„Turn of the Screw“ im Staatstheater: Schauer erwachender Erotik

Braunschweig.  Dagmar Schlingmann und Ivan López Reynoso am Pult erzählen Brittens „Turn oft the Screw“ am Staatstheater Braunschweig als suggestives Pubertätsdrama.

„Turn of the Screw“ wird im Staatstheater noch an fünf weiteren Terminen aufgeführt.

„Turn of the Screw“ wird im Staatstheater noch an fünf weiteren Terminen aufgeführt.

Foto: Thomas M. Jauk/Stage Picture

Das Grauen im Kinderzimmer. Schlumpf und Hasenmaske und rosa Plüschtier mit Glupschaugen mögen als Spielzeug süß sein, im Dunkeln und ins Riesenhafte vergrößert, erregen sie Schrecken. Was ist, wenn auch die Kinder nicht mehr niedlich und unschuldig sind, sondern groß werden und grausam? Dagmar Schlingmanns Inszenierung von Benjamin Brittens „Turn of he Screw“ traut sich, die angeblich minderjährigen Engel aus Henry James‘ Erzählung so frech und pubertierend zu zeigen, wie es die Geschichte suggeriert. Und Sabine Mader hat dafür ein Bühnenbild auf die Drehscheibe gebaut, das zunächst noch bürgerliche Wohlgeordnetheit suggeriert und immer mehr zum Horror-Spielzeugland mutiert – mit Riesensaurier, Autoscooter und einem drachenförmigen Tunnel.

Der kleine Miles wird von Milda Tubelyte sehr authentisch als Heranwachsender in Schlabberkleidung und mit tief ins Gesicht hängenden Haaren gezeichnet, ein in sich verkrochener, verstockter Teenager, der mit sich selbst nicht im Reinen ist und seine Mitwelt abwechselnd anödet oder foppt. Mal rückt er der Gouvernante flirtend auf die Pelle, mal sucht er in kindlicher Umarmung bei ihr Trost. Mit klar gefülltem Mezzoton singt Tubelyte dabei die traurig-schöne Melodie des von Miles erdachten „Malo“.

Etwas weniger Glück hat Jelena Bankovic als seine Schwester Flora, der Kostümbildnerin Inge Madert ein altmodisches Schürzenkleidchen zum Blondhaar verpasst hat, ihr hätte Sentas Latzhose besser gepasst. Bankovics füllig leuchtender Sopran ist eine Wonne. Doch die Kinder sind Biester. Beide halten bei der Ankunft der Gouvernante die Türen zu, schubsen sie zurück und bewerfen sie mit Popcorn, im Unterricht tollen sie herum und singen anzügliche Verse.

Alldem ist die Gouvernante nicht gewachsen. Die Pastorentochter fürchtet sich vor der erwachenden Sexualität. Bei sich selbst, die sie für den abwesenden Hausherrn schwärmt. Und erst recht bei den Kindern, denen bis zu Freuds Thesen Sexualität und Boshaftigkeit abgesprochen wurden.

Dafür steht in der Oper Peter Quint, der angeblich verstorbene Hausdiener, der hier mit silberner Tolle und Lederhosen den lasziven Hausgeist macht, eine Art Puck der bürgerlichen Landsitze. Disharmonisch in die Szenen klingelnde Celesta lässt ihn weniger dämonisch als feenhaft erscheinen, und so wirkt er hier auch weniger als Verderber denn als Lebenslust fördernder Verführer, der mit Miles auf dem rosa Plüschtier kuschelt, während sich seine Gefährtin Miss Jessel Flora nähert. Matthias Stier hat dafür die ideale, geschmeidig weiche Stimme zu bieten, ein Tenor von verführerischer Leuchtkraft. Ekaterina Kudryavtseva singt die Jessel mit energisch auftrumpfendem Sopran, Rächerin, nicht Verliererin. Als herrlich zusammenstimmendes Quartett lancieren die Kinder und ihre erotischen Alter Egos so vor der Pause ihre Melodien auch in die nächtigen Träume der jungfräulichen Gouvernante.

Die ist bei der famosen Inga-Britt Andersson natürlich alles andere als eine zaghafte Jungfer, sondern eine jugendfrisch und unverbraucht wirkende Landschönheit, die mit unermüdlichem, stets ausgeglichen und prägnant klingendem Sopran ihre Überzeugungen zu retten trachtet. Doch spürt sie allenthalben die Wellen der Erotik, wenn zunächst Puck-Quint von Geisterhand mit ihren Haaren und ihrem Gürtel spielt, nachher die Haushälterin Mrs. Grose an ihr herumnestelt und –streichelt. Carolin Löffler gibt sie als bleiches Gothic-Mädchen, das mit stumpfer Lust in die Menschen blickt. Ihr Mezzo ist dabei von satter Farbe und Kraft.

Schlingmann hält in Nebeln und Zwielicht geschickt die Spannung zwischen realistischem Spiel und traumatischer Bildanordnung. Am Ende holen Quint und Jessel die Kinderpendants von Miles und Flora, während die Erwachsenendarsteller wie tot liegen bleiben. Haben sie die Seelen an sich genommen, die oft als Kinder dargestellt werden? Oder nehmen sie nur die Kindheit und deren Unschuld mit sich von den zu Erwachsenen gewandelten Jugendlichen? Die Ambivalenz ist bei Britten werkgerecht.

Ivan López Reynoso lässt sie im exzellent solistisch besetzten 13-Personen-Orchester fachgerecht schillern. Und das mit Präzision. Mal ziseliert er feinste Kammermusik mit Flöten, warmen Streichern und Harfe am Abend, mal tollen Perkussion und eisglatt quietschende Geige, dann wieder leuchtet traurig die Malo-Melodie auf; Klarinette, Harfe, Flöte wechseln in erregten Läufen, selbst die Glocken wirken unheilig-potent; paukenschlaggetrieben strudelt das Orchester zur drohenden Flucht der Gouvernante auf. Aber immer wieder vertropft alles zu zager Ungewissheit. Reynoso gelingt aus komplizierter Partitur eine suggestive Psycho-Klanglandschaft.

Am Ende starker Applaus für alle und viele Bravos. Diese maßstabsetzende Produktion sollte man sich nicht entgehen lassen.

Wieder am 30. Januar, 9., 12. Februar, 3., 10. März. Karten: (0531) 1234567.

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