Versuche an Affen sollen Menschen retten

Göttingen  Göttinger Forscher suchen nach Mitteln gegen bisher unheilbare Krankheiten. Kritiker lehnen Affen-Versuche ab.

Ein Javaneraffe schaut durch die Gitterstäbe eines Außengeheges im Deutschen Primatenzentrum in Göttingen.

Foto: Stefan Rampfel/dpa

Ein Javaneraffe schaut durch die Gitterstäbe eines Außengeheges im Deutschen Primatenzentrum in Göttingen. Foto: Stefan Rampfel/dpa

Unsere Leserin Camilla Schönemann aus Braunschweig fragt:

Wird in Göttingen an Affen geforscht? Ich dachte immer, das wäre verboten.

Die Antwort recherchierten Jens Gräber und Matthias Brunnert (dpa)

Die Paviane hocken träge auf dem Boden. Einige kauen scheinbar gelangweilt ihr Futter. Es riecht nach Kot. Plötzlich wildes Gebrüll. Metall scheppert, ein Schrei. Der Besucher direkt vor dem Gehege erstarrt vor Schreck – ohne den stabilen Drahtzaun zwischen sich und dem Pavian-Boss hätte er die Blitzattacke wohl kaum unverletzt überstanden.

Der Mann ist zu dicht an das Gehege herangegangen. „Man muss zwei Meter Abstand halten“, sagt Susanne Diederich, Sprecherin des Deutschen Primatenzentrums in Göttingen. Das ist die Regel für alle Besucher, die bei angemeldeten Führungen die Affen in den Außengehegen des Zentrums beobachten dürfen.

Ja, in Göttingen wird an Affen geforscht. Generell verboten ist das nicht, wie unsere Leserin unterstellt. In den kommenden Wochen rechnet das Primatenzentrum mit deutlich mehr Besuchern als sonst, denn zum 40-jährigen Bestehen der Einrichtung haben die Wissenschaftler eine Ausstellung über die biologische Forschung des Zentrums mit Affen in aller Welt konzipiert.

Rund 1300 Primaten werden derzeit in Göttingen gehalten, neben den Pavianen unter anderem Rhesusaffen, Weißbüschelaffen und Mausmakis. Die Tiere werden für andere wissenschaftliche Institute in Deutschland, aber auch für die eigene Arbeit gezüchtet.

Wichtige Einschränkung im Hinblick auf die Frage unserer Leserin: Menschenaffen sind nicht darunter, denn Experimente an ihnen sind tatsächlich schon seit 2002 in ganz Europa verboten, wie Sylvia Siersleben vom Primatenzentrum erklärt. „In Deutschland wurden aber schon seit Anfang der 90er Jahre keine Versuche mehr an Menschenaffen gemacht. Und hier bei uns haben wir solche Versuche noch nie gemacht.“ Zu den Menschenaffen zählen Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen.

Geforscht wird heute in den Abteilungen Neurowissenschaften, Infektionsforschung und Primatenbiologie. Unter anderem suchen die Göttinger Forscher nach Mitteln gegen bisher unheilbare Krankheiten.

Der Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ zeigt sich davon aber unbeeindruckt. Er hat seine Kritik an der biomedizinischen Forschung des Zentrums, die in der Jubiläums-Ausstellung nicht thematisiert wird, erneuert. Viele Versuche an Affen seien überflüssig oder ließen sich durch alternative Verfahren ersetzen, sagt Sprecherin Julia Schulz. Der Ärzteverein hatte die Tierversuche in Göttingen bereits wiederholt als grausam und medizinisch irrelevant bezeichnet.

Die Sprecherin des Primatenzentrums weist die Vorwürfe zurück. Affen würden nur dann für Versuche genutzt, wenn Fragen zur Erforschung bisher unheilbarer Krankheiten nicht mit alternativen Methoden zu beantworten seien. „Tierversuche sind nötig, um Therapien für Krankheiten zu entwickeln, die bisher nicht geheilt werden können, zum Beispiel die Parkinsonsche Krankheit, Alzheimer und Demenz, aber auch Ebola oder Aids“, sagt Diederich. Es gebe neurologische Fragestellungen, die nur durch Untersuchungen an einem Gehirn beantwortet werden könnten, das ähnliche Leistungen wie ein menschliches Gehirn erbringe.

Unabhängig davon hat Niedersachsens Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) ihr Vorhaben bekräftigt, die Zahl der Tierversuche in ihrem Bundesland grundsätzlich zu reduzieren. Solche Versuche dürften in der Forschung nur noch als letzte mögliche Lösung eingesetzt werden, sagt die Grünen-Politikerin. Niedersachsen hat deshalb in diesem Jahr einen mit 4,5 Millionen Euro ausgestatteten neuen Verbund auf den Weg gebracht, mit dem Ersatz- und Ergänzungsmethoden gefördert werden sollen. Auch das Deutsche Primatenzentrum ist daran beteiligt, berichtet ein Ministeriumssprecher.

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