Asse-Anwohner: Wir lassen uns nicht alles gefallen

Remlingen  Der Betreiber BGE informiert über den Stand der Rückholung im Atommüll-Endlager Asse. Das Zwischenlager entwickelt sich zum größten Streitpunkt.

Unser Leser Franz Albert aus Wolfenbüttel fragt:

Glauben Sachverständige wirklich daran, dass die Fässer ohne zusätzliche Umweltgefährdung, ohne zwischenzeitlichen Wassereinbruch und ohne Einsturz des maroden Gewölbes zurückgeholt werden können?

Die Antwort recherchierte Andre Dolle

Jahrelang verschleppten Streitigkeiten zwischen dem alten Asse-Betreiber, dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und der Asse-2-Begleitgruppe die Suche nach einem Zwischenlager. Nun macht der neue Betreiber, die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), klar: Das Zwischenlager steht oben auf der Agenda.

Asse-Projektleiter Jörg Tietze informierte am Dienstagabend in der Asse-Infostelle über den Stand der Rückholung. Er sagte: „Wir sind derzeit in der Standortsuche – möglichst nahe am Betriebsgelände in Remlingen.“ Er kündigte an: „Wir werden im Frühjahr 2018 die Diskussion wieder aufnehmen.“ Es werde Veranstaltungen mit den Bürgern vor Ort geben, die BGE-Geschäftsführung werde sich des Themas Zwischenlager besonders annehmen – zusammen mit der neuen Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung, die im August ihre Arbeit aufgenommen hat.

Tietze erhielt gleich einen Eindruck davon, was der BGE blüht. Das Zwischenlager brennt den Anwohnern auf den Nägeln. Ein Zuhörer sagte: „Glauben Sie, wir lassen uns das alles gefallen?“ Tietze entgegnete: „Die Bergung des Mülls soll dieser Region doch helfen.“ Zu tief sitzt immer noch das Misstrauen in staatliche Stellen und deren jahrelange Schlampereien. Viele befürchten, dass aus einem Zwischenlager stillschweigend ein Endlager wird.

Das Zwischenlager

Asse-Projektleiter Tietze erklärte, wie die BGE vorgehen wird: Der „Vorkonditionierung“ unter Tage, dem ersten provisorischen Ummanteln der Fässer, folgt dann die richtige Konditionierung: das Aufbereiten und Verpacken des Mülls für Lagerung und den Weitertransport. Die dafür nötige Konditionierungsanlage und ein „Pufferlager“ für Behälter – eine Art Zwischenlagerabstellkammer – müssen laut BGE zwingend an der Schachtanlage sein, also dort, wo der Müll ans Tageslicht kommt. Aber was ist mit dem Zwischenlager, in dem der aufbereitete Asse-Müll dann auf seinen Weitertransport wartet? Schon das BfS hatte dafür plädiert, den schwach- und mittelradioaktiven Müll Asse-nah zwischenzulagern.

Dieser Linie folgt nun auch die BGE, wie Tietze klarstellt. Laut BGE hängt die Strahlenbelastung für die Beschäftigten maßgeblich davon ab, dass sie die Abfälle möglichst nahe an der Asse behandeln können. Die BGE will jeden Transport über die Region hinaus vermeiden. Es geht dabei natürlich auch um den Faktor Zeit und die Kosten. Trotz vieler Nachfragen vertröstete Tietze die Bürger mit weiteren Veranstaltungen, bei denen sich die BGE ausschließlich dem Thema Zwischenlager widmen werde.

Die Rückholung

Diese soll laut derzeitigem Stand 2033 beginnen. Die Rückholung war vor 50 Jahren, als die ersten radioaktiven Abfälle in die Schachtanlage gekippt wurden, gar nicht vorgesehen. Weltweit gibt es kein einziges Vorbild für ein derartiges Projekt.

Tietze gab am Dienstagabend unverhohlen zu: „Ich habe noch gar keine Bergungstechnik.“ Die Frage, wie die 126 000 Abfallbehälter und das kontaminierte Salz aus den Einlagerungskammern in 750 Metern Tiefe geholt werden können, ist also noch nicht geklärt. Das Gerät muss den Atommüll greifen, heben und zerkleinern können.

