Das Geheimnis ist sichtbar ist banal

Braunschweig  Der Braunschweiger Künstler Franz Burkhardt zeigt „3 Zimmer, Küche, Diele, Bad“ im Konsumverein.

Die Ausstellung im Allgemeinen Konsumverein, Hinter Liebfrauen 2, ist bis zum 24. Mai zu sehen Do. 18 bis 22 Uhr; Sa., So. 14 bis 18 Uhr.Foto: Susanne Jasper

Die Ausstellung im Allgemeinen Konsumverein, Hinter Liebfrauen 2, ist bis zum 24. Mai zu sehen Do. 18 bis 22 Uhr; Sa., So. 14 bis 18 Uhr.Foto: Susanne Jasper

Gut, dass die Aufsicht im Konsumverein mir hinterhergerufen hat, die Türen bitte nicht zu öffnen. Denn natürlich hätte ich die Klinken heruntergedrückt. Man ist schließlich neugierig, mitunter geradezu schamlos begierig alles Mögliche und Unnötige bis ins Kleinste schmuddelige Detail zu wissen, weshalb der Neugier auch eine dunkle, wenig charmante Färbung anhaftet – bis hin zur schäbigen Kittelschürze und Tratsch im Treppenhaus.

Da steht man also in der riesigen Holzkiste, die Franz Burkhardt in den Konsumverein gebaut hat und deren Innenleben eine Flursituation mit vier Türen exakt nachbildet oder eben doch nur imitiert. Und weil einem die Hände gebunden sind und der Voyeurismus schon dermaßen ausgebremst worden ist, guckt man sich eben nur den Korridor an.

Eingangstür mit Briefschlitz, drei Zimmertüren, Türrahmen, Fußleisten, Schalter (ob man die wohl auf Funktionstüchtigkeit prüfen sollte? ), Steckdosen, Heizkörper (der nur so tut, als sei er einer, oder?), zwei gerahmte Bilder, Stuckrosette an der Decke, aus der am Kabel eine Glühbirne baumelt. Der rote Teppich versaut von weißer Farbe. Türen und Wände mäßig sorgfältig gestrichen. Die Türen sind beklebt mit allerlei, bekritzelt mit vielem („Die Zeit ist längst reif dafür“, „Keine Meisterwerke mehr“).

Intention des Künstlers kapiert: Wenn man nicht alles sehen, nicht jeden Raum betreten kann – dann denkt euch doch selber was! Also denken wir. Könnte eine WG sein. So wie das hier aussieht. Vorurteil lässt grüßen. Wir denken an alte Zeiten. Lange Nächte. Kurze Episoden. Das ist ganz nett, aber letztlich: Spielerei.

Der Flyer zur Ausstellung zitiert den in Belgien lebenden HBK-Absolventen Burkhardt (52): „Das wahre Geheimnis der Welt liegt im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren.“ Da ist was dran. Denn was soll trotz allen Vordergründig/Hintergründig-Gehubers, das solch Arbeiten gern umwabert und sie als „ästhetisches Erlebnis, das andere Gedankenräume eröffnet“, preist – was soll schon los sein hinter den Türen? Im Zweifelsfall: nichts Dolles.

Da werden keine Dinger gedreht. Nichts Spektakuläres. Studentenmief vielleicht. Bisschen kiffen womöglich. Die Banalität des Alltags wahrscheinlich, an der unsere Neugier schnell enttäuscht erschlaffen würde. So lenkt dieser Satz das Augenmerk noch einmal anders auf die Zeichen an den Türen und Wänden, die Metermaßstriche, die merkwürdigen Namen. Zur ganz großen Irritation, zur Beklemmung reicht dieses bis in den kleinsten Klebestreifen, bis hin zur druckbuchstabigen Mahnung „Verschleierung der Selbsterkenntnis“ inszenierte Spannungsfeld zwischen Sein und Schein dennoch nicht. Die Einsicht darin, dass alles sichtbar ist, bleibt flach. Das Geheimnis bleibt Behauptung. Womöglich ist die Welt eben banaler als erhofft.

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