La Bohème im Staatstheater Braunschweig: Requiem der Jugendträume

Braunschweig.   Regisseur Ben Baur zeigt Puccinis „La Bohème“ im Staatstheater Braunschweig als nostalgischen Bilderbogen aus der Belle Epoque.

Kwonsoo Jeon (von links), Vincenzo Neri, Julian Younjin Kim, Jisang Ryu bei der Inszenierung von La Bohème im Staatstheater Braunschweig.

Kwonsoo Jeon (von links), Vincenzo Neri, Julian Younjin Kim, Jisang Ryu bei der Inszenierung von La Bohème im Staatstheater Braunschweig.

Foto: Björn Hickmann / Stage Picture

In diese Pariser Dachwohnung würden wir sofort einziehen wollen. Diese bleigedeckte Mansarde, Balkon, Zutritt aufs Flachdach des Nebenhauses, im Hintergrund glänzt Paris auf einem Faltenvorhang. Okay, das Idyll ist also gemacht, aber Ben Baurs Bühnenbild am Staatstheater Braunschweig ist schon ganz schön nah dran an dem, was Menschen mit Romantik, Pariser Bohème und Künstlerfreiheit verbinden. Sehnsuchtsorte eines etablierten Bürgertums, das in Puccinis Oper auch seiner Jugenderlebnisse und -träume gedenkt. Mimis Schicksal rührt auch deshalb zu Tränen, weil mit ihr die eigene Jugend, unerfüllte Visionen und im Korsett des Geschäftsalltags niedergekämpfte Lebensentwürfe sterben.

Ein Requiem der Jugendträume

Wir Im-Zweifelsfall-Pragmatiker und Auf-Nummer-sicher-Geher weinen bewundernd Mimis existentiellem Lebensdrang und der Frechheit der Bohème hinterher. Und Puccini packt uns das in unwiderstehliche Klänge und Melodiebögen, schlicht, pikant, nie aufgedonnert, aber süffig zielt er direkt ins Herz und löst jene wohligen Schauer der Rührung aus, die sich an Mimi entzünden, aber uns selber meinen. Ein Requiem der Jugendträume.

Baur macht uns das recht kuschelig zurecht. Mit der beschriebenen Mansarde, einem quirligen Café Momus inklusive Feuerwerk und feinsten Belle-Epoque-Kostümen (Julia K. Berndt). Zuletzt gibt’s einen Sprung ins Surreale, wenn die inzwischen wohlsituierten Freunde in der ehemaligen Künstler-WG herumstehen wie auf einem Gemälde Renoirs und Mimi wie der Engel der Vergangenheit im weißen Hemdchen hereinschwebt, die Todgeweihte, vielleicht schon Gestorbene, nur als Geist der alten Liebe und Jugendträume nochmal Erscheinende.

Das Opfer ist keins mehr

Nur so kann man sich den unlogischen Kontrast erklären zwischen den wohlgekleideten Herren nebst Musette und der offenbar im Hemd auf der Straße aufgegriffenen lungenkranken Mimi. Das Opfer des alten Mantels von Colline ist unter so wohlhabenden Umständen keins mehr. Dass sich keiner der feinen Leute Mimi wirklich naht, sie umarmt, ihr im Sterben die Hand hält, könnte sogar mahnend zeigen, wie Etikette direkte Menschlichkeit behindert.

Aber Baurs Inszenierung scheint weit entfernt von irgendwelchen Appellen, alte Träume wahr zu machen, sondern streichelt die Wehmut des Versäumten und Verlorenen. Da bleibt die genaue situative Charakterzeichnung, wie sie zuletzt Wolfgang Gropper in ebenfalls üppiger Ausstattung am Staatstheater erzielt hatte, zuweilen hinter dem Arrangement zurück. Besonders wenn im Café Momus vor allem Jongleure und Tänzer(innen) für Bewegung sorgen, clownesker Chor, Kinder und Banda (im etwas eigenen Takt) aufmarschieren.

Mehr feine Lyrik wäre gefragt

Doch die Nostalgie vergangener Blütenträume im auskargenden dritten und vierten Bild ergreift, harmoniert mit der Herzensstimmung des Publikums im endlich wieder bis unters Dach ausverkauften Großen Haus. Iván López Reynoso legt mit dem Staatsorchester das Schwelgerische, Sehnsüchtige effektvoll an unter sensibler Berücksichtigung der zarten Emotionen etwa in der ersten Mimi-Rodolfo-Szene oder ihrem ergreifenden Wiedervereinigungsduett im dritten Bild. In Mimis letzter Szene dürfte er das Orchester noch mehr dämpfen, da steigt Ivi Karnezi mit einem wunderschön feinen, dabei klaren Ton ein. Wie sie mit differenziertem Stimmeinsatz diesen einsamen Tod bei ausdünnenden Instrumenten gestaltet, geht unter die Haut.

Kwonsoo Jeon als Rodolfo ist da nicht gerade ein großer Schmerzensdarsteller. Aber sein Tenor hat Geschmeidigkeit und eine gesunde, wohlige Strahlkraft, das macht vielfach Effekt. Angesichts des „eiskalten Händchens“ wäre allerdings mehr feine Lyrik gefragt, da bleibt er zu robust. Sehr schön legt sich Anat Edri in die Vokalisen ihres Musette-Walzers. Optimal in Spiel und Gesang zeigt sich Vincenzo Neri den Marcello, nie vordringlich, immer präsent und von kräftiger, dabei weicher baritonaler Fülle. Jisang Ryu wird die Mantelarie als Paradearie mit Applauspause ausgelegt, das ist widersinnig. Wie überhaupt Binnenapplaus eine durchkomponierte Erzählung stört.

Der Schlussapplaus fällt dann entsprechend lang und heftig aus, auch für den Regisseur. Hier hat sich das Staatstheater offenbar einen Publikumsrenner gezaubert. Wem die Burgplatz-„Carmen“ zu spröde war, der kann sich in dieser „Bohème“ den Nachschlag an Ausstattungsromantik holen.

Wieder am 5., 22., 28. Dezember, 17., 22. Januar, 8., 16. Februar, 1., 17., 24. März. Karten: (0531) 1234567.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder