„Norwegen sollte Vorbild sein“

Frankfurt  VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann fordert einen verbindlichen politischen Fahrplan für den Ausbau der Elektro-Mobilität in Deutschland.

Messezeit ist für die Vorstände des VW-Konzerns und seiner Marken auch Pressezeit. Veranstaltungen wie die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt bieten die Gelegenheit für Interviews. Jürgen Stackmann, Vertriebsvorstand der Konzern-Kernmarke VW, sprach mit Andreas Schweiger über die sinkenden Verkaufszahlen in Deutschland, wachsende Konkurrenz aus China und die Treue der Kunden in den USA.

Herr Stackmann, die Verkaufszahlen der Marke VW sind in Deutschland den zweiten Monat in Folge zweistellig gesunken. Sehen Sie diese Entwicklung als Delle, oder bereits als Krise?

Dieser Rückgang ist aus unserer Sicht erklärbar. Verschiedene Faktoren führen zu einer aktuell wenig zufriedenstellenden Situation in unserem Heimatmarkt - hier gibt es quasi eine Sonderentwicklung.

Welche Faktoren meinen Sie?

Neben dem großen Vertrauensverlust bei unseren Kunden, den wir leider auch selbst zu verantworten haben, zusätzlich eine starke Verunsicherung der Diesel-Fahrer wegen der zum Teil unsachlichen Diskussion über Einfahrverbote in Innenstädten. Das bereitet uns große Sorgen. Hinzu kommt, dass wir die Nutzungsdauer unserer Dienstfahrzeuge verlängert haben. Das wirkt sich ebenfalls negativ auf die Auslieferungen aus. Zu diesem Schritt haben wir uns entschieden, um den Druck aus dem Gebrauchtwagenmarkt zu nehmen. Das ist uns gut gelungen, die Restwerte entwickeln sich stabil.

Wie soll die Marke in Deutschland aus der Delle herausfahren?

Uns bewegt vor allem die wachsende Verunsicherung der Kunden, daher hoffen wir auch auf klare Signale der Politik. Wir führen schon jetzt viele Gespräche, um die Diskussion zu versachlichen. Ein weiterer Baustein, um die Verunsicherung der Kunden zu nehmen, ist die Nachrüstung der Diesel-Modelle mit Software-Updates. In Deutschland haben bereits mehr als 80 Prozent der im Rückruf befindlichen Autos das Update bekommen. Unabhängige Tests zeigen, dass der Stickoxid-Ausstoß dadurch im Durchschnitt um zirka 25 Prozent verringert wird. Wir können mit den Updates also viel erreichen.

Trotzdem wird auch von der Politik die Nachrüstung mit Hardware gefordert, also der Einbau einer Harnstoff-basierten Technik.

Die Diskussion um die Hardware ist leider nicht rein sachlich. Es gibt hier technologisch keine standardisierte Lösung. Für jedes Modell müsste eine eigene Lösung entwickelt werden, was ein bis zwei Jahre dauern kann. Außerdem fehlt in zahlreichen

Modellen der Bauraum für die Hardware.

Ist der Diesel noch zu retten?

Ja, unbedingt. Der moderne Diesel ist sauber, effizient und bietet nach wie vor Vorteile vor allem für Langstrecken- und Vielfahrer. Wenn wir auf die CO2-Bilanz schauen, gibt es derzeit keine Alternative zum Diesel. Um die Abgasreinigung zu verbessern, steigt der technische Aufwand aber stetig und mit ihm die Kosten. Deshalb wird der Diesel für kleine Fahrzeuge keine Option mehr sein, für Fahrzeuge von der Golf-Klasse an aufwärts aber sehr wohl.

Was ist erforderlich, um den Durchbruch der Elektro-Mobilität zu beschleunigen?

Die Marke VW zeigt auf der IAA mit ihren Modellen aus der I.D.-Familie, wie sie sich die E-Mobilität ab 2020 vorstellt . Mit attraktiven, alltagstauglichen Autos, die in etwa so viel kosten wie ein ähnlich ausgestatteter Golf-Diesel. Wir unternehmen sehr viel, um Null-Emissions-Fahrzeuge zu ermöglichen. Wenn sich in Deutschland die gesamte Gesellschaft für diese Strategie entscheidet, brauchen wir eine sachlichere Diskussion und einen konkreten Fahrplan.

