitet. Der Energieverbrauch nimmt zu.

Dem Technik-Soziologen geht es dabei auch um die gesellschaftliche Nachhaltigkeit: „Der Soziologe Hartmut Rosa hat in seinem Buch festgestellt, dass trotz der vielen zeitsparenden Maschinen kein Mensch Zeit über hat.“ Schwierig findet er auch, dass bei den „Digital Natives“, die bereits mit digitalen Medien wie Smartphone und Laptop großgeworden sind, die Trennung zwischen Arbeit und Freizeit zerfließt.

Sühlmann-Faul sind solche Erkenntnisse wichtig, und er verweist auf den Bericht von Gro Harlem Brundtland an die Vereinten Nationen und ihre Definition nachhaltiger Entwicklung. Demnach sollen die folgenden Generationen nicht schlechter gestellt sein, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

„Aber wegen der technischen Entwicklung im Hintergrund ist man immer unzufrieden, meint immerzu, man müsste ein noch schnelleres Computermodell haben.“ Wenn es dann da ist, schaffe man die Arbeit vielleicht in der halben Zeit, aber der Computer laufe trotzdem den ganzen Tag, weil wieder neue Bedürfnisse geschürt wurden. „10 Prozent des globalen Stromverbrauchs gehen auf die Nutzung digitaler Endgeräte, bis 2025 werden es 20 Prozent sein“, resümiert Sühlmann-Faul. Da für digitale Zugriffe oft Datensicherheit, Privatsphäre, Freiheitsrechte leichtfertig aufgegeben würden, sieht er auch erhebliche Probleme bei der sozialen Nachhaltigkeit.

Nur Konsumverzicht ist nachhaltig

Die Effizienz von Errungenschaften der Digitalisierung wie Künstliche Intelligenz sei andererseits ein wichtiger Nachhaltigkeitsfaktor. „Ohne sie würde sich die notwendige schnelle Umverteilung der Energie aus erneuerbaren Quellen nicht bewältigen lassen.“ Gerade bei Wind- und Sonnenenergie fallen kleine, wetterabhängige Mengen an, die ins vielfältige Gesamtangebot eingespeist, bei Bedarf in anderen Anteilen gemischt und schnell weitergeleitet werden müssen, das ließe sich nur noch mit entsprechenden Algorithmen lösen. „Die Energiewende ist nur mit Digitalisierung möglich.“

Und doch müsse man aufpassen auf die jeweilige Bilanz. Ferngesteuerte Thermostate etwa, die Zuhause schon mal die Heizung hochfahren, bevor man heimkommt, rentieren sich nur auf sehr lange Sicht – und befriedigen ein Luxusbedürfnis.

„Und die Hardwarekosten muss man natürlich auch noch einberechnen, die Rohstoffe, die Emissionen bei der Herstellung und dem Transport von Computern und Smartphones, die Entsorgung“, betont Sühlmann-Faul. Während Kühlschränke und Waschmaschinen vor allem beim Gebrauch Energie kosten, entstehen bei digitalen Endgeräten 80 Prozent der Energiekosten schon bei der Herstellung.

„Und dann brauchen wir mit Tantal, Zinn, Wolfram und Gold die vier sogenannten Konfliktmineralien, die aus Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo kommen. Dort sind die Minen im Besitz von Rebellentruppen, die dadurch ihre Waffen finanzieren“, erklärt Sühlmann-Faul. Beim Abbau komme es zu Abholzung, Erosion, Artensterben, die Länder verarmen, die Menschen fliehen... – Man müsste letztlich sogar die Kosten für die Flüchtlingspolitik in die Hardwareproduktion einrechnen.

„Nur die Einschränkung von Konsum ist immer nachhaltig“, resümiert der Techniksoziologe, der zurzeit über Digitalisierung und Nachhaltigkeit promoviert. Alle 20 Monate ein neues Smartphone, wie zurzeit der Bundesdurchschnitt, müsse nicht sein.

Er plädiert für mehr Recyceln (bei Smartphones wegen der komplizierten Metallverbindungen sehr schwierig) und Reparieren. „In Schweden wird auf Reparaturen elektrischer Geräte keine Mehrwertsteuer erhoben, das nenne ich politische Nachhaltigkeit.“ Es bedürfe einer Mischung aus Anreizen und Zwang, um mehr Nachhaltigkeit durchzusetzen.

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