Kulturminister Björn Thümler: Die Theatersaison ist beendet

Braunschweig.  Der CDU-Politiker will Museen bald wieder öffnen. Für Theater und Konzerte bleibe die Lage schwierig. Eine Landes-Künstlerhilfe plant er nicht.

Niedersachsens Minister für Kultur und Wissenschaft Björn Thümler (CDU).

Niedersachsens Minister für Kultur und Wissenschaft Björn Thümler (CDU).

Foto: Marcus Prell / Archiv

Während die Museen unter Auflagen wohl bald wieder öffnen können, bleiben die Staatstheater in Niedersachsen bis zur Sommerpause geschlossen. Das erklärt Kulturminister Björn Thümler (CDU) im Gespräch mit unserer Zeitung. Eine eigene Grundsicherung für Kulturschaffende wie in Bayern und Baden-Württemberg will Thümler in Niedersachsen vorerst nicht auflegen.

Seit mehr als einem Monat ist der Spielbetrieb in niedersächsischen Theatern ausgesetzt. Geschäfte dürfen wieder öffnen, für Sportstätten stehen Lockerungen in Aussicht. Gibt es auch schon Pläne für die Kultur?

Ja. Bei ihrer nächsten Besprechung mit der Bundeskanzlerin am 30. April werden sich die Ministerpräsidenten der Länder insbesondere auch mit den Themen Kultur und Sport beschäftigen. Grundlage wird natürlich die Entwicklung der Infektionszahlen nach den ersten Lockerungen sein. Ist sie positiv, sollten Lockerungen auch in der Kultur möglich sein. Bei Museen wird das allerdings einfacher als etwa bei Theatern, weil Abstandsregeln unkomplizierter einzuhalten sind.

Werden Lockerungen für große Museen genau so möglich sein wie für kleine Galerien?

Ich würde das von der Quadratmeterzahl abhängig machen, allerdings nicht mit Größenbeschränkungen wie bei der Verkaufsflächendiskussion, weil sich die Regelung als unpraktisch erweist. Je nach Größe des Hauses sollte eine bestimmte Zahl von Besuchern zugelassen werden. Die Museumspädaogik kann dabei eine besondere Rolle spielen und Besucher mit speziellen Angeboten gezielt durch ein Museum leiten.

Ab welchem Termin wäre eine Öffnung der Museen möglich?

Nach der Besprechung am 30. April müssten wir die Ergebnisse auf Landesebene in eine Verordnung umsetzen, und die Museen müssten sich entsprechend vorbereiten. Der 7. Mai wäre aus niedersächsischer Sicht denkbar.

Kommen wir zum Theater. Das Große Haus des Braunschweiger Staatstheaters hat 900 Plätze. Wenn man nur 300 Besucher einlässt, sind die Sicherheitsabstände doch zu wahren.

Im Saal ja, aber problematisch ist die Situation beim Einlass und an der Garderobe, auch wenn die meisten Menschen verinnerlicht haben, dass sie Abstand halten müssen. Die größten Probleme aber gibt es auf der Bühne und im Orchestergraben. Zu Schauspiel und Oper gehören körperliche Nähe, Gestik und Mimik. Mit Sicherheitsabstand und Atemschutzmasken sind sie nicht vorstellbar. Das gilt auch für die Orchester. Vor den Auslass einer Trompete können Sie kein Tuch spannen. Plexiglasschirme rauben Platz und beeinträchtigen den Klang. Wir müssen also davon ausgehen, dass diese Spielzeit tatsächlich beendet ist, und so sehen das auch die Intendantinnen und Intendanten zumindest der Staatstheater. Sie wünschen sich klare Verhältnisse und wollen sich auf die Organisation der nächsten Spielzeit konzentrieren. Die wird schwierig genug.

Großveranstaltungen ab 1000 Teilnehmern

De facto gilt also für Theater und Konzerte, was auch für Großveranstaltungen gilt: Aussetzen bis mindestens zum 31. August. Wie sind Großveranstaltungen übrigens genau definiert?

Laut Verordnung des Sozialministeriums sind es Veranstaltungen über 1000 Teilnehmer.

Durch den Saisonabbruch gibt es Einnahmeausfälle. Wird das Land den Theatern helfen?

Wir haben vereinbart, dass es abgestufte Zahlungen für Gastregisseure, Schauspieler und Sänger gibt, je nachdem, ob schon Vorstellungen stattgefunden haben oder nicht. Verträge sollen möglichst nicht aufgehoben werden. Viele der für diese Spielzeit geplanten Inszenierungen werden in die nächste oder übernächste Saison verschoben. Auf diesen pragmatischen Weg haben wir uns auf Vorschlag der Intendanten geeinigt. Auch sonst werden wir unsere Einrichtungen nicht im Regen stehen lassen.

Wer hilft privaten Veranstaltern von Rock- und Popkonzerten?

Sie können die Hilfsprogramme der Wirtschaftsministerien des Bundes und der Länder nutzen.

Niedersachsen hatte noch im März ein Hilfsprogramm für Soloselbständige und kleine Betriebe aufgelegt, das auch den Kulturbereich umfasste. Freie Solokünstler und Musiker haben bis zu 3000 Euro erhalten. Doch nun wurde es gestoppt. Warum?

Seit dem 1. April gilt das Bundesförderprogramm. Die Länder sind nur noch für Soloselbständige und Betriebe zuständig, die Gewinne erwirtschaften und Betriebskosten haben, nicht aber für Künstler, die mit ihrer Arbeit lediglich ihren Lebensunterhalt bestreiten. Für sie ist der Zugang zur Grundsicherung erleichtert worden. Formell ist das Hartz IV, aber in besonderer Form. Sie bekommen ohne Vermögensprüfung und ohne größeren bürokratischen Aufwand für zunächst sechs Monate Zugang zur Grundsicherung, wenn nötig plus Mietkostenzuschuss und Kinderzuschlag.

