„Chefdisponent sein ist wie Bundestrainer: Alle können’s besser“

Braunschweig.  Guido Hackhausen ist neuer künstlerischer Betriebsdirektor am Staatstheater Braunschweig. Die Pandemie stellt ihn vor neue Herausforderungen.

Guido Hackhausen ist der neue künstlerische Betriebsdirektor des Staatstheaters Braunschweig.

Guido Hackhausen ist der neue künstlerische Betriebsdirektor des Staatstheaters Braunschweig.

Foto: Björn Hickmann/Staatstheater

Zurzeit ist seine Arbeit nicht besonders nachhaltig: Den Monatsspielplan, den Guido Hackhausen unermüdlich für das Staatstheater Braunschweig entwirft, kann er unter den stetig verlängerten oder veränderten Lockdown-Vorgaben mit trauriger Regelmäßigkeit wieder wegwerfen. Dabei ist die Arbeit des künstlerischen Betriebsdirektors normalerweise das Rückgrat des Theaters. Seit dem Sommer hat der 49-Jährige das Amt in Braunschweig übernommen, war vorher schon in gleicher Position in seiner Heimatstadt Wuppertal tätig. Ein Amt, in dem man viel gestalten könne, so Hackhausen, aber auch so leicht kritisierbar wie der Bundestrainer. „Wen man auch trifft, jeder hätte es besser gemacht.“

Die Stückauswahl treffen zwar die Intendantin und ihre Spartenleiter. Aber da er für die Planung und Umsetzung verantwortlich ist, ist er schon auch mit dabei. Schließlich müsse er ja dann dafür sorgen, dass die Titel an ihren Spielstätten funktionieren, sie so verteilen, dass daraus ein attraktiver Spielplan entsteht, dabei die Abos berücksichtigen, die Belastungen der Künstler und Gastverpflichtungen. „Die Aboreihen müssen ja über die ganze Spielzeit Vorstellungen vorsehen, nicht drei in einem Monat. Ein Sänger sollte nicht drei Hauptrollen an einem Wochenende singen müssen, Gäste stehen nicht immer zur Verfügung“, erläutert Hackhausen. Im Übrigen müsse er die je spartentypischen Planungszusammenhänge wie den Probenvorlauf kennen, damit der Premierenrhythmus stimmt.

Zuschauer erwarten opulente Bühnenbilder

Für Zuschauer sieht das nicht immer schlüssig aus. Da sind die langen Phasen vor Premieren im Großen Haus, in denen dann dort nichts anderes mehr läuft. „Wir haben nicht genügend technisches Personal , um das Probenbühnenbild jedesmal wieder abzubauen und eine andere Inszenierung für den Abend aufzubauen“, sagt der Chefdisponent. Auch seien die Probenansprüche heute größer, die Bühnenbilder aufwendiger gestaltet als noch in den 80ern. Und diese Opulenz wiederum erwarte das Publikum aufgrund der HD-Sehgewohnheiten auch.

Gern kritisiert wird auch die zu hohe (oder zu niedrige) Vorstellungsdichte nach einer Premiere, damit sich ein Urteil erst rumspricht und die Zuschauer planen können. „Für die Künstler ist es besser, sie spielen gleich nach der Premiere noch ein paarmal, damit sich alles noch besser setzt. Dann ist es noch monatelang abrufbar.“

Die Neigung der Zuschauer geht zum Event

Schwierig ist es offenbar auch, auf erhöhte Nachfrage bei bestimmten Stücken zu reagieren. „Wir halten bei Produktionen, von denen wir es ahnen, oft ein paar optionale Termine vor, die wir erst dann verkünden, wenn der Erfolg tatsächlich da ist“, erklärt Hackhausen. Wenn im Musiktheater Gäste dabei sind, müsse das weiträumig geklärt sein. Die Termine sollten auch nicht auf den Endphasen der Proben für die aktuelle Produktion der Sänger liegen. Und bei allem müsse er die Spartengerechtigkeit berücksichtigen. „Wir produzieren hier sehr dicht, es gibt wenig Lücken.“ Aber Hackhausen ist ein Fan dieses Repertoire- und Ensembletheaters.

