230 Kilometer Leitung sollen die Stromversorgung sichern

Wahle.  Zwischen Wahle bei Braunschweig und Mecklar in Hessen entsteht eine riesige Stromtrasse. Das Umspannwerk in Wahle ist schon fertig.

Markus Lieberknecht, Marco Bräuer und Stephan Schmidt (von links, alle vom Betreiber Tennet) vor den Schaltfeldern im Umspannwerk Wahle im Kreis Peine. Das drei bis vier Fußballplätze große Gelände ist das Kernstück des Umspannwerks. Links neben dem geteerten Weg wird schon bald der erste Strommast stehen.

Markus Lieberknecht, Marco Bräuer und Stephan Schmidt (von links, alle vom Betreiber Tennet) vor den Schaltfeldern im Umspannwerk Wahle im Kreis Peine. Das drei bis vier Fußballplätze große Gelände ist das Kernstück des Umspannwerks. Links neben dem geteerten Weg wird schon bald der erste Strommast stehen.

Foto: Andre Dolle

Kann man denn dagegen gar nichts mehr machen oder wenigstens noch ein paar Jahre verzögern? Ich habe meinen Strom ja schon – und was interessiert mich, ob die im Süden Strom haben oder nicht.

Das fragt unser Leser Franz Albert aus Wolfenbüttel.

Die Antwort recherchierte Andre Dolle.

Im März ist der Umbau des alten Umspannwerks im kleinen Wahle im Landkreis Peine abgeschlossen worden. Etwa 26 Millionen Euro hat der Netzbetreiber Tennet aus den Niederlanden investiert, um es auf den neuesten Stand zu bringen. Fünf Jahre hat der Umbau bei laufendem Betrieb gedauert. Das Umspannwerk soll ab dem Jahr 2021 den Startpunkt für die neue Stromtrasse Wahle-Mecklar bilden. Dann soll die 230 Kilometer lange Leitung in Betrieb gehen. Sie wird bis zum Endpunkt nach Mecklar in Nordhessen reichen.

Umspannwerke sind die Knotenpunkte der Stromversorgung. Es gibt weit über tausend von ihnen in Deutschland. Das in Wahle ist besonders groß. Das Betriebsgebäude wird noch hergerichtet. Kernstücke sind die neuen Schaltfelder. Sie sind bereits komplett fertig. Die Fläche ist drei bis vier Fußballfelder groß. Und sieht aus wie eine überdimensionierte Platine mit elektronischen Bauteilen. Sammelschienen wechseln sich ab mit Strom- und Spannungswandlern, Trennschaltern und Überspannungsableitern. Fast alle Bauteile sind haushoch, manche noch größer.

Es summt, die Leitungen knistern. Von Wahle aus führen schon jetzt große Freileitungen zu den Atomkraftwerken Krümel bei Hamburg und Grohnde im Landkreis Hameln-Pyrmont. Das Umspannwerk ist der Dreh- und Angelpunkt der Stromversorgung in unserer Region. Und bald kommt Wahle-Mecklar hinzu. Der erste der 111 Strommasten im Abschnitt A, der durch unsere Region führt, wird noch innerhalb des mit einem mehr als mannhohen Zaun umgebenen Geländes stehen.

„Völlig harmlos“ seien die Freileitungen, sagt ein Tennet-Sprecher

Der 700 Kilometer lange Südlink ist so etwas wie der große Bruder der Leitung Wahle-Mecklar. Die geplante Mega-Stromtrasse soll Windstrom von der Nordsee in den Süden, nach Baden-Württemberg und Bayern, leiten. Daher der Name. Daran denkt auch unser Leser. Wahle-Mecklar aber soll die Versorgungssicherheit und Netzstabilität bei uns, also in Niedersachsen und Nordhessen, gewährleisten.

Der Bau der Höchstspannungsleitung Wahle-Mecklar ist umstritten: Kritiker äußerten immer wieder Bedenken über Elektrosmog und eine Verschandelung der Landschaft durch die Masten. Auch unser Leser reiht sich da ein.

Tennet ist bemüht, diese Bedenken zu entkräften. Beim Gang über das Gelände des Umspannwerks in Wahle ruft Sprecher Markus Lieberknecht: „Schauen Sie mal, ein Fasan!“ Tatsächlich läuft das Tier den Zaun entlang. Ein paar Meter weiter hoppelt ein Kaninchen über den Rasen. Die Tiere fühlen sich offenbar hier heimisch, weil selten Menschen anzutreffen sind. Alle vier Wochen kommt ein Tennet-Mitarbeiter vorbei. Stephan Schmidt leitet eine 20-köpfige Servicegruppe für Umspannwerke in Niedersachsen. Er sagt: „Wir schauen, ob Wasser in die Bauteile eingetreten ist oder sich ein Ölfilm gebildet hat.“

„Völlig harmlos“ seien die Freileitungen, sagt Lieberknecht. Das gelte auch für das Umspannwerk. „Sie können im Prinzip direkt neben dem Umspannwerk bauen.“ Überall, wo Elektrizität im Spiel ist, entstehen elektrische und magnetische Felder. Lieberknecht versichert, dass Tennet die Grenzwerte unter den Freileitungen und auch außerhalb des Umspannwerks einhält. Er sagt: „Der Induktionsherd arbeitet auch mit Magnetfeldern. Bei 27 Mykrotesla liegt der Wert in der Regel. Das ist ein ähnlicher Wert wie unter einer Freileitung.“

Der Netzbetreiber bezeichnet Wahle-Mecklar gerne als „Grünstromleitung“. Das dient wohl Marketingzwecken. „Wir schicken unter anderem aus Windenergie erzeugten Strom darüber“, sagt Lieberknecht dazu.

