Carmen im Stuhlgebirge auf dem Braunschweiger Burgplatz

Braunschweig  Auf dem Burgplatz in Braunschweig hatte am Samstagabend Bizets Oper beim Staatstheater-Openair in ungewöhnlichen Kulissen Premiere.

Endlich wieder Oper auf dem Braunschweiger Burgplatz! Endlich wieder der volle Klang des Staatsorchesters, das unter Leitung von Srba Dinic Georges Bizets Musik voll spanischer Glut und Zigeunerverve zum Funkeln bringt. In lauer Luft unter dem halbmonderhellten Himmel genossen und feierten Opernfans am Samstag die Premiere des Staatstheater-Openairs.

In der Arena bleibt das spanische Kolorit der Oper “Carmen” allerdings Zitat. Regisseur Philipp M. Krenn und sein Ausstatterinnenteam meiden das Klischee von Torero und rotem Kleid. Stattdessen trägt man die Nylonblousons, Trainingsjacken und Schichtkleidung der Hip-Hopper und sonstigen Partyvolks. Auch der Military-Stil des Leutnants Don José und seiner Kameraden sind heute in. Und Torero Escamillo ist einfach der obercoole Trendsetter im weißen Dress, der Stier bloß aus Flitterpapier und Girlanden. Klar, dass hier auch keine Schmugglerhöhlen, Berge und Stierkampfarena gebaut werden. Die Szene besteht aus einem Haufen Mobiliar - vielleicht aus der Bar Lillas Pastias’. Sie können zu unwegsamen Stuhlparcours, Bergen und Brücken arrangiert werden. Furchtbar attraktiv ist das nicht, und ganz schön wackelig etwa für den Bittgang Micaëlas, der braven ländlichen Jugendfreundin Josés, die ihn aus den Fängen der Stadt-Guerilla retten will. Ekaterina Kudryavtseva singt die beiden rührenden Arien mit schönem Melos und strahlender Höhe.

Aber Krenn will etwas anderes erzählen. Sein Fokus liegt auf Don José, einem Typen im Ausnahmezustand, vielleicht Heimkehrer aus Sondereinsätzen in Übersee. er ist bei ihm ein Nervenbündel stets kurz vorm Amoklauf. Das ist für Kwonsoo Jeon nicht leicht glaubhaft zu machen. Dafür glänzt sein Tenor in schön weichen, auch in der Höhe innigen Farben. Stimmlich ist er eher der Verliebte als der Verzweifelte.

Krenn hat ihm die Figur des Todes dazuerfunden, einen Mann zunächst im schwarzen Kleid, dann Torerohosen und nacktem Oberkörper, zuweilen mit Stierkopf. Er steckt ihm ständig die Pistole zu, die er gegen sich, Carmen, den Rivalen oder alle richtet. Mattias Schamberger gibt dieser Allegorie mystische Aura, als stammte er aus Garcia Lorcas Stücken mit ihrer erdschweren, sonnendurchglühten Rückbindung an die Tradition. Insofern merkwürdig, dass Krenn erst das alte Spanien aus der Oper austreibt und dann durch eine Zusatzfigur wieder zurückholt.

Wenn Staatstheater-Chor, Extra- und Kinderchor, alle Solisten und Statisten um Don José kreisen, wird die Bedrohung, die er spürt, manchmal suggestiv bildlich. Diese Spannung entsteht nicht immer. Und Carmen, die einmal der Prototyp einer emanzipierten, selbstbestimmten Frau in noch patriarchaler Zeit war, ist nun nivelliert zu einem eigenwilligen Mädchen, das sich etwas mehr herausnimmt als andere. Jelena Kordic zeigt in ihren Blicken und lauernder Haltung sehr gut, wie sie nur ihre Wirkung auf José kontrolliert, wissen will, ob sie ihn erobert hat. Als er ihr seine Liebe gesteht, ist er schon uninteressant. Stimmlich ist Kordic mit exzellenter französischer Diktion und den satten Farben ihres komfortablen Mezzos eine Carmen, wie sie im Buche steht.

Den Escamillo singt Eugene Villanueva mit schwerem, vollmundigem Bariton, da dürfte mehr Feuer hinzukommen. Vorzüglich harmonieren Jelena Bankovic und Milda Tubelyte als Carmens Freundinnen, sehr stattlich gestalten Matthias Stier, Maximilian Krummen, Dominic Barberi und David Ostrek die Schmuggler- und Soldatenfreunde. Musikalisch ist diese „Carmen“ damit schön gelungen, die Inszenierung ein ehrbarer Versuch, das Klischee zu verlassen, wenn auch nicht in allen Punkten überzeugend. Großer Applaus.

Weitere Vorstellungen fast täglich bis 5. September.

Am 25. August Burgplatzkonzert des Staatsorchesters mit Domchor und Solisten unter Leitung von Gerd-Peter Münden mit Mendelssohns “Die erste Walpurgisnacht”.

Karten: (0531) 1234567.

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