Es ist davon auszugehen, dass diese Arbeit nicht von Menschenhand erledigt wird. Ferngesteuerte Maschinen sollen das erledigen. Tietze sagte, es sei wahrscheinlich, dass die BGE einen Mix aus individuell geschaffener Lösung und angekaufter Technik einsetzen werde. Die BGE geht davon aus, dass der Müll mittlerweile zum Großteil fest in verdichtetem Salz eingeschlossen sind. Die Gebinde werden erst mit schwerem Gerät aus dem betonharten Salz gelöst werden müssen.

Faktenerhebung

Tietze erinnerte an den Antrittsbesuch des damaligen Bundesumweltministers Peter Altmaier in der Asse. Der 1. Juni 2012 war gleichzeitig der Start für die Faktenerhebung. Altmaier drückte feierlich den roten Knopf. Die Bohrmannschaft hatte daraufhin die Bohranlage in Betrieb genommen. Die Bohrungen dienen dazu, den bergbaulichen Zustand der Einlagerungskammern in Erfahrung zu bringen. Tietze: „Die Abfalldokumentation ist zudem sehr alt, sie wurde nicht optimal geführt.“ Die Faktenerhebung soll beweisen, ob eine Rückholung überhaupt möglich ist.

Erst im August dieses Jahres, also gute fünf Jahre nach der ersten Bohrung, gelang ein Blick in eine verschlossene Atommüll-Kammer. Tietze wertete diesen Schritt als ungemein wichtig. Es handelte sich um die Kammer 7 in 750 Metern Tiefe. Die Kamerabilder zeigen Fässer in gutem Zustand. Weitere Erkundungen per Kamera folgen. Experten gingen bisher davon aus, dass ein großer Teil der in Kammer 7 lagernden 4356 Fässer durchgerostet und zerstört ist. Nach fünf Jahren Faktenerhebung machte das BGE laut eigener Einschätzung einen ganz großen Schritt in Richtung konkreter Rückholungsplanung. Tietze: „Wir werden die Faktenerhebung bald abschließen können.“

Die Notfallplanung

Schon bevor vor 50 Jahren die ersten Fässer mit Atommüll in die Asse gekippt wurden, war klar, dass es Risiken gibt: Während des Salzabbaus hatten die Bergleute 131 Abbaukammern angelegt. Sie liegen dicht nebeneinander. Viele Jahre standen diese Kammern offen. Das sorgte für die wesentlichen Probleme, mit denen sich die BGE auch heute noch herumschlagen muss: Das Bergwerk ist in Bewegung, pro Tag fließen mehr als 12 Kubikmeter Wasser ein.

Ziel der Notfallplanung ist es, das Absaufen der Asse zu verhindern. Dazu werden alle nicht mehr benötigten Hohlräume mit Spezialbeton verfüllt. Laut Tietze ist die Verfüllung der Spalten der Stollendächer, also der Firste, zu 70 Prozent abgeschlossen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass das Bergwerk nicht mehr so stark in Bewegung ist und somit leichter zu kontrollieren ist.

Je nach Standort bewegte sich das Asse-Bergwerk noch Anfang der 90er um bis zu zwei Zentimeter pro Jahr. Heute sind es noch bis zu einem Zentimeter. Das hört sich nicht viel an, hat für die Stabilität eines an sich schon fragilen Bergwerks aber große Auswirkungen. Tietze: „Wir haben das Grubengebäude technisch im Griff.“ Der Asse-Projektleiter erklärte, dass nach derzeitigem Stand die Herstellung der Notfallbereitschaft 2028 abgeschlossen sein wird. Weite Teile des Bergwerks sind dann verfüllt. Die Rückholung des Atommülls erfolgt ab 2033 über neue Zugänge zu den Einlagerungskammern und den neuen Bergungsschacht.

Sollte das Bergwerk doch absaufen, trifft die BGE eine Vorsorge. So sollen die Konsequenzen minimiert werden. Die Hohlräume werden mit Abdichtbauwerken verschlossen. Zudem würde das Bergwerk kontrolliert mit Magnesiumchloridlösung gegengeflutet. Dies würde ein Ausbreiten der radioaktiven Stoffe möglichst lange hinauszögern. So weit soll es natürlich nicht kommen.

Einen Kommentar zum Thema finden Sie hier: Asse-Schreck mit Ende

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