Rocko Schamoni: „Die Menschheit ist dumm“

Braunschweig  Der Autor und Entertainer Rocko Schamoni gastiert am 22. April in Braunschweig. Die Echo-Debatte findet er absurd: „Ein ferner Turm aus Müll“.

Rocko Schamoni wurde in den 90er Jahren als schräger Punk- und Schlager-Entertainer bekannt. Als Schriftsteller hatte er 2004 großen Erfolg mit dem Roman „Dorfpunks“. Mit Heinz Strunk und Jacques Palminger bringt er als „Studio Braun“ Filme und Theaterproduktionen heraus. Am Sonntag präsentiert er „Die große Rocko-Schamoni-Show“ in Braunschweig. Mit ihm sprach Florian Arnold.

Haben Sie Ihre Echos schon zurückgegeben?

Ich habe mit diesem Preis nichts zu tun und würde ihn auch gar nicht haben wollen. Ob da nun Brutalorapper rappen oder nicht, ist mir ziemlich egal, weil ich die ganze Veranstaltung völlig überflüssig finde. Vorher sind da diverse rechte Rockbands aufgetreten und bepreist worden, und in diesem Jahr fällt manchen plötzlich auf, dass die Grenzen des guten Geschmacks übertreten sind. Und dann kommt Marius Müller-Westernhagen und gibt seine Preise zurück – das finde ich, gelinde gesagt, geheuchelt.

Mit rechten Bands meinen Sie die heimattümelnden Rocker Frei.Wild. Wenn ich deren Texte mit denen von Farid Bang und Kollegah vergleiche, finde ich die der Rapper deutlich menschenverachtender.

Ich will das gar nicht gegeneinander aufrechnen. Das ist Musik, die mich nullkommanull interessiert. Ich finde es nur trist, was die so absenden. Aber so zu tun, als ob bei den Echos erst jetzt die Grenzen des schlechten Geschmacks übertreten worden wäre, finde ich absurd. Diejenigen, die nun Preise zurückgeben, hätten sie gar nicht annehmen sollen.

Sind Sie vielleicht auch deshalb so schlecht auf den Echo zu sprechen, weil Sie mit Ihrer eigenwilligen Musik nie Verkaufszahlen erreichen werden, die für eine Nominierung nötig sind?

Das ist ein Industrie- und Lobbyistenpreis. Ich habe mich sehr bewusst für die Musik entschieden, die ich spiele und höre. Und ich kenne mich gut aus in der Musikgeschichte. Es ist eine dünne Fetthaut von oberflächlicher, gut verwertbarer Musik, die obenauf schwimmt. Das bedeutsame Meer von Musik liegt darunter, und es wird nicht präsentiert, nicht bepreist, nicht im Radio gespielt. Das ist Verrat am Konsumenten. Der Echo ist für mich ein ferner Turm aus Müll.

Aber warum konsumiert die Mehrheit der Leute denn Alben, die beim Echo eine Rolle spielen? Die Leute sind ja nicht alle dumm. Vielleicht reicht ihnen einfachere Musik, weil das Leben kompliziert genug ist?

Ich glaube, dass die Menschen dümmer sind, als sie denken. Die permanente Behauptung, die breite Masse sei viel schlauer, als man glauben würde, halte ich für unwahr. Ich glaube, die meisten sind mit ihrer kleinen Welt sehr zufrieden: mit ihrem Job, ein bisschen Konsum, ein bisschen Unterhaltung – mehr wollen die meisten nicht. Warum ist das so? Hat das mit dem Elternhaus, mit der Schule, mit unserer Gesellschaft zu tun? Vermutlich mit einer Kombination aus allem. Um dem Desinteresse an einer offenen und spannenden Kunstwelt entgegenzuwirken, sollte man im Radio und im Fernsehen eine Qualitätsquote einführen, per Zwang. Ich glaube nicht mehr an die Möglichkeiten der freien Wahl, weil die Leute immer das Schlechteste wählen…

Auf welche Erfahrungen gründet sich das?

Ich habe beispielsweise gerade sehr verärgert eine Doku über Kreuzfahrtschiffe gesehen. Deren Zahl hat sich in den letzten Jahren verzehnfacht, und es sind wirklich Maschinen der Hölle. Sie produzieren nur Schlechtes, für das Meer, für die Tiere, für die Luft, sogar für die Menschen, die mitfahren. Aber die strömen zu Millionen auf diese dreckigen Schwimm-Ghettos, immer mehr. Ich finde das so beschämend, dass ich mittlerweile glaube, die Leute sind eben nicht schlau. Es müsste einen Bildungsauftrag geben in den Medien, die Leute darüber aufzuklären, was sie eigentlich tun, und auch den Zwang für sie, darüber nachzudenken.

Das klingt drastisch.

