Zweifel am großen Rammler

Hannover  Das Wilhelm-Busch-Museum Hannover zeigt menschenkritische Tier-Karikaturen aus drei Jahrhunderten.

Tomi Ungerer: „Spiegelbild“ aus dem Busch-Museum in Hannover-Herrenhausen.

Tomi Ungerer: „Spiegelbild“ aus dem Busch-Museum in Hannover-Herrenhausen.

Foto: Museum

Wo diese dicke flauschige Katze mit den bunten Augen thront, denkt keiner ans Kuscheln. Ronald Searle lässt die Schurrhaare gefährlich in alle Richtungen sondieren, zwei spitze Zähne lugen aus dem geschlossenen Breitmaul, und die Krallen an den Pfoten versprechen auch nichts Gutes. Die eigenwillige Mentalität des Katzentiers bringt Searle so selbst in Ruhepose zum Ausdruck. Er hat auch noch typische Begegnungen mit spitzer Feder ausgeführt.

„Zahme Viecher und wilde Bestien“ heißt die Tierschau im Herrenhäuser Wilhelm-Busch-Museum, das bezeichnet das Spektrum von Tierdarstellungen durch die Geschichte der Karikatur. Während Searle so weit geht, auch schon mal das Tier selbst in der Karikatur zu kritisieren, ist der häufigste Ansatz doch der, dass mit dem Tier Menschen gemeint sind oder eben Zustände getroffen werden sollen, die sie verschulden.

Als „Singerie“ wurden schon im 16. Jahrhundert Affenkompositionen ausgemalt, in denen die den Menschen ähnlichsten Tiere auch deren Verhalten nachäffen und so mal unterhaltsam, mal kritisch bloßstellen. Beliebt waren auch Bilderbögen mit Bildern einer „verkehrten Welt“, in der Kinder ihren Lehrer verhauen, Männer am Spinnrad spinnen und eben auch schon mal Menschen im Vogelkäfig landen. Solche Absurditäten sollten zwar anfangs nur die „normale“ Weltordnung bestätigen, aber zunehmend wurde deren Wohlgefügtheit auch in Frage gestellt. Da ähneln Frank Arnolds Zoobesucher doch auffallend den Tieren, die sie beschauen. Und die Orang-Utans bei Henri Daumier im 19. Jahrhundert wirken in jedem Fall natürlicher als ihre gezierten Betrachter.

Am Ende drehen die Tiere den Spieß einfach um: Friedrich Karl Waechter lässt Vögel durchs Schlüsselloch gucken, „unfassbar“ ist das Menscheln im Schlafzimmer den Vögeln. Und in Ernst Kahls „Gänsekeulen“ greifen die Federviecher selbstbewusst ein, bevor ihre Schenkel gebraten werden können, und schwingen eiserne Stachelkeulen gegen den Bauern. Verkehrte Welt, aber im Sinne des gemeinsamen Lebensrechts aller Kreaturen vielleicht aufrüttelnd zu einer besseren.

Allzumenschliches ist dagegen Thema in Wolf Rüdiger Marundes gemäldehaft-romantischem Bild „Sünde“. Da sinnieren zwei Kaninchen über Nebelbänke hinweg in den Vollmond „Wenn ER dort oben wirklich existiert, der große Rammler – wie kann ER zulassen, dass Kaninchen täglich Opfer von Gewalttaten werden“ und zeigen so das Häschenniveau solchen Kleinbürgerphilosophierens.

Auf dem Treppchen des Wettbewerbs „Bester im Brummen“ steht die Biene ganz oben, gefolgt von Käfer und Bär – ein Seitenhieb auf menschliche Gewinn- und Optimierungssucht. Und Searle setzt 1990 Ratten ins Restaurant „La Poubelle“, eine gepflegte Müllausschüttung. Eitelkeiten erfasst auch Searles Katze, die mit einer Fischgräte in der Hand offenbar Hamlet probt. Tomi Ungerers „Spiegelbild“ ist dann schon allzu wohlfeil aufs Menschliche gemünzt, aber gut gemalt: Die Affendame mit allzu viel Lippenstift, Pumps und Schleife im Haar erschaut sich im Spiegel wie die Betrachterin des Bildes sich.

Schwerer verständlich sind heute die politischen Anspielungen mit Tieren als Symboltieren für Völker und Staaten. Einfacher schon Tiere als Symbole politischer Verhaltensweisen, da trotzt Charles de Gaulle als Elefant den schubkräftigen EWG-Beitrittsgesuchen des Briten Wilson und lässt sich nicht bewegen. Wer hätte damals, 1967, an einen Brexit gedacht.

Sarkastisch eröffnet Robert Gernhardt eine neue Gattung der Gedichtkarikatur in der Tradition Wilhelm Buschs: Von Konsul Franz, einem Kater, gibt es pro Zeile erst Detailbilder von Tatze und Schwanz, dann einer Maus, angeblich seinem Freund, zu sehen, erst im letzten Gesamtbild erkennt man, dass die Maus ihm im Maul hängt: „Das ist er ganz, der Konsul Franz.“

Bis 21. Mai im Busch-Museum Hannover, Di.-So. 11-18 Uhr.

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