Das Los von späteren Wiederaufnahmen kenne er zur Genüge, auch aus Wuppertal. „Da rennen sie einem für ,Carmen‘ die Bude ein, und bei der Wiederaufnahme schaffen wir mit Mühe 70 Prozent Auslastung.“ Alles sei eben schnelllebiger geworden, die Konkurrenz groß. Und auch einen Hang zum Event sehe er allenthalben. „Der Burgplatz ist sicher so was, ein Glücksfall für das Theater.“ Wie man aber aus Wagners vierteiligem „Ring“ oder dem herausragenden zeitgenössischen Musiktheater in Braunschweig ein Event machen könne, da suche man noch nach Konzepten. „Am Ende bleibt Publikumsgunst auch immer irgendwie ein Geheimnis, es lässt sich kaum vorhersagen.“

Stand selbst als Tenor auf der Bühne

Hackhausen betont freilich, wie wichtig es für sein Amt sei, den Bühnenbetrieb am besten aus der Praxis zu kennen. Produktionsaufwand, Belastung der Sänger, Einschätzung der Stückhäufigkeit – bei all dem helfe ihm die eigene Bühnenerfahrung. Guido Hackhausen ist Tenor, studierte in Berlin bei dem bekannten Wagner-Tenor Reiner Goldberg und sang das jugendliche Heldenfach von Freischütz-Max bis Fidelio-Florestan an Bühnen wie Freiberg, Zwickau, Chemnitz und den Landesbühnen Sachsen in Radebeul, wo er auch seine Frau, die Sopranistin Stephanie Krone, kennenlernte. Aber seine Theaterbegeisterung ist schon älter. Er hat in Wuppertal bereits im Kinderchor von „Hänsel und Gretel“ mitgesungen, mit 16 jede Vorstellung von Wagners „Ring“ angesehen.

„Ab 40 aber, als ich die immer selben Partien in der dritten und vierten Produktion sang, hatte ich das Gefühl, es muss nun nicht mehr immer Singen sein. Mit 42 als Tamino in der ,Zauberflöte‘ den Prinzen spielen, wenn alle anderen auf der Bühne paarundzwanzig sind, das kam mir komisch vor. Die Weltkarriere stand nicht mehr an, und so wechselte ich als Dramaturg nach Hof“, erzählt Hackhausen. Er hatte von Anfang an auch ein Musikwissenschaftsstudium absolviert. Insofern hatte er jetzt ein zweites Standbein. Über eine Casting-Assistenz in Wiesbaden kam er dann als künstlerischer Betriebsdirektor nach Gießen und Wuppertal. An der Weimarer Musikhochschule „Franz Liszt“ hat er einen Lehrauftrag.

Vorausschauende Engagements wegen Corona schwierig

In Braunschweig macht man sich seine Kompetenzen schon zunutze, er nimmt auch an den Vorsingen teil. „Als Sänger analysiert man Stimmen sicher noch etwas anders als die Spartenleiter“, sagt er. Schönheit des Timbres sei wichtig für den Ausdruck, die über die richtigen Töne hinausgehende Wirkung. Aber Basis sei nunmal gute Technik. Auch Artikulation müsse nicht nur stimmen, sondern die Worte müssten auch im Kopf mitgedacht werden, damit sich der Sinn vermittle. Und dann müsse man noch bereit sein für komplexe Regiekonzepte. Aber, er ist überzeugt: „Es gibt für alles die richtigen Sänger.“

Freilich ist da vorausschauendes Planen und Engagieren nötig. Und das ist unter Corona-Bedingungen besonders schwer. „Wenn wir Verträge für die nächste Spielzeit oder gar darüberhinaus abschließen, und müssen alle Produktionen weiter schieben, haben wir ja zumindest die moralische Verpflichtung, sie dann wenigstens später zu erfüllen. Aber Sänger wie Regisseure haben dann oft schon andere Produktionen, das ist sehr schwierig.“ Im Übrigen seien jetzt so viele Produktionen im Repertoire, teils noch ohne Premiere, dass man nun nicht weiterhin immer neue Stücke erarbeiten müsste. Je nach den politischen Vorgaben erstelle er aber immer einen Spielplan für die Zeit direkt nach einer Wiedereröffnung, wobei auch zu berücksichtigen sei, wie viele Zuschauer zugelassen seien. Entsprechend müsse er ja die Abos aufteilen auf mehrere Vorstellungen und mehr Sinfoniekonzerte ansetzen.

Am Wochenende zu Frau und Kind nach Dresden

Traurig ist Hackhausen, dass er bislang so wenig in Braunschweig sehen konnte: „Ich war als Zuschauer im März bei der Eötvös-Oper ,Angels in America‘, und seit ich hier bin, haben wir ja nur im September und Oktober gespielt.“ Gut ist es nur für Frau und Kind in Dresden, zu denen er mangels Premieren so jedes Wochenende pendeln kann. Ist das Singen wirklich abgeschlossen? „Auf der Bühne ja. Ich setze mich zu Hause schon mal ans Klavier und singe, aber merke auch, dass die Kondition schnell nachlässt. Ich bin jetzt eben doch aus der Übung.“

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