Das Ungeheuer des Sahara-Sees

Braunschweig  Eine eindrucksvolle Schau im Rittersaal der Braunschweiger Burg präsentiert den Spinosaurus und seine Zeit.

Es klingt so schön nach Badeurlaub: Wo sich heute quer über Nordafrika die elende Wüste der Sahara ausbreitet, lag vor 100 Millionen Jahren ein weitverzweigtes Flusssystem. Allerdings hätte man die Badehose dort besser im Koffer gelassen. Denn die Saurier, die damals dieses Paradies bevölkerten, waren alles andere als niedlich.

Ganz überwiegend Raubsaurier lebten zur Kreidezeit, und wer jetzt die eindrucksvollen Rekonstruktionen in der neuen Sonderschau des Naturhistorischen Museums besichtigt, trifft denn auch auf wahre Ungeheuer: Von der Decke schwebt ein storchenschnabeliger Flugsaurier, dessen Spannweite schon mal 6 Meter sein konnte. Auf der Erde war er so hoch wie eine Giraffe, erläutert Museumsdirektor Ulrich Joger. Man findet das Maul eines 6 Meter langen Riesenkrokodils und die reißzahnstarrenden Schädel des Carcharodontosaurus, der 13 Meter langen Scharfzahn-Echse.

Spinosaurus im Rittersaal der Burg

Das festliche Ambiente des neoromanischen Rittersaals der Burg Dankwarderode bietet den spannenden Kontrast zu diesen Untieren der Urzeit, die sich freilich in den Drachen und Lindwürmern der Sagen zitierenden Ausmalung durchaus auch wiederfinden. Ein Kronleuchter musste weichen: Das Skelett des Spinosauriers geht bis unter die Decke. Das liegt an den Stacheln des 17 Meter langen Tieres, die einer Art Rückensegel als Streben dienten.

Viel ist gerätselt worden, wozu er das wohl hatte. Für Fettvorräte sei die Haut zu enganliegend gewesen, zur Temperaturregelung die Dornknochen zu wenig durchblutet. War also wohl doch Imponiergehabe: Warnung den anderen gut bewehrten Raubsauriern, Lockung den Weibchen. Dank des 2,20 Meter hohen Segels verdoppelte der Spinosaurus seine Körpergröße, der längste war er sowieso, länger auch als der jüngst in Braunschweig präsentierte Tyrannosaurus Rex.

Dass man so gut über ihn Bescheid weiß, liegt an einem wahren Forschungskrimi, den die aus Amerika vom National Geographic entliehene Schau in perfekt untertexteten Stationen darstellt.

Erste Fährte: der Münchner Paläontologe Ernst Stromer und sein Kollege Richard Markgraf entdecken 1910 in Ägypten erste Spinosaurierknochen, die bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg verbrennen. Den Rat des Nazi-Gegners Stromer, die Knochen auszulagern, hatte der linientreue Museumsdirektor als Defätismus gewertet.

Die Schau zeigt Bilder der zerstörten Räume und rekonstruiert das damals fast nur aus den Dornen des Rückensegels bestehende Modell. Bei der Erschließung des Kopfes irrte Stromer, wie sich erst viel später herausstellte.

Als Joger jüngst die ägyptischen Fundorte visitierte, fanden sich allerdings keine weiteren Spinosaurierknochen. Wohl aber das Gebiss eines Lungenfischs, das beweist, dass es sich bei dem Wassersystem um Süßwasser, nicht um Meer gehandelt hat.

Doch es gibt noch eine zweite Fährte. Dem deutsch-marokkanischen Paläontologen Nizar Ibrahim fiel an den offenbar illegal erstandenen und an ein Mailänder Museum geschenkten Spinosaurier-Knochen eine rote Linie auf, die er von Funden eines marokkanischen Fossilienjägers kannte. Die Schau zeigt so einen Basar-Stand, an dem die teureren Funde unterm Ladentisch weggehen.

„Ich erinnerte mich nur noch ungefähr an ein Gesicht mit Schnurrbart“, erzählt jetzt Ibrahim bei der Vorpräsentation. Doch das Glück war ihm hold: Er fand den Händler wieder, der war bereit, ihm den Fundort zu zeigen, und die Stücke, die Ibrahim nun ausgrub, gehörten tatsächlich zum selben Tier wie die in Mailand. Wichtig waren besonders die Schädelteile: Im Gegensatz zu Stromers Annahme eines runden Dinosaurierkopfes trug der Spinosaurus einen länglichen Krokodilskopf mit ineinandergreifenden Zähnen. „Das lässt klar auf einen Fischfresser schließen. Nur so lassen sich die Kiefer im Wasser schnell schließen, glitschiger Fisch zwischen den Zähnen halten“, erläutert Ibrahim.

Auch die dreifingrigen Krallen der Vorderarme zum schnellen Greifen, die kurzen muskulösen Hinterbeine zum Paddeln im Wasser sprechen für einen auf Fisch spezialisierten Jäger im Fluss. „Das löst auch Stromers Rätsel, wie so viele Raubsaurier zu der Zeit existieren konnten. Der Spinosaurus aß eben vor allem Fisch, vermutlich selten Fleisch, und wegen seiner Größe gingen Konkurrenten ihm eh aus dem Weg. „Das Rückensegel ragte beim Schwimmen warnend aus dem Wasser!“, ergänzt Joger.

Tiere in Aktion, bei Schwimmen, Jagd, Kampf zeigt die Schau in disneywürdigen Filmclips. Also eine echte Hochkaräterschau, stilvoll durchgestaltet. Ein lehrreiches Vergnügen für jeden.

Vom 14. April bis 15. Juli im Rittersaal der Burg, Di.-So. 10-17 Uhr. Eintritt 12, ermäßigt 9, Kinder 6 Euro. Begleitprogramm unter: (0531) 288920.

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