Wiener Tatort „Krank“: Wie wirksam ist Alternative Medizin?

Berlin.  Wo sind die Grenzen alternativer Medizin? Der neue „Tatort“ aus Wien legt den Fokus auf einen alten Glaubenskrieg. Das sind die Fakten.

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Rosa stirbt – an einer Infektion, die mit einem Antibiotikum leicht hätte geheilt werden können. Wenn ihr Vater Peter Simon denn eine Behandlung seiner Tochter zugelassen hätte. Doch der Humanenergetiker und Energiefeld-Spezialist schwört auf alternative Methoden. Also rührt er selber Säfte an. Erfolglos. Im Krankenhaus, in das er sie erst bringt, als sie schon bewusstlos ist, stirbt sie an Organversagen. Ist er Schuld an dem Tod seiner Tochter?

Streit über die „bessere“ Medizin tobt seit Jahren

Wo sind die Grenzen sogenannter sanfter Medizin? Eine gesellschaftlich nicht unbedeutende Frage, die der Wiener Tatort „Krank“ hier aufwirft. Der Glaubenskrieg zwischen der Schulmedizin und alternativen Heilmethoden wird zwar seit Jahren geführt, büßt aber nichts an Aktualität ein. An den beiden Ansätzen scheiden sich die Geister.

Der Wiener Tatort nimmt hier eine deutliche Haltung ein: Wer allein der Alternativmedizin vertraut, handelt fahrlässig und geht im Zweifel ein lebensgefährliches Risiko ein. Vertreter der Branche werden als nicht weniger profitgierig als ihre schulmedizinischen Kollegen dargestellt. Kurz: In der Alternativmedizin gibt es viele Scharlatane. „Sanfte Medizin ist ein hartes Geschäft“ – einer der Schlüsselaussagen dieses Krimis.

Die Alternativmedizin umfasst viele Methoden: Homöopathie, Akupunktur, Akupressur, Osteopathie, Phytotherapie, Aromatherapie, Atemtherapie, Ayurveda, Hypnotherapie und weitere. Millionen Menschen in Deutschland greifen bei Beschwerden zu homöopathischen Mitteln – auch weil sie im Gegensatz zu verschreibungspflichtigen Medikamenten keine Nebenwirkungen haben.

Der Arzt Samuel Hahnemann hat die Homöopathie einst begründet. Er prägte ihren Gedanken: Ähnliches möge durch Ähnliches geheilt werden. Demnach sollen Wirkstoffe gewählt werden, die Ähnliches wie die Krankheit auslösen. Diese werden dann stark verdünnt und in Form von kleinen Kügelchen (Globuli) eingenommen.

Homöopathie: Studien können Wirksamkeit nicht nachweisen

Wie wirksam aber ist die Homöopathie? Seit 200 Jahren wird sie praktiziert, unzählige Untersuchungen sind seitdem durchgeführt worden – mit widersprüchlichen Ergebnissen. Bereits im Jahr 1997 erschien in dem renommierten Fachmagazin „Lancet“ eine Metastudie, die im Jahr 2017 wiederholt und im Fachmagazin „Systematic Reviews“ veröffentlicht wurde. Beide kamen zu dem gleichen Schluss: Es gebe keine Krankheiten, bei der eine Wirkung der Homöopathie nachgewiesen werden konnte. Oftmals ist daher die Rede davon, dass die Homöopathie bloß einen Placebo-Effekt hat.

Die meisten homöopathischen Stoffe müssen nicht zugelassen, sondern registriert werden. Diese Registrierung erfolgt durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Hier heißt es: „Es prüft in diesem Zusammenhang, ob die Arzneimittel nach den Vorgaben des Homöopathischen Arzneibuchs hergestellt wurden und ob der Hersteller ihre Qualität und Unbedenklichkeit nachweisen kann.“ Der Nachweis der Wirksamkeit wird allerdings nicht gefordert.

Der Streit über diese Frage wird hitzig geführt. Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) und Professor für Medizinische Biometrie und Klinische Epidemiologie hat dazu eine klare Haltung, wie er gegenüber dem Helmholtz-Institut deutlich machte: „Das Konzept der Homöopathie widerspricht unserem Wissen darüber, wie die Welt aufgebaut ist: Was verdünnt wird, wird nicht mehr. Und ein Wirkstoff, der nicht mehr da ist, kann nicht mehr wirken.“

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Profitgier und Scharlatane in der Alternativmedizin

Die Investigativ-Journalistin Beate Frenkel warnt in ihrem vor wenigen Tagen erschienenen Buch „Piller, Heiler, Globuli: Das Geschäft mit der Alternativmedizin“ vor teilweise gefährlichen Methoden dieser Medizin und profithungrigen Scharlatanen, ähnlich wie sie im Tatort vorkommen. An den Globuli, so Frenkel jüngst im Interview mit dem Deutschlandfunk, müsse man „gar nicht rühren“, sofern solche, die daran glaubten, eine Besserung ihres Leidens feststellten.

Trotzdem, so fordert sie, müsse es eine Abgrenzung der alternativen Medizin geben. „Das eine sind Medikamente. Die sind erforscht. Die sind erprobt. Da gibt es einen wissenschaftlich erwiesenen Nutzen. Und das andere sind Mittel, die kann man nehmen. Die helfen vielleicht auch, aber das hat mit Wissenschaft und evidenzbasierter Medizin nichts zu tun.“

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Corona-Medikamente: Gefährliche Chlorbleichen verätzen Schleimhäute

Während ihrer Recherchen für das Buch sei sie aber auch auf Heilpraktiker gestoßen, die sogenannte Chlorbleichen einsetzten. „Das hilft angeblich nicht nur gegen Covid-19, sondern ist eine Art Allzweckwaffe auch zum Beispiel gegen Krebs, gegen Alzheimer oder gegen Autismus“, sagte sie im Interview. Das Bundesinstitut für Arzneimittel aber warne davor. „Das kann Verätzungen mit sich bringen. Das kann lebensgefährliche Folgen haben, wenn man das einführt. Das verätzt die Schleimhäute, wenn man viel davon zu sich nimmt oder wenn man es als Einlauf bekommt“, sagt Frenkel. Hier mangele es aus ihrer Sicht an einer Kontrolle.

Besonders perfide finde sie, dass die Verfechter der alternativen Methoden betonten: „Wir sind die Besseren, wir sind gegen die Profitgier von Pharmaindustrie und Pharmakonzernen“, um dann „einen Haufen Geld damit verdienen, mit den falschen Versprechen.“

Tatort-Darsteller vertrauen auf beide Methoden

Und wie halten es die Darsteller des Wiener Tatorts mit der Alternativmedizin? Im Film lässt sich Moritz Eisner weder von der Schul-noch von der Alternativmedizin wegen seines Rückenleidens helfen. Schauspieler Harald Krassnitzer dazu: „Ich nehme alternative Methoden in Anspruch, weil ich gute Erfahrungen gemacht habe mit TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin. Doch ich koppele das immer mit einer Rückfrage bei einem klassischen Mediziner.“

Auch Adele Neuhauser denkt da ähnlich: „Ich vertraue auf beide Methoden, je nach Beschwerde setze ich entweder das eine oder andere ein.“ Sie merkt mit Blick auf die Handlung des Films aber auch an: „Die Sehnsucht vieler Menschen, Krankheiten sanft und naturnah zu heilen, wird schamlos und zynisch auf einem gnadenlosen Markt ausgeschlachtet.“ (jb)

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