In unserer Region trägt viel zur Akzeptanz der Leitung bei, dass auf 13 Kilometern Erdkabel verlegt werden. Es handelt sich um das Teilstück zwischen Salzgitter-Lesse und Baddeckenstedt.

Im Abschnitt B stehen bereits elf Strommasten

Ursprünglich sollten die Bauarbeiten bereits beginnen, bis Ende März wollte Tennet bei Baddeckenstedt einen sogenannten Kabelpflug testen, mit dessen Hilfe die Stromleitung deutlich schonender in den Boden gebracht werden könnte als bislang geplant. Doch inzwischen geht Lieberknecht davon aus, dass es erst „Mitte des zweiten Quartals“ zum Probepflügen kommt, sprich im Mai.

Die Lösung mit dem Kabelpflug bezeichnet Peter Rösch von der Bürgerinitiative Erdkabel Innerstetal als „vernünftig“. Sie sei „wirtschaftlich, bodenschonend, menschenschonend“. Die Pilotstrecke werde sich auszahlen, glaubt Rösch. Die Teststrecke in der Mitte der beiden Umspannwerke Wahle und Lamspringe sei bestens geeignet. Auch der leichte Felseneinschlag und der Kalkstein sei ideal, um zu testen. Ähnliche Argumente dürften andere Gemeinden entlang der Stromtrasse vorbringen können. Nur haben sie keinen Sigmar Gabriel. Der hatte sich noch als Bundeswirtschaftsminister für seinen Wahlkreis Salzgitter/Wolfenbüttel eingesetzt.

Die Erdkabel-Strecke führte aber dazu, dass Tennet im Abschnitt A gleich dreimal die Pläne öffentlich auslegen musste. Das Verfahren zog sich hin.

Eigentlich will Tennet mit den Arbeiten zwischen Wahle und Lamspringe – also auf dem Abschnitt A – an verschiedenen Stellen gleichzeitig anfangen. Während nördlich und südlich des Erdkabel-Abschnitts die ersten Masten errichtet werden sollen, will Tennet möglichst parallel auch die unterirdische Leitung verbuddeln – und zudem mit dem aufwendigen Bau der beiden sogenannten Übergangsanlagen beginnen, jenen Bauwerken, bei denen das Stromkabel von der Freileitung zum Erdkabel wechselt und umgekehrt. Im Abschnitt B zwischen Lamspringe im Kreis Hildesheim und Hardegsen im Kreis Northeim hatte Tennet im März vergangenen Jahres mit dem Bau begonnen, inzwischen stehen elf Strommasten. In unserer Region, also im Abschnitt A, wird die Mehrzahl der Masten 50 bis 60 Meter hoch. Der niedrigste Mast wird westlich von Wahle stehen und gut 45 Meter hoch sein und nordwestlich von Lamspringe der höchste Mast errichtet: Er wird 89 Meter messen. „Grund ist die extreme Höhe des Waldes dort“, sagt Lieberknecht. Die Masten werden in 400 Metern Abstand zu Siedlungen und 200 Metern zu einzelnen Häusern gebaut.

In unserer Region gab es 750 Stellungnahmen und Einwendungen

Die Stadt Einbeck und andere hatten bereits vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig geklagt. Einbeck ging gegen die Planung im Abschnitt B vor, weil die Zickzack-Route im Bereich der Stadt mehrere Ortsteile förmlich einkreise und damit Anlieger und Landschaft über Gebühr belaste. Tennet zeigte sich mit dem Verhandlungsverlauf Anfang April sehr zufrieden, da eine Klage zurückgenommen wurde. Die Entscheidung über die zwei weiteren Klagen wurde vertagt. Der Konzern darf weiter bauen.

Im Abschnitt A in unserer Region gingen seit 2013 etwa 750 Stellungnahmen von Kommunen und Einwendungen von Bürgern bei der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr ein. Die Strecke ist etwa 60 Kilometer lang. Klagen sind im Anschluss an den Planfeststellungsbeschluss auch bei uns möglich. Sie würden ebenfalls direkt vor dem Bundesverwaltungsgericht verhandelt.

Tennet musste im Oktober noch einmal Änderungen in der Planung vorlegen, die eine erneute Öffentlichkeits-Beteiligung nötig gemacht hatten. Deren Ergebnisse stehen immer noch nicht fest. Der Konzern rechnet in den nächsten Wochen mit dem Planfeststellungsbeschluss. Das ist der nächste Meilenstein für die riesige Stromtrasse.

Die Stromtrasse Wahle-Mecklar

Die 380-Kilovolt-Verbindung soll über 230 Kilometer Strecke die Knotenpunkte Wahle bei Braunschweig und Mecklar in Hessen verbinden. Der Bau der Höchstspannungsleitung ist umstritten: Kritiker äußerten Bedenken über Elektrosmog und eine Verschandelung der Landschaft durch Masten. Auf kleinen Abschnitten wird es Erdkabel geben, der Großteil der Trasse ist aber als Wechselstrom-Freileitung geplant: Die Leitung soll einen Beitrag zur Versorgungssicherheit in Niedersachsen und Hessen leisten. Da immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien ins Netz eingespeist wird, kommt das bestehende Stromnetz an die Belastungsgrenze. In Betrieb genommen werden sollte die Leitung eigentlich schon 2017, dann 2018. Nun soll die Leitung Ende 2021 stehen. Die Kosten werden bei etwa einer Milliarde Euro liegen. Sie werden auf den Strompreis und somit an die Verbraucher umgelegt. Betreiber ist der niederländische Tennet-Konzern.

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