Ja. Aber es ist eben nicht selbstverständlich, dass wir jeden Tag so viel Fleisch essen, wie wir wollen, es ist nicht selbstverständlich, dass jeder alleine in seinem Auto zur Arbeit fährt, es ist nicht selbstverständlich, dass jeder jederzeit alles kaufen kann, was er will. Die Probleme fangen beim Konsum an und gehen weiter bei Musik, bei Filmen, bei Kunst. Man muss die Leute erziehen, sonst kacken wir ab, und zwar in den nächsten 100 Jahren.

Werden Sie Ihren hohen Maßstäben denn selbst gerecht?

Ja. Ich versuche mich an alle Regeln, die ich habe, sehr weitgehend zu halten, ich tue mein Möglichstes. Wenn ich mir ein Auto kaufen würde, worüber ich nachdenke, wäre es das Solarzellenauto Sion eines Münchener Herstellers, das übrigens auch ziemlich günstig ist.

Noch einmal zu den Brutalo-Rappern Bang und Kollegah. Man kann die ja auch als Spiegel einer Gesellschaft sehen, die wieder auf das Recht des Stärkeren setzt. Vielleicht geben die sich ja ganz bewusst so, als Kunstfiguren.

Es gibt bewusst entworfene Spiegel und solche, die einfach wiedergeben, was in ihnen steckt. Ich glaube nicht, dass das böse Nazis sind, sondern einfach sehr unüberlegte Typen, die nicht über die Verantwortung nachdenken, die sie haben gegenüber den Kids, die sie toll finden. Was mich so ärgert ist, dass die beiden natürlich über die Zeilen gesprochen haben, die sie da schreiben, auch mit ihren Labels: Können wir das bringen? Ach klar, komm, das hauen wir raus, das gibt ’nen Aufschrei. Diese ganze Berechnung war im Spiel, es ist Vermarktungstaktik – das ist das Abstoßende daran.

Provokation ist ein Stilmittel, das Sie auch gerne nutzen. Nun hat Campino bei der Echo-Gala unterschieden zwischen konstruktiver und destruktiver Provokation. Finden Sie die Formel plausibel?

Provokation darf ihre Tricks nicht verraten. Sie muss verwirrend sein, nicht leicht zu dechiffrieren. So waren Die Toten Hosen am Anfang auch mal, so dass die Luft ins Flirren kam und man nicht genau wusste, wo sie hingehören. Aber bei Musikern, die sehr breit gestreute Musik machen für die Charts, liegt oft nur noch Berechnung in der Provokation. Man muss unterscheiden, ob sie ein Marketing-Trick ist oder ob sie meine Gedanken irritiert und meine Werte durcheinanderwirbelt.

Vor drei Jahren haben Sie mir gesagt, dass Sie ihr Künstlerleben zunehmend frustrierender fänden und ernsthaft überlegten, wieder in Ihrem Lehrberuf als Keramiker zu arbeiten. Das hat sich erledigt?

Nein, ich denke weiter darüber nach. Ich habe in den letzten Jahren auch tatsächlich Keramik hergestellt, etwa Aschenbecher mit Gesichtern mächtiger Führer unserer Welt. Die haben sich teils gut verkauft. Ich gucke mich aber weiter um, ob ich nicht endlich aus Deutschland verschwinden sollte.

Andererseits nutzen Sie die Segnungen der Technik. Ihr jüngstes Buch besteht aus Ihrem SMS-Verkehr mit dem österreichischen Kabarettisten Christoph Grissemann.

Diese exzessive Textnachrichten sende ich mir aber nur mit ihm. Wenn der eine was abfeuert, muss der andere darauf antworten. Ich habe das meinem Verlag erzählt, und Piper hat gesagt, okay, das wollen wir rausbringen. Grissemann und ich hatten nichts dagegen, nebenher ein bisschen Geld mit unseren SMS zu verdienen.

In unserem Gespräch sind Sie sehr klar und politisch – auf der Bühne dagegen ein schillernder Ironiker.

Weil die Leute bei einer Abendveranstaltung mit Musik keinen Polit-Typen auf der Bühne haben wollen, der ihnen mal ordentlich den Marsch bläst, sie wollen unterhalten werden. Ich lasse aber durch meine Texte immer wieder durchschimmern, wo ich zu verorten bin. Das sind im Grunde alles verzweifelte Satiren auf eine untergehende Menschheit.

Gibt es neue Texte von Ihnen?

In Braunschweig werde ich aus einer Art Lexikon der menschlichen Dummheit vorlesen, das da heißen soll „Dummheit als Weg“. Im nächsten Jahr werde ich aber ein anderes Buch herausbringen: „Große Freiheit“. Es handelt von einem legendären Hamburger Puff-Boss: Wolli Köhler. Hubert Fichte hat Anfang der 70er Jahre ein Interviewbuch herausgebracht mit Leuten aus dem Rotlicht-Milieu, das hieß „Wolli Indienfahrer“. Ich habe den Wolli gefunden und kennengelernt. Er ist kürzlich gestorben, mit 85 Jahren. Im Buch erzähle ich seine Lebensgeschichte und die eines sich wandelnden Freiheitsbegriffs in Deutschland.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder