Phantasialand an der Abbruchkante

Braunschweig  Der Bildhauer und HBK-Professor Thomas Virnich zeigt in der Hochschule seine Arbeiten.

Der Künstler als Schöpfer eines Spiegels, in dem wir die Schönheit der Schöpfung erkennen: Aus diesem Gedanken bezogen Maler und Bildhauer seit Leonardo ein Selbstbewusstsein, das ihr Tun weit über die Dimensionen des Handwerks hinaushob. Der Bildhauer Thomas Virnich, seit 26 Jahren Professor an der HBK, versteht sich auch heute noch als ein solcher Welten-Schöpfer. Allerdings nicht in gottähnlicher Funktion.

„Kabarett der Formen“ heißt seine Ausstellung in der Galerie der Hochschule. Da begegnet uns kein wohlgeordneter Kosmos, keine Welten-Harmonie. Sondern eher ein Phantasialand auf tönernen Füßen, das uns um die Ohren fliegt. Das bricht oder birst oder von gewaltigen Kräften zerquetscht zu werden scheint. Aus Materialien wie Bronze, Keramik oder Pappmaché zimmert, schustert, knetet Virnich in kindlicher Freude, die sich um Statik, um Funktionalität, um Perfektion nicht kümmert, eine Welt an der Abbruchkante.

Windschiefe Schlösschen auf spinnenbeinigen Podesten, ein sich spiralig emporschraubender „Dom als Wendeltreppe“, knitterige Flugzeuge mit grotesk verbogenen Flügeln, aufgeschnitten und mit krummen Menschlein darin. Von der Decke hängt ein „Kleines Universum“: eine stachelig-kugelige Ansammlung krude emporsprießender Bauten und Gebilde.

Wir stellen uns den Bildhauer als fröhlichen Bastler vor, welcher der einschüchternden Welt der architektonischen Gigantomanie, der technologischen Zweckrationalität und der rechten Winkel mit verspieltem Trotz eine kleine bunt bemalte, nichtsnutzige, brüchige Welt entgegensetzt und auf diese Weise den Künstler eben doch als Weltenschöpfer ganz eigener Art behauptet. Leonardo als Kabarettist sozusagen.

Gänzlich kindlich muten die neueren Werke Virnichs an: Auto- und Motorradfahrer, als knautschige Miniaturen modelliert. Das sieht niedlich aus, wirkt aber ästhetisch neben den dynamischen und oft in filigranen Arabesken wuchernden Bauten doch eher schlicht (bis 4. Mai) .

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