Was muss dieser Fahrplan beinhalten?

Unter anderem müssen die kommunalen Bauvorschriften angepasst werden, damit die Ladeinfrastruktur aufgebaut werden kann – zum Beispiel an Straßenlaternen. Es ist auch sinnvoll, darüber zu diskutieren, wie eine Elektroauto-Flotte als Zwischenspeicher genutzt werden kann, der für den Ausbau der Wind- und Solar-Energie erforderlich ist. Für diesen technologischen Umstieg mit all seinen Facetten benötigen wir einen gesellschaftlichen Konsens in Deutschland. Vorbild sollte für uns Norwegen sein, wo bereits mehr als 40 Prozent aller neu zugelassenen Fahrzeuge elektrisch angetrieben werden. Volkswagen ist dort Marktführer. Das zeigt, dass wir es können.

Wie wirkt sich die Umweltprämie aus, mit der Volkswagen die Besitzer alter Diesel zum Umstieg auf neue und sauberere Fahrzeuge bewegen will?

Die Prämie wird sehr gut angenommen. Bei uns sind bereits mehr als 10 000 Bestellungen eingegangen. 40 Prozent dieser Kunden haben vorher keinen Volkswagen gefahren.

Bestellen sie auch E-Fahrzeuge?

Ja, fast 10 Prozent der Bestellungen sind für E-Modelle, insbesondere für den E-Golf. Das freut uns natürlich. Bisher lag der Anteil von E-Modellen bei etwa 1,5 Prozent gemessen an den Gesamtauslieferungen. Das Thema beginnt also zu greifen. Je erschwinglicher die E-Fahrzeuge werden, desto relevanter wird die Nachfrage.

Chinesische Autobauer treten auf der IAA sehr selbstbewusst auf. Wie ernst nehmen Sie die Ankündigungen, dass die Chinesen den europäischen Markt erobern wollen?

Ob die Autos auf dem europäischen Markt Erfolg haben, wird sich zeigen müssen. Uns ist aber klar, dass der Tag kommen wird, an dem sie in Europa antreten. Daher nehmen wir den Wettbewerb sehr ernst. Die chinesischen Hersteller haben bei Qualität und Technik stark aufgeholt. Sie greifen Europa nicht schon jetzt direkt an, sondern sammeln Exporterfahrungen zunächst auf anderen Märkten, zum Beispiel in Lateinamerika.

VW ist in China sehr stark, der Markt ist für VW der größte. Befürchten Sie eine Verschiebung angesichts der erstarkenden chinesischen Konkurrenz?

Nein. Unsere Teams dort sind sehr erfolgreich. Wir steigern nach wie vor unsere Auslieferungen, der Vertriebsanteil Chinas liegt bei der Marke VW inzwischen bei knapp 50 Prozent. Der Marktanteil ist nahezu konstant, wir verlieren nur ganz leicht. Im nächsten Jahr starten wir in China eine SUV-Offensive, mit der wir den Marktanteil wieder steigern.

Warum SUV?

Weil kein anderes Fahrzeug-Segment so stark wächst. Im vergangenen Jahr betrug das Plus weltweit 20,9 Prozent.

Gleichzeitig ist China der bedeutendste Markt für die Elektro-Mobilität.

Deshalb werden wir dort die entsprechenden Modelle anbieten. China ist quasi der Referenzmarkt für E-Mobilität. Nirgendwo anders ist die Entwicklung so schnell.

In den USA wächst die Marke VW wieder. Haben Ihnen die Kunden dort nach dem Diesel-Skandal verziehen?

Die Marke hat einen sehr loyalen Kundenstamm. Während der Gesamtmarkt und vor allem das PKW-Segment in den USA schrumpfen, haben wir als eine der wenigen Marken zugelegt. Vor allem unsere SUV Tiguan und Atlas sind sehr beliebt. Für uns bleibt in den USA dennoch sehr viel zu tun, schließlich beträgt unser Marktanteil dort erst 1,9 Prozent.

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