Privatvermögen bleibt unangestatet – vorerst

Wird bei der Grundsicherung das Privatvermögen der Künstler angerechnet?

Prinzipiell ja. In den nächsten sechs Monaten allerdings wird keine Vermögensprüfung stattfinden, wenn erklärt wird, dass kein erhebliches Vermögen vorliegt. Danach werden die üblichen Regeln wieder greifen.

Länder wie Bayern und Baden-Württemberg wollen ihre Kulturschaffenden mit Sonderprogrammen unterstützen, mit Zahlungen von 1000 beziehungsweise 1180 Euro monatlich. Satteln sie das obenauf?

Nein. In diesem Fall würde die Grundsicherung nicht gezahlt. In der Regel sollen diese Beträge höher sein als die Grundsicherung. Aber die Grundsicherung wird für sechs Monate gewährt, und die Sonderförderung in Bayern und Baden-Württemberg ist monatsweise angesetzt. Ich weiß nicht, ob sie dann jedesmal neu beantragt werden muss.

Sie sagen, das Grundsicherungsmodell des Bundes ist sinnvoll, das reicht zunächst aus?

Ja, es reicht zunächst aus. Das ist derzeit die Linie der Landesregierung.

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Werden kleine freie Bühnen, professionell arbeitende freie Ensemble oder auch Clubs gefördert, die in Schwierigkeiten geraten?

Clubs erhalten in Niedersachsen keine Landesförderung. Kleinen freien Bühnen und Gruppen, die das Land bisher gefördert hat, wollen wir bereits zugesagte Zuschüsse soweit als möglich auch dann auszuzahlen, wenn sie vorerst nicht öffnen oder bezuschusste Produktionen nicht mehr aufführen können. Freie Theater haben aber meist auch Betriebskosten und fallen damit unter das Förderprogramm für Betriebe. Oft haben sie das auch in Anspruch genommen.

Auch die Kinos sind derzeit geschlossen. Dabei sollten Sicherheitsabstände bei einer beschränkten Besucherzahl pro Vorstellung doch gut einzuhalten sein.

Grundsätzlich ist das sicherlich richtig. Die Zuständigkeit dafür liegt nicht im Kulturministerium, bei den Kinos handelt es sich in der Regel um Wirtschaftsunternehmen

Auch im Herbst wohl kein normaler Theaterbetrieb

Bis zum 31. August wird es Kultur also fast nur digital geben. Meinen Sie, dass danach ein annähernd normaler Kulturbetrieb wieder möglich sein wird?

Normal wird in diesem Jahr vermutlich leider gar nichts sein, zumindest dort, wo normalerweise viele Menschen zusammenkommen. Auch im Herbst und darüber hinaus wird die Entwicklung der Corona-Epidemie unser Handeln bestimmen – bis ein Impfstoff gefunden ist, der Sicherheit bietet. Dabei spielt eine Braunschweiger Einrichtung, das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, eine zentrale Rolle, aber auch andere Institute der TU sind in großem Maß beteiligt. Die Theater haben nun Zeit, sich zu überlegen, wie sie nach der Sommerpause wieder starten können – aber es wird sicher nicht einfach.

Es ist also ratsam, den Spielplan Corona-gemäß zu gestalten – mit kleinen Besetzungen, Kammermusik, Lesungen und ähnlichem?

Das ist eine Möglichkeit. Martine Dennewald, die Leiterin des Festivals Theaterformen, das im Juli wieder in Braunschweig stattfindet, hat mit ihrem Team bereits tolle Ideen entwickelt, wie darstellende Künste nun im digitalen Raum präsentiert werden können, und zwar weitaus vielfältiger als mit bloßem Streamen von Produktionen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Vielleicht werden wir eine ganz andere Welt von Theater erleben.

Die Menschen haben aber doch auch eine Sehnsucht, sich tatsächlich zu begegnen und Kultur mit allen Sinnen zu erleben, nicht nur in ihren digitalen Kemenaten.

Ja, auch ich bin dafür, reale Begegnungen den Hygienevorschriften entsprechend zu ermöglichen. Aber weil das Corona-Virus sehr infektiös ist, müssen wir eben unheimlich aufpassen.

Kultur ist systemrelevant, aber…

Für wie systemrelevant halten Sie die Kultur?

Aus meiner Sicht ist Kultur unverzichtbar. Sie trägt dazu bei, dass wir diskutieren, dass wir uns mit einer Vielzahl von Themen in kreativer Form auseinandersetzen. Damit wirkt sie demokratiebildend. Gesellschaften, die das nicht tun, sind viel anfälliger für extreme Ausrichtungen. Ich halte Kultur also für systemrelevant, merke aber auch, dass Kulturpolitiker da auf relativ verlorenem Posten stehen.

Sie haben den Eindruck, dass etwa die Stimmen der Wirtschaft oder des Sport, beispielsweise des Profi-Fußballs, mehr Gehör finden?

Ja. Das finde ich schon besorgniserregend. Kultur bietet Gelegenheit zur kritischen Auseinandersetzung auch mit schwierigen aktuellen Themen. Das Oldenburgische Staatstheater hat bereits kurz nach dem Gerichtsprozess den Fall des Pflegers und Serienmörders Niels Högel zum Thema eines Stücks gemacht. Das hat nicht jeder gut gefunden, aber viele, die sich damit auseinandergesetzt haben, auch Angehörige von Opfern, haben gesagt, es habe ihnen geholfen, Traumata zu überwinden. Genau das macht Kultur aus und so wichtig: Sie fördert kreative Auseinandersetzungen und ruft zum Diskurs auf.

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